ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009Retroviren im Prostatakarzinom gefunden

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Retroviren im Prostatakarzinom gefunden

Dtsch Arztebl 2009; 106(38): A-1816 / B-1560 / C-1528

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS US-Forscher haben in den Zellen von humanen Prostatakarzinomen ein Retrovirus nachgewiesen, das bei Tieren krebsauslösend ist. Den Beweis für eine infektiöse Genese des Prostatakarzinoms liefert die Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences jedoch nicht. Das „Xenotropic murine leukaemia virus“ gehört zu den Gammaretroviren, die bei vielen Tieren Leukämien und Lymphome auslösen. Beispiele sind das murine Leukämievirus (MLV), das feline Leukosevirus oder das feline Sarkomvirus.

Gammaretroviren wurden beim Menschen erstmals 2006 gefunden, als Forscher der Universität Los Angeles und der Cleveland Clinic ein bislang unbekanntes Virus in Prostatakrebszellen nachwiesen. Wegen der engen Verwandtschaft zu MLV tauften sie es Xenotropic murine leukaemia virus, kurz XMRV.

Der Nachweis von Virusmaterial allein beweist allerdings nicht eine virale Ätiologie. Der nächste Schritt bestand darin zu zeigen, dass die Viren nur im kanzerösen Prostatagewebe, nicht aber in den gesunden Zellen vorhanden sind. Dies ist jetzt der Gruppe um Ila Singh von der Universität von Utah in Salt Lake City gelungen.

Die Forscher untersuchten Gewebeproben von 200 Prostatakarzinomen und 100 Biopsate aus gesunden Organen. Ergebnis: 27 Prozent der Karzinome, aber nur sechs Prozent der gesunden Zellen enthielten XMRV. Ein weiterer Befund ergab, dass die Infektion nicht an genetische Eigenschaften gebunden ist, wie dies die frühere Studie nahegelegt hatte. Dies hätte bedeutet, dass nur ein geringer Teil der Tumoren durch das Virus ausgelöst wird. Die neue Studie macht es vorstellbar, dass die Viren von allgemeinerer Bedeutung sind.

Von den Eigenschaften anderer Gammaretroviren her ist eine Tumorinduktion vorstellbar. Der genaue Pathomechanismus bei XMRV müsste aber noch analysiert werden. Im nächsten Schritt könnte untersucht werden, ob Menschen, die mit dem Virus infiziert werden, im späteren Verlauf an einem Prostatakrebs erkranken. An die Entwicklung eines Impfstoffs wie beim Zervixkarzinom ist vorerst nicht zu denken.

Forscher schätzen, dass 20 bis 25 Prozent aller Krebserkrankungen eine virale Ätiologie haben. Zu den krebsassoziierten Viren gehören (einige Varianten der) humanen Papillomaviren (Zervixkarzinom), das Epstein-Barr-Virus (Burkitt-Lymphom) sowie das Hepatitis-B- und das C-Virus, die – wenn auch indirekt – ein hepatozelluläres Karzinom verursachen. Rüdiger Meyer
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