ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009S3-Leitlinie zur Hormontherapie: Individuell und mit mehr Beratung

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S3-Leitlinie zur Hormontherapie: Individuell und mit mehr Beratung

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat eine neue Leitlinie zur Hormontherapie in der Peri- und Postmenopause entwickelt. Danach soll die Indikation auf das Leidens- und Risikoprofil der einzelnen Frau abgestimmt werden.

Seit Jahren ringen Befürworter und Gegner der Hormontherapie (HT) in der Peri- und Postmenopause um den „richtigen“ Weg. Somit war die Erarbeitung der ersten interdisziplinären evidenzbasierten Stufe-3(S3)-Leitlinie in der Tat alles andere als einfach: Zwei Jahre lang entwickelten Vertreter von 20 wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften, Verbänden, Arbeitsgemeinschaften und Selbsthilfegruppen unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) unter Koordination von Prof. Dr. med. Olaf Ortmann (Universität Regenburg) das 186 Seiten umfassende Werk, für das mehr als 6 000 Literaturquellen und die methodisch besten Publikationen ausgewählt wurden. „In Deutschland existierte eine derartige Leitlinie zur Hormontherapie nicht, obwohl es sich hierbei um eine der am häufigsten durchgeführten Arzneimitteltherapien handelt“, so Ortmann.

Dabei war die Notwendigkeit spätestens nach Veröffentlichung der „Women’s Health Initiative“ gegeben. Sie hatte festgestellt, dass das Brustkrebsrisiko bei Frauen nach fünfjähriger Einnahme von Hormonen erhöht ist. In einer Stellungnahme des Berufsverbandes der Frauenärzte wurde der Einsatz der Hormone damals vehement verteidigt und die Ergebnisse der Studie infrage gestellt. 2003 legte die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) dann die erste Behandlungsleitlinie zur – wie sie damals noch genannt wurde – Hormonersatztherapie vor. Demnach sollte nur noch nach einem Stufenplan und bei gesicherter Indikation unter individueller Abwägung der Risiken behandelt werden. Zum ersten Mal wurde auch gefordert, dass Frauen besser über Risiken informiert werden müssten. Im Jahr 2004 wurden im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe die Empfehlungen zur Anwendung der HT aktualisiert. Grundsätzlich hatte sich darin die Einstellung zur „hohen Wirksamkeit der HT bei Wechseljahrbeschwerden, wie Schweißausbrüchen, Hitzewallungen oder Urogenitalatrophie“, nicht geändert. Sie habe auch eine vorbeugende Wirkung auf die Osteoporose. Allerdings wies man nun darauf hin, dass die Einnahme von Hormonen auch Risiken berge, und empfahl eine strengere Indikationsstellung sowie deren regelmäßige Prüfung.

Letztlich führte die anhaltende Diskussion um das erhöhte Brustkrebsrisiko und den fehlenden Nutzen bei der kardiovaskulären Prävention zu einem Kampf zweier Lager innerhalb der Gynäkologie: die einen, die eine HT grundsätzlich befürworten und nach wie vor breit verordnen, und die anderen, die Hormone nur noch in Einzelfällen einsetzen wollen. Klare Antworten auf drängende Fragen von verunsicherten Anwenderinnen gab es kaum.

HT-Einsatz muss gründlich abgewogen werden
„Dieser Zustand war nicht mehr haltbar. Die Hormontherapie musste endlich rational beurteilt werden“, erklärte DGGG-Präsident Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg (Universität Ulm). Davon, dass die Hormontherapie eine Reihe von Nutzen hat, ist Kreienberg weiterhin überzeugt. „Dennoch muss ihr Einsatz gründlich abgewogen werden, da sie gesundheitliche Risiken bergen kann.“

In diesem Sinne ist auch die neue Leitlinie formuliert. Sie setzt dabei vor allem auf die adäquate Bewertung von Nutzen und Risiken im ärztlichen Gespräch. „Dieser Teil der Leitlinie ist besonders beachtenswert, da Nutzen und Risiken unterschiedlich ausgeprägt sein können“, betonte Ortmann. Ärztinnen und Ärzte müssten Patientinnen mit bereits bestehenden Erkrankungen anders beraten als gesunde Frauen. Auf der Basis der Leitlinie sei nun eine individualisierte, umfassende Aufklärung möglich, ohne dass jedoch die Leitlinie die ärztliche Erfahrung ersetzen könne. Gefördert werden soll jedoch, dass die Patientin gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt zu einer Entscheidung kommen kann.

Um die Leitlinie, die in einer Kurz- und in einer Langfassung vorliegt, zu erstellen, formulierten die Experten relevante klinische Fragen zu Themen wie klimakterische Beschwerden, vulvovaginale Atrophie, Harninkontinenz, koronare Herzkrankheit, venöse Thromboembolie, Bewegungsapparat und Knochenstoffwechsel, Demenz oder Krebserkrankungen. Die Gruppe suchte dann nach Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien und bewertete den Grad der Evidenz.

Auch bei der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft stößt die neue S3-Leitlinie auf große Beachtung. „Sie ist mit viel Know-how und durch gründliches Durcharbeiten der vorliegenden Studien erstellt worden“, erklärte Prof. Dr. med. Bernd Hinney (Universität Göttingen) dem Deutschen Ärzteblatt. Hinney geht davon aus, dass sich die nächsten Empfehlungen der AkdÄ zur Hormontherapie, die in etwa zwei Jahren erscheinen werden, im Wesentlichen mit der S3-Leitlinie decken.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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