ArchivDeutsches Ärzteblatt39/20091989/2009 – 20 Jahre deutsche Einheit: Die Waldheim-Story

THEMEN DER ZEIT

1989/2009 – 20 Jahre deutsche Einheit: Die Waldheim-Story

Dtsch Arztebl 2009; 106(39): A-1882 / B-1614 / C-1582

Jachertz, Norbert

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LNSLNS
Von Nazis und Antifaschisten, Stasi und Psychiatrie
Der Bahnhof von Waldheim, oben auf der Höhe hat schon bessere Zeiten gesehen: D-Zug-Station! Heute hält jede Stunde die Regionalbahn, 37 Minuten bis Chemnitz. Die Schalter vernagelt, kein Taxi auf dem Vorplatz, der Bus fährt stündlich. Unten, entlang des Flusses die hübsche Stadt, die „Perle des Zschopautals“. 8 500 Einwohner, vor der „Wende“ 10.500.

Vom Rathausturm fällt der erste Blick auf die jenseitige Anhöhe mit dem gewaltigen, von einer Ringmauer umgebenen Komplex der Justizvollzugsanstalt, des größten Arbeitgebers am Ort. Das Zuchthaus gibt es seit 1716. Es wurde sprichwörtlich für harten Strafvollzug genutzt, Kindern wurde gedroht: Wenn ihr nicht brav seid, kommt ihr nach Waldheim. Seit 1950 ist „Waldheim“ auch Inbegriff politisierter Justiz. „Waldheim“ meint zudem eine dem Zuchthaus benachbarte psychiatrische Anstalt, in der während der NS-Zeit „Euthanasie“ praktiziert wurde und die 1990, nach der „Wende“, verdächtigt wurde, der Stasi gedient zu haben.

Blick von oben auf die „Perle des Zschopautals“ im Freistaat Sachsen Foto: Norbert Jachertz
Blick von oben auf die „Perle des Zschopautals“ im Freistaat Sachsen Foto: Norbert Jachertz
Der Schlussakt der „Waldheimer Prozesse“ ging 1950 im Sitzungssaal des Rathauses über die Bühne: 10 Schauverhandlungen vor ausgewähltem Publikum. Unter den Beobachtern Dr. Hilde Benjamin, Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR, später Justizministerin, die „rote Hilde“. Benjamin hatte in Schnellkursen die Volksrichter ausbilden lassen, die in Waldheim ihren Bewährungseinsatz hatten.

Verhandlungen im 30-Minuten-Takt
Die Waldheimer Prozesse waren von der sowjetischen Militäradministration als Bewährungsprobe für die am 7. Oktober 1949 ausgerufene DDR gedacht. Die Militärs wollten ihre Speziallager „liquidieren“. Hier saßen Ende 1949 noch 13 945 Personen ein, die von Operativgruppen des Innenministeriums der Sowjetunion nach Kriegsende gefangen genommen worden waren. 10 513 dieser Lagerinsassen waren bereits verurteilt, 3 432 noch nicht. Das sollte die DDR besorgen. Die Staatsführung ließ alle Häftlinge nach Waldheim transportieren. Der junge Staat wollte dort demonstrieren, dass er ein für allemal mit dem Faschismus abrechne.

Die meisten Prozesse fanden nicht im Rathaus vor Publikum, sondern oben auf der Höhe, im frei geräumten Häftlingskrankenhaus, hinter verschlossenen Türen statt. Zwischen dem 21. April und dem 29. Juni 1950 wurde hier buchstäblich kurzer Prozess mit Tausenden „Nazi- und Kriegsverbrechern“, so der offizielle Terminus der SED, gemacht. 1 366 Angeklagte wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Die Verhandlungen im 30-Minuten-Takt, ohne Verteidigung und Zeugen, -ähnelten Standgerichten. 32 Todesurteile wurden gefällt, 24 davon nach vergeblicher Berufung in der Nacht zum 4. November 1949 im Keller des Neuen Zellenhauses, des „Bremen“, vollstreckt, die Toten verbrannt.

