ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1997Musik kann heilsam sein

VARIA: Post scriptum

Musik kann heilsam sein

dpa; Arend, Volker

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LNSLNS Ob Maffay, Mingus oder Mozart - Musik beeinflußt Körper und Seele. Atem- und Herzschlagfrequenz können sich durch die Klänge ebenso ändern wie Hirnströme und Wohlbefinden. Daher nutzen Ärzte die Macht der Musik schon seit dem 4. Jahrhundert vor Christus auch beim Kampf gegen Krankheiten. Inzwischen wenden Mediziner die beruhigende und angstlösende Wirkung der Kompositionen sogar bei der Betreuung von Frühgeborenen und in der Krebstherapie an.
Mit der Erlebniswelt von Ungeborenen und Säuglingen beschäftigt sich der Intensivmediziner Fred Schwartz vom Piedmont-Hospital in Atlanta (USA). "Im Mutterleib ist es mit rund 80 bis 95 Dezibel etwa so laut wie in einer Disco am Samstagabend", sagte er vor kurzem bei einem Seminar der Firma Polymedia in Hamburg. Ausgelöst wird der ohrenbetäubende Lärm vom Blutfluß in der Plazenta sowie der Atmung und dem Herzschlag der Mutter. "Sicherlich ist der Verlust dieser Geräuschkulisse bei der Geburt für ein Baby eine besonders belastende Veränderung."
Deshalb entwickelte Schwartz eine Art "Mutterleibmusik". Mit empfindlichen Mikrofonen zeichnete er die Geräusche im Mutterleib auf und vermischte sie im Tonstudio mit ruhiger Musik und Frauenstimmen. Die vielversprechende Wirkung der Komposition bei seinem eigenen Sprößling veranlaßte Schwartz, seine "Transitionsmusik" auch bei Frühgeborenen in einer klinischen Studie zu erproben. Er beschallte dazu 17 durchschnittlich 1 700 Gramm schwere "Frühchen" in regelmäßigen Abständen für zehn Minuten mit 80 Dezibel lauter "Bauchmusik". Ergebnis: Der bei Frühgeborenen typische Streß nahm trotz des Lärms offensichtlich ab. Die Kinder wurden ruhiger und schliefen länger. Ihre Sauerstoffversorgung verbesserte sich deutlich, Blutdruck und Herzschlagfrequenz sanken.
Andere Untersuchungen zeigten, daß die "Frühchen" unter dem Einfluß der "Transitionsmusik" auch besser wachsen. "Beim Kampf gegen den Streß verbrauchten die Kinder wertvolle Kalorien, die sie dringend für ihre Entwicklung benötigen", erklärte Schwartz. Doch Musik beruhigt nicht nur Kinder. Am Universitätsklinikum Großhadern in München haben Wissenschaftler untersucht, ob Musikhören während einer Chemotherapie die Ängste und nervliche Anspannung der Patienten verringern kann. Die meisten der 70 Probanden wählten klassische Musik. Alle Patienten gaben an, abgelenkt, entspannt oder zum Träumen verleitet worden zu sein. "Musik kann keine Krankheiten heilen, aber sie kann sehr heilsam sein", sagte Hans-Helmut Decker-Voigt vom Institut für Musiktherapie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Volker Arend/dpa
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