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LNSLNS Die Frage nach dem richtigen Körpergewicht beschäftigt die Menschen offensichtlich unentwegt. Besonders in den Medien und in der Modebranche wird seit Jahren ein Gewichtsideal propagiert – bei Frauen deutlich unter einem Body-Mass-Index (BMI) von 18 –, das mit der medizinisch-wissenschaftlichen Bewertung des Körpergewichts nichts zu tun hat und eigentlich als lebensverkürzend anzusehen ist. Ein – von den Medien manipuliertes – ästhetisches Empfinden und kommerzielle Interessen haben so ein trügerisches Idealbild des menschlichen Körpers entstehen lassen. Aus der ärztlichen Perspektive können Empfehlungen zum optimalen Körpergewicht nur über gesundheitsbezogene Argumente begründet werden. Diese eher rationale Betrachtung und Bewertung des Körpergewichts stößt allerdings bei vielen Mitbürgern auf wenig Begeisterung und findet selten Gehör. Die in den Medien meist verzerrte Darstellung des Themas verunsichert aber auch viele Ärzte.

Vor diesem Hintergrund kann der Artikel von Matthias Lenz und Koautoren zu einer sachlicheren Bewertung von Übergewicht und Adipositas beitragen (1). Mit großer Sorgfalt haben die Autoren 27 internationale Metaanalysen und 15 deutsche Kohortenstudien hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen BMI – als Maß der Körperfettmasse – und Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko ausgewertet. Dieser spezifische Ansatz ist deshalb interessant, weil deutsche Kohortenstudien in internationalen Metaanalysen häufig nicht berücksichtigt werden, aber für die deutsche Bevölkerung besonders relevant sind. Allerdings gibt es nur wenige deutsche Studien von hoher Qualität zu diesem Thema.

Adipositas fordert einen hohen Zoll
Die Analyse von Lenz et al. zeigt, dass Übergewicht – definiert als BMI von 25 bis 29,9 kg/m² – im Vergleich zu Normalgewicht – BMI zwischen 18,5 und 24,9 kg/m² – nicht mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert ist. Allerdings fand sich in der Kategorie Übergewicht ein moderater Anstieg der Rate an koronarer Herzkrankheit und Typ-2-Diabetes mellitus. Interessant, wenngleich nicht neu, war die Beobachtung, dass sich der Effekt eines erhöhten BMI auf die Gesamtmortalität mit steigendem Lebensalter zunehmend abschwächt, weil andere Risikofaktoren immer stärker an Bedeutung gewinnen. Hinzu kommt, dass BMI-assoziierte Risikofaktoren wie Hypertonie, Hypercholesterinämie und Typ-2-Diabetes heute konsequenter und effektiver behandelt werden als in früherer Zeit. Dies hatte bereits vor kurzem eine Untersuchung aus den USA über einen Zeitraum von 40 Jahren nahegelegt (2).

Die Ergebnisse dieser Studie stimmen zum großen Teil mit den Resultaten einer kürzlich publizierten internationalen Metaanalyse von 57 Kohortenstudien mit knapp 900 000 Teilnehmern überein (3). Dort lag der BMI mit der höchsten Lebenserwartung bei Männern und Frauen gleichermaßen zwischen 22,5 und 25 kg/m². Ein BMI von 20 bis 22,4 war sogar mit einer geringgradig höheren Mortalität verbunden als ein BMI zwischen 25 und 27,4 kg/m². Die Analyse machte aber auch deutlich, dass Adipositas – definiert als BMI ≥ 30 kg/m² – einen hohen Zoll fordert. Neben einem Verlust an subjektiver Lebensqualität erhöht sich das Risiko für viele Begleit- und Folgekrankheiten, ferner kommt es – statistisch gesehen – auch zu einer steigenden Verkürzung der Lebenserwartung. Im Gegensatz zur Arbeit von Lenz et al. ergab diese Analyse bereits einen durchschnittlichen Verlust von 2 bis 4 Lebensjahren bei einem BMI zwischen 30 und 34,9 kg/m², bei einem BMI zwischen 40 und 45 kg/m² verkürzte sich die Lebenszeit im Mittel um 8 bis 10 Jahre. Übrigens, auch Rauchen und damit assoziierte Krankheiten bedeuten einen Verlust von etwa 8 bis 10 Lebensjahren, womit auch die Übersterblichkeit in der BMI-Kategorie unter 22,5 kg/m² teilweise erklärt sein dürfte (3).

