ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009Arbeitsmedizin: Mit Frachtschiffen unterwegs auf den sieben Meeren

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Arbeitsmedizin: Mit Frachtschiffen unterwegs auf den sieben Meeren

Nolte-Schuster, Birgit

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Foto: Reederei Thomas Schulte
Foto: Reederei Thomas Schulte
Unfälle auf hoher See, Verwischung von Arbeits- und Ruhezeit oder Burn-out durch hohe Arbeitsbelastung – mit romantischer Seefahrt hat dies nichts mehr zu tun.

Der Fahrplan des Containerschiffs „Patricia Schulte“ ist für Neuseeland eng gesteckt: Fünf Häfen zwischen Timaru auf der Südinsel und Auckland im Norden werden im Laufe einer Woche angelaufen, und ein halber bis zu einem Tag steht jeweils für das Be- und Entladen zur Verfügung. Mehr als 2 800 Container kann das zwei Jahre alte Frachtschiff der Hamburger Reederei Thomas Schulte transportieren, und im globalen Wettbewerb gilt es, die Liegezeiten in den Häfen so kurz wie möglich zu halten. Das bedeutet für die 20-köpfige Besatzung oft Einsatz rund um die Uhr, damit die Kühlcontainer mit Fleisch oder die mit Zwiebeln aus Neuseeland für die Weiterfahrt über den Pazifik richtig verstaut werden. Während der sich anschließenden zwei Wochen auf See stehen zwar diese Ladetätigkeiten nicht an, doch die Halterungen der Container müssen regelmäßig kontrolliert werden. Vor allem die obligatorischen Instandhaltungsarbeiten am Schiff ebenso wie verschiedenen Trainingsprogramme der Mannschaft bestimmen dann den Tagesablauf.

Seit Dezember 2008 fährt das Schiff wieder unter deutscher Flagge und neben der Einhaltung von internationalen Standards zur Qualifikation des Schiffspersonals müssen auch verschiedene nationale Richtlinien erfüllt sein. „Mit der Umsetzung von verpflichtenden und auch freiwilligen Standards im Bereich Arbeitsschutz, Sicherheit und Umweltverträglichkeit bekräftigen wir die Bereitschaft zur fortlaufenden Verbesserung der Arbeitsabläufe an Bord unserer Schiffe“, erläutert Alexander Schulte, Sohn des Firmengründers, zur Politik seiner Reederei. Entsprechend dem Schiffssicherheitsgesetz, das sich auf die internationale Übereinkunft zur Sicherheit der Menschen auf See (SOLAS) gründet, ist insbesondere ein Sicherheitsoffizier an Bord für die Beachtung der Regelungen und Vorkehrungen zur Unfallverhütung zuständig. Der Grundsatz „Jeder ist verantwortlich für sich und seinen Nächsten“ soll dabei zur Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen motivieren, sei es zum Tragen von Arbeitsschutzkleidung, zur Planung von Arbeitsabläufen oder zur regelmäßigen Information über die möglichen Risiken bestimmter Ladungen und Materialien.

Doch auch wenn die Motivation grundsätzlich vorhanden ist, leidet die Einhaltung der Sicherheitsvorgaben vielfach unter den oft extremen Arbeitsbedingungen, beispielsweise bei starkem Seegang. Dabei zeigt die offizielle Statistik der See-Berufsgenossenschaft (See-BG) als Träger der Unfallversicherung der Seeleute, dass die Unfallverhütung ein wichtiges Thema ist. Jedes Jahr sind 15 Prozent der Menschen, die auf Schiffen arbeiten, in Unfälle verwickelt. Hierbei stehen 20 Prozent der Schadensfälle im Zusammenhang mit der Arbeit an Maschinen, und durch Stolpern und Fallen verunglückt ein Viertel der Seeleute.

Kapitän zuständig für die medizinische Versorgung
Oftmals ereignen sich diese Arbeitsunfälle mitten auf hoher See. Da die Besatzungsvorschrift für Frachtschiffe in der Regel keinen Schiffsarzt vorsieht, ist der Kapitän in erster Linie für die medizinische Versorgung zuständig. Durch eine spezielle Zusatzausbildung, die regelmäßig aktualisiert wird, ist er auch für kleinere chirurgische Eingriffe geschult, und grundsätzlich steht die telemedizinische Beratung zur Verfügung.

Auch Kapitän Lucian Gafencu von der „Patricia Schulte“ hatte schon verschiedene Notfälle an Bord zu versorgen, zum Beispiel den eines Seemanns mit einem offenen Bruch des Schienbeins. „Das Schiff war sieben Tage entfernt von Japan im Pazifik unterwegs. Es galt, die starke Blutung zu stillen, die Wunde zu desinfizieren und zu nähen und die Fraktur ruhig zu stellen. Der Arzt in Japan bestätigte mir im Nachhinein, dass der Patient optimal behandelt worden war“, beschreibt Gafencu diesen medizinischen Einsatz.

