ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009Kinderleukämie: Reales Leukämierisiko
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Herr Neth fordert im DÄ zur Frage der Häufung kindlicher Leukämien in der Umgebung des Atomreaktors Krümmel eine „sachliche Argumentation“. In seinem eigenen Beitrag löst er diese Forderung jedoch nicht ein.

Neth ignoriert weitgehend den aktuellen Kenntnisstand und führt stattdessen die sogenannte Greaves-Hypothese an, nach der die kindlichen Leukämien durch Infektionen ausgelöst werden sollen. Diese These wurde aus wenigen Beobachtungen abgeleitet und konnte bisher weder epidemiologisch noch immunologisch belegt werden. Das Gleiche gilt für den Einfluss von „demografischen Faktoren“, beispielsweise Zuwanderungen in eine Region, auf das Leukämierisiko der dort lebenden Kinder. Die aktuelle Untersuchung der Universität Mainz zum Leukämierisiko in der Umgebung aller Leistungsatomkraftwerke in Deutschland hat kürzlich gezeigt, dass größere Wanderungsbewegungen weder in der Umgebung von Krümmel noch um andere deutsche Atomkraftwerke das dort beobachtete Leukämierisiko erklären können.

Im Widerspruch zu den Ausführungen von Herrn Neth wurde auch eine allgemeine „Clusterung“ der Kinderleukämie für Deutschland ausgeschlossen. Die von ihm als Quelle angeführte Euroclus-Studie zeigt Ähnliches für die darin untersuchten europäischen Länder. Die räumlich-zeitliche Verteilung des Auftretens kindlicher Leukämiefälle ließ sich in Europa zu 98,3 Prozent durch eine Zufallsverteilung beschreiben. Umso schwerer wiegt daher der Befund der Euroclus-Studie, dass gleich mehrere der seltenen verbleibenden statistisch signifikanten Cluster in der Nähe von Atomanlagen liegen.

Für eine infektiöse Ursache lässt sich aus diesen Daten kein Argument ableiten – im Gegenteil sprechen epidemiologische Daten aus Deutschland und Europa gegen Infektionen als wesentliche Ursache der Kinderleukämie.

Selektive Argumentationen und persönliche Ansichten haben die Diskussion um die Elbmarsch seit vielen Jahren belastet. Unklar bleibt, wieso Herr Neth diese negative Tradition jetzt fortsetzt. So erscheinen ihm weder unsere aktuelle Auswertung zur Epidemiologie des Elbmarsch-Leukämie-„Clusters“ erwähnenswert noch die bisher größte Metaanalyse zu Leukämien in der Umgebung von Atomanlagen oder der sehr klare Befund der Mainzer Studie, über die ausführlich im DÄ berichtet wurde. Alle diese aktuellen Ergebnisse sprechen für ein reales Leukämierisiko in der Umgebung von Atomkraftwerken im Normalbetrieb.

Angesichts der sich verdichtenden Hinweise bekommt die Forderung nach einer wahrhaft sachlichen Argumentation zusätzliches Gewicht – nur in diesem Punkt ist Herrn Neth uneingeschränkt zuzustimmen.

Literatur bei dem Verfasser
Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann MPH, Institut für Community Medicine, Klinikum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Ellernholzstraße 1/2, 17487 Greifswald
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