Body-Mass-Index ist kein alleiniger Indikator
Unabhängig von kleineren Diskrepanzen zwischen verschiedenen Metaanalysen besteht heute die einmütige Auffassung, dass der BMI alleine keinen konsistent guten Indikator des gesundheitlichen Risikos bei Übergewicht darstellt und deshalb alleine keine Gewichtsreduktion rechtfertigen kann. Der BMI ist nur ein sehr grobes Maß der Körperfettmasse mit einem Korrelationsquotienten zwischen 0,4 und 0,7. Daher empfehlen die aktuellen Leitlinien, in der BMI-Kategorie 25 bis 29,9 kg/m² nach begleitenden Risikofaktoren zu fahnden und die Behandlungsindikation bei betroffenen Personen vom Gesamtrisiko abhängig zu machen. Es kann also auch in dieser Gewichtsklasse im Einzelfall durchaus eine medizinische Indikation zu gewichtssenkenden Maßnahmen gegeben sein (4). Der Taillenumfang hat in der Kategorie 25 bis 29,9 kg/m² einen höheren Aussagewert für das metabolische und kardiovaskuläre Risiko als der BMI (4).

Auch bei einem BMI ≥ 30 kg/m² liegen die Verhältnisse durchaus komplizierter. Nach neueren Publikationen kann das individuelle Risiko bei Adipositas erheblich schwanken. Etwa 20 bis 30 Prozent der hiervon betroffenen Personen weisen ein unauffälliges Risikofaktorenprofil auf und haben wahrscheinlich kein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko (5, 6). Vor allem Fettverteilung und ektope Fettspeicherung zum Beispiel in der Leber spielen dabei eine wichtige Rolle (5). Dennoch verbleibt bei 70 bis 80 Prozent der Menschen mit einem BMI von 30 bis 39,9 kg/m² ein erhöhtes Komorbiditätsrisiko und ab einem BMI von 40 kg/m² steigt dieses Risiko noch weiter an. Davon betroffene Personen profitieren daher erheblich von einer Gewichtssenkung (4, 7, 8).

Deshalb können und dürfen der Ärzteschaft die rund 15 Millionen Deutschen mit einem BMI ≥ 30 kg/m² nicht gleichgültig sein. Therapeutischer Nihilismus ist angesichts des hohen Komorbiditätsrisikos dieser Personengruppe nicht adäquat. Nach einer aktuellen, konservativ gehaltenen Kostenschätzung kommt die Adipositas das deutsche Gesundheitssystem zudem teuer zu stehen. So belaufen sich die jährlichen Ausgaben vor allem für die Behandlung der Folgekrankheiten, an erster Stelle der Typ-2-Diabetes, auf rund 13 Milliarden Euro (9). Das eigentliche Problem ist deshalb darin zu sehen, dass sich das deutsche Gesundheitssystem dieser Herausforderung bis heute weitgehend verschließt. Adipositas ist nicht als Krankheit anerkannt, erst die eigentlich unnötigen und vermeidbaren Komplikationen können zu Lasten der Krankenkassen therapiert werden. Dies ist aufgrund der klaren Datenlage ein unakzeptabler Zustand sowohl aus der Sicht der Betroffenen als auch aus Sicht der präventiv-medizinisch tätigen Ärztinnen und Ärzte.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Hans Hauner
Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin
der Technischen Universität München
Ismaninger Straße 22, 81675 München
E-Mail: hans.hauner@lrz.tum.de

Overweight—Not Such a Big Problem?
Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 639–40
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0639

