ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009Börsebius: Größenwahn und Demut

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Börsebius: Größenwahn und Demut

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LNSLNS Am Telefon werde ich immer wieder gefragt, ob ich denn nicht einen heißen Tipp wüsste. Natürlich weiß ich ihn nicht, denn es gibt ihn auch einfach nicht, und selbst wenn es ihn gäbe, könnte er nur auf einem Insiderwissen beruhen, dessen Weitergabe strafbar wäre. Hier verstehen die Aufsichtsbehörden und Strafverfolger eh keinen Spaß. Und das ist auch in Ordnung so.

Ja, aber dann solle ich doch wenigstens einen Hinweis auf genau die Börsenbriefe geben, die „wirklich klasse“ seien und die ja auch in ihren Werbeaussagen zuweilen mit mehreren Hundert Prozent bereits gemachten Gewinnen auf die Pauke hauten. Nun kenne ich Börsenbriefe seit mehr als einem Vierteljahrhundert, und seien Sie versichert, die Leute dort können samt und sonders weder Grünzeug wachsen sehen noch Börsengeflüster besonders gut gewinnbringend hören. Nein, etliche Börsenbriefschreiber ziehen meiner Meinung nach ihren Lesern mit windigen Empfehlungen das letzte Hemd aus.

Das gilt natürlich nicht für jede Börsenpostille, man findet in diesem Genre durchaus auch ehrliche Leute, die tatsächlich an das glauben, was sie verbreiten. Allerdings denke ich, dass hier der Größenwahn durch alle Buchstaben wabert und am Ende auch nix Gescheites dabei herauskommt. Kurzum: Wenn Börsenbriefschreiber wirklich wüssten, wie die Finanzmärkte oder Einzeltitel laufen, dann würden sie darüber nicht schreiben.

Wenn wir in den Gesprächen schon so weit gekommen sind, dann folgt oft die Bitte, ich möge doch bitte einige seriöse Medien und Quellen aufzählen, wo Börsenwissen kompakt und nicht marktschreierisch erlangt werden könne. Ja, in der Tat, etwa mit der „Wirtschaftswoche“ und dem „Handelsblatt“, aber auch dem Wirtschaftsteil der „Zeit“, vor allem aber mit dem Studium der „Börsenzeitung“ lässt sich ein ganz gutes Basiswissen schaffen, das einem die Anlageentscheidung erleichtert.

Doch Vorsicht. Alles, was in diesem Zeitungen steht, reflektiert Vergangenheit und Gegenwart. Börsenkurse leben aber von der Zukunft. Und die ist nun mal unsicher.

Der wirklich sichere Weg, einigermaßen erfolgreich an der Börse zu agieren, ist zuvörderst, Hochglanzprospekten mit größtem Misstrauen zu begegnen und Beratern umso weniger zu glauben, je eloquenter sie sind.

Aber auch die Innenschau zählt. Größenwahn und der Glaube, mit angelesenem Halbwissen irgendwie durch den Börsendschungel zu kommen, werden empfindlich bestraft. Immer wieder. Demut ist schon von jeher ein guter Wegbegleiter des klugen Investors gewesen, und das wird auch so bleiben. Die Bereitschaft zu glauben, dass an der Börse alles möglich ist, auch das Gegenteil – darauf kommt es an.
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