Einer der Hingerichteten war Dr. med. Gerhard Wischer. Er starb zufällig am Ort seiner Taten: Gegenüber des „Bremen“ lag die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim, in der Wischer von 1938 bis Kriegsende amtierte, wenn er nicht gerade für die Krankenmordaktion T4 als Gutachter unterwegs war. In der Anstalt, die nicht zum Zuchthaus gehörte, aber merkwürdigerweise auf dessen Gelände lag, waren psychisch kranke oder geistesschwache Straftäter untergebracht, eine in der NS-Zeit doppelt stigmatisierte Gruppe. Unter Wischers Ägide wurde sie ausgelöscht.

Wischer gutachtete drei Jahre lang für die T4-Krankenmordaktion, welche Behinderten umzubringen waren. Aus seiner Waldheimer Heil- und Pflegeanstalt wurden 1940 und 1941 insgesamt 1 503 Patienten „in eine andere Anstalt verlegt“, wie die T4-übliche Floskel für den Transport in eine der -Tötungsanstalten lautete. Wischers Haus fungierte als „Zwischenanstalt“ für Pirna-Sonnenstein, das heißt, Wischer hatte dafür zu sorgen, dass der Nachschub für die Gaskammer und die beiden Verbrennungsöfen auf dem Sonnenstein so lief, dass die Kapazitäten stetig ausgelastet waren.

Als die „Aktion T4“ nach Protesten 1941 endete, stellte sich auch Wischers Anstalt um. Mithilfe des Luminalschemas nach Nitsche, jenem renommierten Psychiater und zeitweiligen T4-Chef, wurden die Patienten auf Station zu Tode gebracht. In Wischers Anstalt starben zwischen 1940 und 1945 mehr als 800 Patienten, wahrscheinlich an einer Kombination aus Verhungernlassen und Medikamenten. So bestellte Wischer am 13. September 1943 auf Privatbogen bei Prof. Dr. Paul Nitsche in Berlin „zunächst einmal 100 Ampullen Evipan zu je 1,0 g und 3 000 Tabl. Luminal zu je 0,3“, zu senden an seine Privatanschrift. „Ich rechne“, so Wischer an Nitsche, „mit einem monatlichen Durchschnitt von 20 bis 30 behandelten Patienten; irgendwelche Schwierigkeiten sind bisher weder beim Personal noch von Seiten der Angehörigen aufgetreten.“

Psychiatrie in Waldheim 1990: Eine Untersuchung förderte erschreckende Missstände zutage. Fotos: Jürgen Kunstmann
Psychiatrie in Waldheim 1990: Eine Untersuchung förderte erschreckende Missstände zutage. Fotos: Jürgen Kunstmann
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Wendepunkt bei der Ahndung von NS-Unrecht in der DDR
Wegen der „Tötung von Kranken“ wurde Wischer 1945 von einer der operativen Gruppen des sowjetischen Innenministeriums, die die Besatzungszone systematisch durchkämmten, verhaftet und in den „Speziallagern“ Nr. 1 (Mühlberg an der Elbe) und Nr. 2 (Buchenwald) festgesetzt. Er wirkte dort als Lagerarzt und soll den Häftlingen ein guter Arzt gewesen sein. 1950 dann das Todesurteil in Waldheim. Neben Wischer wurden in Waldheim ein weiterer Arzt und vier Pfleger(innen) wegen der Ermordung Behinderter zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Es sollen dort insgesamt 30 Ärzte angeklagt gewesen sein, deren Identität aber bisher nicht völlig geklärt werden konnte.

Der Bereich der vorbildlichen Sauberkeit endete an der Pforte zur Waldheimer Psychiatrie.
Der Bereich der vorbildlichen Sauberkeit endete an der Pforte zur Waldheimer Psychiatrie.
Die Waldheimer Prozesse hatten ein denkwürdiges juristisches Nachspiel. Das (West-)Berliner Kammergericht erklärte nämlich 1954 die Waldheimer Urteile für „absolut und unheilbar nichtig.“ Die Verurteilten seien „so zu behandeln, als ob kein gerichtliches Verfahren gegen sie durchgeführt worden ist, das heißt, sie gelten als nicht verurteilt“. Deshalb muss auch Wischer als nicht verurteilt gelten, wenn er auch wegen seiner Untaten exekutiert wurde. Das Bezirksgericht Dresden hat 1991 die „deklaratorische Aufhebung“ der Urteile zwar bestätigt, aber hinzugefügt: „Die Feststellung, dass die von den Waldheimer Urteilen Betroffenen nicht rechtswirksam verurteilt sind, beinhaltet nicht die weitere Feststellung, dass somit auch deren Unschuld erwiesen sei.“

