ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2009Das Akropolis-Museum in Athen: Frei im hellen Tageslicht

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Das Akropolis-Museum in Athen: Frei im hellen Tageslicht

Scheiper, Renate V.

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In einen Wald von Säulen reihen sich zwangslos die Exponate ein. Ihr Umzug dauerte acht Monate. Foto: dpa
In einen Wald von Säulen reihen sich zwangslos die Exponate ein. Ihr Umzug dauerte acht Monate. Foto: dpa
Neun Jahre dauerte der Neubau des Schweizer Architekten Bernhard Tschumi. Vieles, was vorher in staubigen Archiven schlummerte, ist jetzt wieder zu besichtigen.

Sie schaut die Besucher an, als wollte sie fragen: „Gefällt euch unser neues Zuhause?“ Die lebensgroße Marmorstatue der jungen Frau ist 2 500 Jahre alt. Bisher stand sie mit ihren ebenso bezaubernden Schwestern auf engem Raum im alten, schummerigen Museum neben dem Parthenon auf der Akropolis. Zierliche Locken umrahmen den Kopf, fallen fein gewellt über Brust und Rücken. Denn die Marmorstatuen sind so gearbeitet, dass der Betrachter sie von allen Seiten sehen soll. Das ist jetzt möglich. Denn alle Exponate stehen frei im hellen Tageslicht, das durch raumhohe Glaswände und Oberlichter hereinfällt. In einem Wald von Betonsäulen wandelt der Besucher jetzt durch die zwanglos aufgestellten Skulpturen.

Doch bevor man das neue Akropolis-Museum betritt, erblickt man vor dem Eingang in der Tiefe Fundamente und Mosaike des römischen und byzantinischen Athen. Aus den geplanten vier Jahren für den Museumsbau wurden durch diese unvermuteten Grabungen neun. Flexibel stellte der Schweizer Architekt Bernhard Tschumi seinen verschachtelten Bau auf 94 Betonsäulen und lässt den Besucher auch im Museum beim Hinaufgehen über die Rampe zur ersten Etage durch Glasböden in Athens Unterwelt schauen. Seitlich wird die Rampe flankiert von Funden, die zuvor mangels Platz in Museumsarchiven schlummerten.

Farbige Fragmente der Giebelfiguren des in den Perserkriegen 480 v. Chr. zerstörten ersten Parthenons erwarten die Besucher im ersten Obergeschoss. In Augenhöhe begeistern die Friese des Nike-Tempels. Bevor man sich auf die Parthenon-Etage begibt, ist ein kurzer Film über den Bau unter Perikles von 447 bis 432 v. Chr. zu sehen. Drei Comics zeigen zudem den Kanonenschuss eines Lüne-burger Leutnants, der 1687 die Südfront traf, die Abnahme eines Metopenblocks durch Lord Elgin und die Zerstörung von Figuren durch die Griechen, die Fenster für die in den Tempel integrierte Marienkirche herausbrachen. Letztere Szenen mussten auf Verlangen des Klerus wieder entfernt werden.

Höhepunkt im Wortsinn ist der rundum verglaste oberste Raum, dessen Maße denen des Parthenons entsprechen. Der Skulpturenfries des Bildhauers Phidias, der den festlichen Zug der Panathenäen zu Ehren der Stadtgöttin Athena wiedergibt, verläuft in Sichthöhe um einen imaginären Tempel, in dessen Innerem sich das Treppenhaus und der Filmraum befinden.

Bis vor 25 Jahren waren die Friese und Skulpturen auf der Akropolis Smog und Abgasen ausgesetzt, bevor sie nach und nach abgenommen wurden. So auch die fünf das Gebälk der Halle des Erechtheions tragenden Mädchenfiguren, die Karyatiden. Entsprechend stumpf, rissig und lepraartig gefleckt ist der empfindliche Marmor. Die Gesichter sind kaum noch zu erkennen. Käme eines Tages die wie neu aussehende Karyatide, die Lord Elgin vor 200 Jahren kaufte, aus dem Britischen Museum zurück, ginge wohl ein Raunen der Bewunderung durch die Menge.
Renate V. Scheiper
Informationen: Studiosus, Telefon: 0 08 00-24 02 24 02
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