ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009Gesundheitswesen: Mogelpackung
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Der gebetsmühlenartig eingeforderte Wettbewerb im Gesundheitswesen ist schon deswegen eine Mogelpackung, da unter einem gedeckelten Budget kein Wettbewerb möglich ist. Die Gesundheitsökonomen aller Schattierungen wissen das, insofern darf man festhalten, dass hier ziemlich dreist zwei inkompatible Philosophien gleichzeitig gepredigt werden, mehr oder weniger politisch inspiriert. Mit Wirtschaftsethik hat das nichts zu tun, eher mit obsessiver Komplizenschaft opportunistischer Bewegungskünstler.

Krankenhäuser werden heute durchrationalisiert wie Industriebetriebe, Stichwort Ergebniskonferenzen, Kennzahlen, Kontrollvariablen, Medizincontroller, Medizinmanager, OP-Manager, Qualitätsmanager, Auslagerung ganzer Berufsgruppen. Expertenmeinungen, auch wenn sie noch so dünn und durchsichtig sind, werden kaum hinterfragt, sondern hingenommen, als wäre es die Bibel und oft ohne Verstand umgesetzt. Der Trend der Zeit geht dahin, Ökonomie, Administration und Controlling einen höheren Stellenwert beizumessen als der ärztlichen und pflegerischen Tätigkeit; daran sieht man am ehesten, wer Herr und wer Knecht ist. Der Realität des Faktischen und dem exorbitanten Druck der Souffleure kann man sich kaum noch entziehen, die Kranken geraten zugunsten schwarzer Zahlen zunehmend aus dem Mittelpunkt, dies ist durchaus mehr als anekdotische Erfahrung. Leistungsminimierung beispielsweise wird vornehm als sektorale Medizin bezeichnet, das aufgehübschte Gewand führt zur Wahrnehmungstäuschung.

Innerhalb der brave new world of medicine mag es Verbesserungen geben, aber die Kernindikatoren verschlechtern sich, insbesondere die Freude an der Arbeit, die Arbeitsbedingungen, die reale Behandlungsqualität und die Weiterbildung. Als Surrogatparameter mögen die Arztbriefe dienen, die sich noch schneller verschlechtern als Klinikbroschüren auf Hochglanz gebürstet werden können. Die Patienten ertragen das bislang zwangsläufig, da sie es nicht besser wissen und auch belogen werden, die Ärzte verabschieden sich frei nach den Bremer Stadtmusikanten – etwas Besseres als den Tod findest du überall . . .

Krankenhäuser sind wesentliche Bausteine im sozialen Gefüge unseres Landes, das sollte Konsens sein. Nur wenn die Entscheidungsträger in dramatisch kurzer Zeit erkennen, dass man dem Gemeinwohl dienende Einrichtungen nicht primär auf ökonomischer Basis führen kann, gibt es noch eine Chance, aber nur eine hauchdünne . . .

Dr. med. Christoph Schöttes, Chefarzt der Medizinischen Klinik, Klinikum Emden, Hans-Susemihl-Krankenhaus gGmbH, Bolardusstraße 20, 26721 Emden
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