@The english Version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood: a systematic review [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter – eine sytematische Übersicht]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8.
2.
Gregg EW, Cheng YJ, Cadwell BL et al.: Secular trends in cardiovascular disease risk factors according to body mass index in US adults. JAMA 2005; 293: 1868–74. MEDLINE
3.
Prospective Studies Collaboration: Body-mass index and cause-specific mortality in 900000 adults: collaborative analyses of 57 prospective studies. Lancet 2009; 373: 1083–96. MEDLINE
4.
Hauner H, Buchholz G, Hamann H et al.: Prävention und Therapie der Adipositas. Evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Deutschen Diabetes-Gesellschaft, Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. www.adipositas-gesellschaft.de, 2006.
5.
Stefan N, Kantartzis K, Machann J et al: Identification and character¬ization of metabolically benign obesity in humans. Arch Intern Med 2008; 168: 1609–16. MEDLINE
6.
Wildman RP, Muntner P, Reynolds K et al.: The obese without cardiometabolic risk factor clustering and the normal weight with cardiometabolic risk factor clustering. Arch Intern Med 2008; 168: 1617–24. MEDLINE
7.
Sjöström L, Lindroos AK, Peltonen M et al.: Lifestyle, diabetes, and cardiovascular risk factors 10 years after bariatric surgery. N Engl J Med 2004; 351: 2683–96. MEDLINE
8.
Sjöström L, Narbro K, Sjöström CD et al.: Effects of bariatric surgery on mortality in Swedish obese subjects. N Engl J Med 2007; 357: 741–52. MEDLINE
9.
Knoll K-P, Hauner H: Kosten der Adipositas in der Bundesrepublik Deutschland – eine aktuelle Krankheitskostenstudie. Adipositas 2008; 2: 204–10.
Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin, Klinikum Rechts der Isar, Technische Universität München: Prof. Dr. med. Hauner
1. Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood: a systematic review [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter – eine sytematische Übersicht]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8.
2. Gregg EW, Cheng YJ, Cadwell BL et al.: Secular trends in cardiovascular disease risk factors according to body mass index in US adults. JAMA 2005; 293: 1868–74. MEDLINE
3. Prospective Studies Collaboration: Body-mass index and cause-specific mortality in 900000 adults: collaborative analyses of 57 prospective studies. Lancet 2009; 373: 1083–96. MEDLINE
4. Hauner H, Buchholz G, Hamann H et al.: Prävention und Therapie der Adipositas. Evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Deutschen Diabetes-Gesellschaft, Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. www.adipositas-gesellschaft.de, 2006.
5. Stefan N, Kantartzis K, Machann J et al: Identification and character¬ization of metabolically benign obesity in humans. Arch Intern Med 2008; 168: 1609–16. MEDLINE
6. Wildman RP, Muntner P, Reynolds K et al.: The obese without cardiometabolic risk factor clustering and the normal weight with cardiometabolic risk factor clustering. Arch Intern Med 2008; 168: 1617–24. MEDLINE
7. Sjöström L, Lindroos AK, Peltonen M et al.: Lifestyle, diabetes, and cardiovascular risk factors 10 years after bariatric surgery. N Engl J Med 2004; 351: 2683–96. MEDLINE
8. Sjöström L, Narbro K, Sjöström CD et al.: Effects of bariatric surgery on mortality in Swedish obese subjects. N Engl J Med 2007; 357: 741–52. MEDLINE
9. Knoll K-P, Hauner H: Kosten der Adipositas in der Bundesrepublik Deutschland – eine aktuelle Krankheitskostenstudie. Adipositas 2008; 2: 204–10.

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Avatar #753822
Aenndie
am Freitag, 12. Oktober 2018, 10:57

Ashwagandha kann helfen

Ich habe persönlich gute Erfahrungen mit Ashwagandha gemacht. Zum einen hilft das gegen Stress, der ja auch meistens eine Mitursache bei Adipositas ist, zum anderen kann <a href="https://www.ashwagandha-infos.de/abnehmen-mit-ashwagandha/">Ashwagandha</a> dabei helfen, den Blutzuckerspiegel zu stabiliseren und kann dadurch Heißhungerattacken vorbeugen.

Viele Grüße, Andreas Humbert
Avatar #753822
Aenndie
am Freitag, 12. Oktober 2018, 10:54

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