ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2009Opiatabhängige: Mit einem Bein im Gefängnis
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Als substituierender Arzt in einer niedersächsischen Kleinstadt mit 60 Substituierten ist der Artikel mir aus der Seele geschrieben: In den letzten drei Jahren beobachten wir eine deutliche Verschlechterung der Behandlungsumstände. Ausgelöst durch die Task-Force der AOK, die unter 267 substituierenden Ärzten eine Handvoll Kollegen ermittelt hat, die wohl mit Substitutionsmitteln „gehandelt“ haben, ist gut ein Drittel aller Substitutionsärzte einem Generalverdacht ausgeliefert worden, mehr oder weniger schwerwiegend gegen Substitutionsbestimmungen verstoßen zu haben. Damit waren die Staatsanwaltschaften auf den Plan gerufen . . . Der Arzt, der sich in das Minenfeld der Substitutionsbehandlung begibt, steht im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Bein im Gefängnis . . . Dass auch Staatsanwaltschaften Sachverhalte ganz unterschiedlich beurteilen und die Richtlinien ein Gestrüpp bilden, das eine verantwortungsvolle Behandlung nahezu unmöglich macht, kann sich ein vernünftiger Arzt kaum vorstellen. Wer ist so naiv zu glauben, unter solchen Rahmenbedingungen Kollegen für den Einstieg in die Substitution zu begeistern, um aus purem Idealismus die eigene berufliche Zukunft zu ruinieren? Dass das kärgliche Honorar in keinem Verhältnis steht zu dem (bürokratischen) Aufwand, der mit der Substitution verbunden ist, sei nur am Rande erwähnt.

Vor dem oben geschilderten Hintergrund haben einige Substitutionsärzte in Niedersachsen die Beteiligten – Krankenkassen, Drogenbeauftragte, Apotheker, KV und Staatsanwaltschaft – zu einem Runden Tisch eingeladen . . . Aber diese sehen – mit Ausnahme der Apotheker – keinen Gesprächsbedarf! Offenbar muss erst der offene Notstand ausbrechen mit stark steigender Beschaffungskriminalität und Zunahme der Drogentoten . . .
Daraus resultiert:
– Um die Substitution in der Fläche zu retten, muss den Krankenkassen und der Justiz dringend vermittelt werden, welcher gesellschaftliche Nutzen aus der Substitutionsbehandlung resultiert.
– Die Qualitätskontrolle muss, wie in dem Artikel erwähnt, durch fachkundigen ärztlichen Sachverstand gewährleistet werden.
– Der ärztlichen Behandlung muss ein juristisch abgesicherter Freiraum eingeräumt werden nach den gleichen Kriterien wie die übrige medizinische Behandlung.
– Es müssen ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden.
– Die Fachverbände müssen klar- machen, dass durch den Einsatz von Substitutionsmedikamenten weder Patienten noch Öffentlichkeit mehr gefährdet werden als durch „normale“ Medikamente, sodass der Umgang mit Substitutionsmitteln liberalisiert werden kann.
Reinhard Lehmann, Johanniswall 11, 27283 Verden
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