ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2009Von schräg unten: Umfrage

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Umfrage

Böhmeke, Thomas

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Feierabend – ich sitze zu Hause und studiere Fachzeitschriften, da unterbricht das Telefon mein Absaugen aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. „Guten Tag“, so meldet sich eine freundliche Frauenstimme. Diese Aussage ist aus meiner Sicht zu bezweifeln, da ich gerade erlesen habe, dass ein vielfach verwendetes Medikament mit gravierenden Störwirkungen behaftet ist. Ich muss daher meine Datenbanken durchforsten und Therapieumstellungen vornehmen, was zu einer Down-Regulation meiner und insbesondere der Patientenstimmung führt. Von einem „Guten Tag“ kann somit keine Rede sein. Die Frauenstimme wechselt in einen Befehlston: „Sie nehmen an einer Umfrage zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage teil!“ Oh! Ich fühle mich geschmeichelt. Welche gravierenden Störwirkungen der aktuellen Finanzkrise soll ich zuerst ansprechen? Die drohende Deflation trotz Milliardeninfusion in die Bankenwirtschaft? Die Außenhandelsdefizite unserer exportorientierten technischen Industrie? Auswirkungen von steigender Arbeitslosigkeit auf die Einnahmesituation der gesetzlichen Krankenkassen? Ich kann mich nicht entscheiden, und so fährt die Dame fort: „Diese Umfrage wurde von der Bundesregierung in Auftrag gegeben.“ Aha! Soll noch einer mal sagen, wir wären nur stummes Stimmvieh, das seine differenzierte Meinung zur globalen und lokalen Politik, seine Einstellung zur Staatsverschuldung und Gesundheitspolitik am Wahltag zu einem analphabetisch anmutenden Kreuzchen eindampfen muss. Nein, unseren Politikern liegt doch die Anhörung der kleinen Stimme aus dem Volk am Herzen, des kleinen Mannes Meinung zur wahlperiodischen Steigerung der Steuersätze oder zum Auslandseinsatz in Afghanistan. Ich kann eine ausgiebige Diskussion zwischen Altersarmut und Zwangsabgaben kaum erwarten. „Diese Umfrage“, so teilt mir die Dame mit, „soll herausfinden, ob Sie sich in Anbetracht der Wirtschaftskrise in Ihrem Konsumverhalten einschränken.“ Dies ist eine sehr komplexe Frage, die meinerseits eine akute rhetorische Krise auslöst. Soll ich einer fremden Person meine Bedenken gegen die Belastungen des bundesrepublikanischen Haushalts durch die Aufwendungen des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes und den daraus resultierenden einschmelzenden Effekten auf den böhmekeschen Haushalt in allen Details darlegen? „Wenn Sie Ihr Konsumverhalten einschränken wollen beziehungsweise eingeschränkt haben, antworten Sie mit ,Ja‘. Wenn Sie Ihr Konsumverhalten nicht einschränken, antworten Sie mit ,Nein‘!“ Nein. NEIN!, brülle ich in den Telefonhörer, in der bösen Vorahnung, dass damit die Diskussion für die Dame beendet ist. Klick – und die Leitung ist tot.
Bin doch nur Stimmvieh. Ich wusste, dass heute kein guter Tag ist.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck
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