Dass ihm in solchen Fällen zur Schmerzbekämpfung auch Morphine zur Verfügung stehen, erwähnt er mehr am Rande. Denn Drogen an Bord sind allgemein ein sensibles Thema, und so unterliegen auch starke Schmerzmittel einer strengen Regulierung durch internationale Organisationen wie die ILO (Internationale Arbeitsorganisation). Sie müssen gesondert vom Kapitän verwahrt, in den Häfen deklariert und teilweise auch versiegelt werden. Trotz internationaler Empfehlungen oder Vorschriften fehlen sie in vielen Bordapotheken. Schiffe unter deutscher Flagge haben gemäß der „Verordnung über die Krankenfürsorge auf Kauffahrteischiffen“ eine entsprechende Ausstattung mit Arzneimitteln, Medizinprodukten und Hilfsmitteln vorzuhalten. Mit einer Übergangsfrist bis 2012 sind hier beispielsweise die Rettungsmulde und der halb automatische Defibrillator verbindlich. Nicht zuletzt wegen der regelmäßigen Überprüfungen weist ein deutsches Bordhospital im internationalen Vergleich einen hohen und fachlich aktuellen Standard auf. „Dieser deutsche Standard wird von den Seeleuten aus vielen Ländern geschätzt; insbesondere der Malariaprophylaxe wird besonders vertraut“, weiß Dr. med. Clara Schlaich aus ihren Erfahrungen in der Seemannsprechstunde zu berichten.

Die Fachärztin für Innere Medizin und Infektiologie ist Leiterin des Hamburg Port Health Centers und für den hafenärztlichen Dienst und die Gesundheitsvorsorge der Seeleute zuständig. Ebenso wie ihr Kollege, Dr. med. Marcus Oldenburg, der als Arbeitsmediziner den Bereich Schifffahrtsmedizin leitet, sieht sie die gesundheitlichen Risiken, die aus den heutigen Anforderungen im maritimen Berufsfeld resultieren: „Die Erfordernisse des globalisierten Warenaustauschs haben nicht nur das romantische Fernweh, das mancher mit der Seefahrt verbindet, verdrängt. Viele höhere Ränge der Schiffsbesatzungen zeigen unter der Arbeitsbelastung auch vermehrt Anzeichen für das Burn-out-Syndrom.“

Kapitän Lucian Gafencu und Sicherheitsoffizier Denis Buzniakov (v. r.) begutachten im Schiffshospital die neue Rettungsmulde zur Luftrettung. Foto: Birgit Nolte-Schuster
Kapitän Lucian Gafencu und Sicherheitsoffizier Denis Buzniakov (v. r.) begutachten im Schiffshospital die neue Rettungsmulde zur Luftrettung. Foto: Birgit Nolte-Schuster
Ständiger Klimawechsel belastet den Körper
Doch nicht nur die kurzen Liegezeiten in den Häfen und die hohe Mobilität lassen sich als Stressoren für die Berufsgruppe der Seeleute ausmachen. Der spezifische Zusammenhang von Arbeits- und Lebenswelt an Bord hat eine Grauzone geschaffen, in der verschiedene leichtere Tätigkeiten, wie etwa Schreibarbeiten, in die Erholungsphase hineingenommen werden. Zudem werden die internationalen arbeitsrechtlichen Vorschriften, die eine Mindestruhezeit von zehn Stunden bei einer 14-stündigen Arbeitszeit vorsehen, teilweise auch durch aktuelle Erfordernisse eingeschränkt. Die Arbeitsverträge sind bei den Schiffsoffizieren in einem Vier-zu-zwei-Rhythmus gehalten, das heißt, nach vier Monaten auf See stehen zwei Monate Heimaturlaub an. Diese freie Zeit relativiert sich jedoch, da die verschiedenen Qualifikationskurse, sowohl die zur Beförderung als auch die regelmäßigen Kenntnisnachweise, in diesem Zeitraum absolviert werden.

Für die Mannschaft an Deck gelten in der Regel sechsmonatige Arbeitsverträge. Diese können sich durch den aktuellen Bedarf an Seeleuten nach Absprache aber auch länger gestalten. Die damit zusammenhängende Trennung von Familie und Freundeskreis stellt sicherlich einen wichtigen Aspekt bei der psychomentalen Belastung der Seeleute dar. Durch die vielfach sehr hohen Telefonkosten und die begrenzten Möglichkeiten, über das Internet zu kommunizieren, entsteht besonders bei familiären Problemen ein Informationsdefizit, das in Verbindung mit der langen Abwesenheit auch zu Krisensituationen führen kann.

Hinzu kommen die körperlichen Belastungen, die aus den wechselnden klimatischen Verhältnissen resultieren. So verkehrt die „Patricia Schulte“ beispielsweise auf einem 82-tägigen Rundkurs zwischen Bremerhaven und Melbourne und läuft auf der Route verschiedene Häfen in den USA, Kolumbien, Panama und Neuseeland an. Vor allem die philippinischen Seeleute haben bei niedrigeren Temperaturen teilweise Hautprobleme oder fühlen sich infolge der Kälte allgemein in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt. Probleme im Umgang miteinander sind in der multinationalen Schiffscrew dagegen eher selten, und auch Vorbehalte, die unter dem Eindruck von aktuellen politischen Entwicklungen entstehen könnten, ordnen sich einer disziplinierten professionellen Arbeitsauffassung unter. Der Leitsatz „Wir sitzen alle in einem Boot“ gilt dementsprechend auch für den Koch, für den der interkulturelle Aspekt bei der Aufstellung der Speisepläne selbstverständlich ist. Wegen des Schichtdienstes und des arbeitsbedingten Kalorienbedarfs enthält jede Mahlzeit immer auch eine warme Komponente. Der Reis fehlt dabei nie, denn für die philippinische Crew bedeutet er ein Stück Heimatverbundenheit und trägt dadurch zu einer positiven Grundstimmung bei. „Ohne unsere tägliche Portion Reis sind wir nicht glücklich“, beschreibt ein Philippiner dieses kulturelle Merkmal.
Dr. rer. pol. Birgit Nolte-Schuster
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