Waldheim war ein Wendepunkt bei der Ahndung von NS-Unrecht durch die DDR-Justiz. „Nachdem die SED nach den Waldheimer Massenprozessen einen Schlussstrich unter das Kapitel NS-Verbrechen und Entnazifizierung gesetzt hatte und der Kalte Krieg begann, verringerten sich die Bemühungen um eine juristische Strafverfolgung“, resümiert die Historikerin Petra Schweizer-Martinschek. Sie untersucht die Strafverfahren, die in Ost und West wegen NS-„Euthanasie“-Verbrechen geführt worden sind. Das waren 22 vor ostdeutschen und 23 vor westdeutschen Gerichten.

In der Tat, vor „Waldheim“ kam es in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der jungen DDR zu 18 Prozessen, durchweg mit drastischen Strafen. Der wohl bedeutendste war der Dresdener Sonnenstein-Prozess (1947), in dem unter anderen Nitsche zum Tode verurteilt wurde. Ungeklärt bleibt, wie viele Ärzte, die der „Euthanasie“ oder Menschenversuche verdächtigt wurden, unmittelbar nach dem Krieg erschossen oder in sowjetische Lager verbracht wurden, stellt Anna-Sabine Ernst in ihrer Untersuchung über Mediziner in der SBZ/DDR 1945 bis 1961 fest. Nach „Waldheim“ kam es in der DDR bis 1952 noch zu vier Prozessen wegen Krankenmords, doch Anfang der 50er-Jahre habe man in der DDR die Verfolgung von NS-Verbrechen als abgeschlossen betrachtet, vermerkt Ernst. Allerdings ergänzt sie: „Skandalöse Freisprüche von angeklagten NS-Ärzten wie im Westen kamen freilich nicht vor.“ Das entsprach auch der offiziellen Linie der SED, gegen Faschisten Härte zu beweisen.

Man konzentrierte sich fortan darauf, „Euthanasie“-Täter im Westen bloßzustellen. Bis auf eine Ausnahme: Einem der T4-Chefs, dem Psychiater Prof. Dr. med. Werner Heyde alias Dr. Sawade, sollte 1964 vor dem Landgericht Limburg an der Lahn, im Westen also, der Prozess gemacht werden. Bereits bei den Prozessvorbereitungen waren peinlicherweise auch vier Mittäter aufgefallen, die in der DDR verortet wurden, darunter Wischer aus Waldheim – der aber war ja tot –, bei zwei weiteren verliefen sich die Ermittlungen. Gegen den Vierten, Dr. med. Otto Hebold, der in den Tötungsanstalten Bernburg und Sonnenstein gewirkt hatte, war ein Verfahren unvermeidlich. Das zuständige Bezirksgericht Cottbus – Hebold arbeitete zuletzt als Leiter eines Landambulatoriums in Falkenberg/Elster – verurteilte ihn 1965 zu lebenslanger Haft. Der Prozess wurde fast verschämt geführt, war doch offiziell der Faschismus ausgerottet. Über das Urteil wurde die Öffentlichkeit mit einer 32-Zeilen-Meldung in der Lausitzer Rundschau informiert. Das war’s.

Der Prozess gegen Heyde im Westen, der den Fall Hebold ausgelöst hatte, kam letzten Endes nicht zustande. Heyde nahm sich vier Tage vor Verhandlungsbeginn das Leben. Die Heyde/Sawade-Affäre habe „keine öffentliche Diskussion über ethische und moralische Eckpunkte der damals noch jungen Bundesrepublik ausgelöst“, bedauert der Jurist Klaus-Detlev Godau-Schüttke: „Eine Katharsis fand nicht statt.“

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte zur Zeit des Hebold-Prozesses längst einen Weg abseits der Justiz gefunden. Es sammelte in einem „NS-Archiv“ Belastungsmaterial und behielt es für sich, um es für Erpressungen zur Hand zu haben oder um es aus dem Verkehr zu ziehen, ehe bekannt wurde, dass Ärzte, die unter den Nazis aktiv waren, auch in der antifaschistischen DDR beschäftigt wurden. So verschwand der Operativvorgang „Ausmerzer“, in dem die MfS-Dienststelle Gera Material gegen einen Arzt und zwei Ärztinnen der Anstalt Stadtroda gesammelt hatte, 1966 im Archiv. Denn eine der Observierten, Prof. Dr. med. Rosemarie Albrecht, war hoch gestiegen und musste geschützt werden, weil sie noch gebraucht wurde.

Politische Säuberung nach 1945 scheiterte
Einer, der auch gebraucht wurde, war Dr. med. Johannes Kuniß. Er hatte in der Nazizeit in der Anstalt Zschadraß gearbeitet und war zeitweilig zu Wischer nach Waldheim abgeordnet worden; die Orte liegen nah beieinander. Zschadraß aber war wie Waldheim Zwischenstation für die Mordanstalt auf dem Sonnenstein.

Nach vier Jahren sowjetischer Lagerhaft konnte Kuniß in Waldheim wieder anfangen zu arbeiten; er blieb, allseits geschätzt, bis zur Pensionierung. Denn Ärzte waren in der SBZ und frühen DDR knapp, unbelastete sogar rar. Die Zentralverwaltung Gesundheit der SBZ gestand jedenfalls schon 1948 ein, dass es nicht gelungen sei, die ehemaligen Nazis unter den Chefärzten „in stärkerem Maße zu eliminieren“. In der Tat, so resümiert Anna-Sabine Ernst: „Gemessen an den anfänglichen hohen Ansprüchen muss die politische Säuberung bei den Medizinern als gescheitert gelten.“

Mit einer Enthüllungsstory kam die Illustrierte „Stern“ im Frühjahr 1990 heraus, kurz nach der „Wende“, als sich so mancher Westler neugierig, ahnungslos und voreingenommen in den unbekannten Osten aufmachte. Unter der Schlagzeile „Wo die Stasi foltern ließ“ berichtete die in Westdeutschland sehr bekannte, so geschätzte wie angefeindete Journalistin Uta König über die Nervenklinik, die inzwischen als Abteilung der nahe gelegenen Großanstalt Hochweitzschen firmierte. Deren Chefarzt, Dr. med. Wilhelm Poppe, war nebenbei auch für die Waldheimer Nervenklinik zuständig, einmal die Woche, für fünf Stunden und 200 Patienten.

Was hatte es mit der „Psychofolter“ im „Stasiknast“ nun auf sich? Uta König war von einigen jungen Mitarbeitern der Waldheimer Nervenklinik auf acht Patienten angesprochen worden; die Mitarbeiter vermuteten politische Zusammenhänge bei der Einweisung. Eine vom DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­ter eilends eingesetzte Untersuchungskommission überprüfte zwischen Mai und Juni die Fälle, eine weitere, eingesetzt von der ersten frei gewählten Volkskammer, widmete sich im Oktober 1990 erneut den Vorgängen. Deren Berichte ließen auf drei Unterbringungen mit einem gewissen politischen Hintergrund schließen, bestätigte der Dresdener Psychiater Dr. med. Herbert Loos bei einem Workshop 2006 in der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Loos hatte 1990 eine der Unter-suchungskommissionen geleitet. Zwei dieser Fälle kamen unter direkter Mitwirkung des MfS zustande, ein weiterer betraf einen Sportfunktionär, der zeitweilig interniert wurde, um ihn vom Turn- und Sportfest 1983 in Leipzig fernzuhalten; man befürchtete, er werde wegen einer psychotischen Episode die Veranstaltung stören. Die beiden Fälle, in denen die Stasi nachweislich mitmischte, betrafen zum einen einen Stasizuträger, der sich als Alkoholiker entpuppte und dem die Stasi eine „gesicherte Unterbringung“ verpassen wollte, zum anderen einen Mann, den die Stasi vermutlich erpressen wollte. Er wurde in der Isolierzelle der Waldheimer Nervenklinik buchstäblich „eingebunkert“, vom MfS innerhalb und außerhalb der Klinik stundenlang verhört und nach drei Wochen wieder entlassen, weil die Beweisführung für eine Anklageerhebung nicht ausgereicht habe. Ein medizinisch/psychiatrischer Grund für die Einweisung war nicht zu ermitteln. Ein eindeutiger Missbrauch der Psychiatrie, stellten die Untersuchungskommissionen fest.

Einen Missbrauch der Psychiatrie wie in der Sowjetunion habe es in der DDR jedoch nicht gegeben, resümiert Sonja Süß in ihrem Standardwerk über Psychiatrie und Stasi. Die DDR habe eine elegantere Lösung für ihre Probleme mit Dissidenten gehabt, erklärt Süß mit leichter Ironie: „Sie konnte unbequeme Kritiker in die Bundesrepublik abschieben und dafür auch noch beträchtliche Geldsummen kassieren.“

Bei der Untersuchung der Waldheimer Zustände stellten sich 1990 indes erschreckende Missstände -heraus: erbärmliche Unterbringung der Patienten, Übergriffe des Pflegepersonals, eigenwillige Behandlungsmethoden – Hirnoperationen und Kastrationen – des Chefarztes Poppe und willkürliche Isolierung von Patienten im „Bunker“.

Eine Erinnerung an die Waldheimer Prozesse gibt es, einen Gedenkstein für die Opfer der NS-Krankenmorde sucht man vergeblich. Foto: Norbert Jachertz
Eine Erinnerung an die Waldheimer Prozesse gibt es, einen Gedenkstein für die Opfer der NS-Krankenmorde sucht man vergeblich. Foto: Norbert Jachertz
Poppe wurde wegen der eigenartigen Operationen und der extensiven Isolierung von Patienten 1993 angeklagt und nach einigem Hin und Her 1998 freigesprochen. Ihm sei nicht zu widerlegen gewesen, aus medizinischen Gründen gehandelt zu haben. „Dass Dr. Poppe ungestraft körperverletzende Behandlungsmethoden an wehrlosen Patienten und Patientinnen praktizieren konnte“, erklärt Süß damit, dass es in der DDR an öffentlicher Kontrolle gefehlt habe. Eine zweite Schlangengrube vom Kaliber der Waldheimer Anstalt habe es jedoch, davon ist Süß überzeugt, in der DDR nicht gegeben, wenn auch die Betreuungsbedingungen in vielen psychiatrischen Einrichtungen miserabel gewesen seien.* @

Die Kommission der DDR-Volkskammer fand schließlich noch heraus, dass Poppe als inoffizieller Mitarbeiter (IM) Seidel der Stasikreisstelle in Döbeln zugearbeitet hatte, auch unter Bruch der Schweigepflicht. Es mag sein, dass die Einweisungen, bei denen das MfS mitmischte, auch diesem Zusammenspiel zu verdanken sind.

Hinter den Mauern der Strafanstalt Waldheim war die Stasi ständig präsent. Sie hatte ein Büro im Haus und „natürlich auch ihre Zuträger“, auch hatte sie „jederzeit Zutrittsrecht“, weiß ein Kenner der Verhältnisse. Aber nicht im Krankenhaus, versichert der frühere Gefängnisarzt Dr. med. Siegfried Hillmann, „hier mussten sie sich vorher anmelden“. Gemeint ist das Haftkrankenhaus, nicht zu verwechseln mit Wischers Heilanstalt oder Poppes Nervenklinik. Das Haftkrankenhaus knüpfte an eine ältere Tradition an, denn schon 1876 wurde die „Irrenanstalt bei der Strafanstalt Waldheim“ gegründet. Anfang der 60er-Jahre baute Dr. med. Manfred Ochernal eine psychiatrische Beobachtungsabteilung in Waldheim auf. Hier kam es ganz offiziell zu Einweisungen durch das MfS, denn das MfS war nach DDR-Recht ein staatliches Untersuchungsorgan und vergab somit auch Gutachtenaufträge an Ärzte, so auch an die Waldheimer Psychiatrie im Strafvollzug. Ochernal wechselte später als Professor für Forensische Psychiatrie an die Berliner Humboldt-Universität und gab jährlich 30 bis 40 Gutachten über politische Häftlinge im Haftkrankenhaus des MfS in Berlin-Hohenschönhausen ab. 1991 wurde er interviewt, wiederum von Uta König im „Stern“. Sie warf ihm vor, mit seinen Gutachten politisch unbequeme Bürger, die nicht geisteskrank gewesen seien, in die Psychiatrie gebracht zu haben. Ochernal, dem die harten Interview-Usancen offenbar nicht bekannt waren, beging den Fehler, den Vorwurf nicht sofort kategorisch zurückzuweisen. Und so blieb etwas hängen, wenn auch Ochernal selbst der Überzeugung war, korrekt begutachtet und differenziert geurteilt zu haben.

Waldheim heute. Vom Niedermarkt zieht die Straße in einer weiten Kurve steil aufwärts. Sie führt entlang der Ringmauer, die neuerdings mit Bruchstein hübsch verkleidet ist, auf den Schlossplatz. Links das barocke Torgebäude der Justizvollzugsanstalt, rechts eine Grünanlage. An der Stelle muss einmal das Gebäude gestanden haben, das für die Waldheimer Prozesse freigeräumt wurde und später die im „Stern“ porträtierte Nervenklinik beherbergte.

Die wechselvolle Geschichte der Strafanstalt schildert ein ungewöhnliches Strafvollzugsmuseum. Erinnerungen an den ehemaligen Insassen Karl May sind da genauso versammelt wie Ergebnisse der Kunsttherapie von heute. Die psychiatrische Heilanstalt, Wischers Wirkungsstätte, wurde aufgelöst, das Haus dient heute der Sozialtherapie, nichts erinnert an die NS-Morde. Das Gebäude außerhalb der Mauer wurde abgerissen. Es sei baufällig gewesen. Dem Besucher kommen die erschreckenden Bilder in den Sinn, die ein Fotograf von der heruntergekommenen Nervenklinik gemacht hat.

In der Grünanlage vor der Justizvollzugsanstalt erinnern ein Gedenkstein und eine Tafel an die unschuldigen Opfer der Waldheimer Prozesse. Die Betonung liege auf unschuldig, erklärt Dr. Hillmann, der sich um das Opfer-Gedenken bemüht. Denn bei den Waldheimer Prozessen seien auch wirklich Schuldige verurteilt worden. Hillmann erinnert an Wischer. Doch weder auf der Gedenktafel noch sonst wo in Waldheim findet man Hinweise auf die Krankenmorde in der NS-Zeit. „Warum ist das so?“, fragt Hillmann.
Norbert Jachertz

@Das Interview mit Sonja Süß im Wortlaut unter www.aerzteblatt.de/091882

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Avatar #660796
STASIFOLTEROPFER
am Montag, 30. Dezember 2013, 19:10

Spezielle Strafvollzugsabteilung Waldheim

Wer kann mir die Frage beantworten, ob Dr. Stöber und Dr. Hillmann auf IME Tätigkeit für MfS überprüft worden sind !?
Frau Süß hatte geschrieben, dass Zwangseinweisungen in die Psychiatrie im Strafvollzug nur der Staatsanwalt oder Richter verfügen durften. Das ist falsch. Bei allen meinen Einweisungen Zeichneten IME ÄRZTE NAGEL und PIT.
Wer von der Ärzteschaft ist bereit zu erklären die Wirkung einer Langzeitverabreichung von MIXTURA - außer dass die starke Sucht entwickelt wurde. Das war die stärkste Waffe von Poppe-Hillman und Stöber die Menschen zu brechen, zu zersetzen. vom 29.3.-30.9.1985 wurde ich auf Befehl des IME GEORG HISFELKDT - Oberstleutnant Dr. Rogge in der Absonderung der Zelle "4" gehaltenb. Doppelte Eisentüre und vierfache Fenstervergitterung... laut seinen Berichten muss Dr. Hillmann ein IME gewesen sein. Roland Jahn wich am 30.8.2011 meiner Frage diesbezüglich aus ! IME ARZTE und IME HOCHWÜRDEN wurde in der BStU bis jetzt noch nicht erforscht. Frau Dr. Süß hat nur die Spitze des Eisberges angekratzt. Haus 213 in Berlin Buch ist mit der Fama behaftet, dass 3000 Menschen dort eingeliefert wurden und nie wieder das Haus lebend verlassen haben.. Verbrechen der STAZIS und der NAZIS nehmen sich nichts ! So offizielle Deutung aus dem Amt des Bundestagspräsidenten.