ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009HIV-Impfstoff: Nur ein „Türöffner“, kein praxisrelevanter Durchbruch

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HIV-Impfstoff: Nur ein „Türöffner“, kein praxisrelevanter Durchbruch

Zylka-Menhorn, Vera

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HIV im Visier der Impfstoffforscher: Derzeit werden 30 weitere Vakzinekandidaten getestet. Foto: Kompetenznetz HIV/AIDS
HIV im Visier der Impfstoffforscher: Derzeit werden 30 weitere Vakzinekandidaten getestet. Foto: Kompetenznetz HIV/AIDS
Noch im Juli 2008 stellte eine Riege führender US-Mediziner ernüchtert fest, dass die biologischen Mechanismen für einen präventiven Impfstoff gegen HIV grundsätzlich nicht geklärt seien (Science 2008; 321: 530–2). Als Konsequenz riet man, sich wieder ganz der Grundlagenforschung zu widmen. Wenn man den aktuellen Medienberichten glauben will, wurde nach den vorläufigen Daten einer in Thailand durchgeführten Studie nun plötzlich der „Durchbruch“, ja sogar ein „Meilenstein“ erreicht. Der Überschwang in der Berichterstattung mag darauf zurückzuführen sein, dass die HIV-Vakzineforschung in den letzten Jahrzehnten eine einzige Serie von Fehlschlägen erlebt hat. Daher ist man nun vielleicht schon mit „kleinen Brotkrumen“ zufrieden, sprich: einer Verminderung der HIV-Infektionsrate um 31,2 Prozent, obwohl die Mindestanforderung für die Kommerzialisierung eines Impfstoffs bei einer Risikominimierung zwischen 70 und 80 Prozent liegt.

In der RV144-Studie hatten seit Oktober 2003 in Thailand 16 402 Rekruten (vorwiegend heterosexuelle Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren mit durchschnittlichem Infektionsrisiko) entweder Placebo erhalten oder eine Kombination von zwei Vakzinekandidaten, die in Vorversuchen einzeln erfolglos geblieben waren: Sie erhielten als „Primer“ viermal (0-1-3-6 Monate) Avac®-HIV von Sanofi-Aventis-Pasteur, das als Genfähre ein Canarypox-Virus enthält, welches drei HIV-Proteine (env, gag und pro) exprimiert. Als „Booster“ (3-6 Monate) fungierte der von Genentech entwickelte Impfstoff Aidsvac®, der das HIV-Oberflächenprotein gp120 exprimiert. In den folgenden drei Jahren infizierten sich 125 Rekruten, 74 aus dem Placeboarm und 51 aus dem gleich großen Impfstoffarm.

Die Differenz (n = 23) ist zwar statistisch signifikant, lässt aber viele Fragen offen. Noch ist das Wirkprinzip des Impfstoffs und sein immunologisches Korrelat völlig unklar. Ein Befund ist nach Angaben des Studienleiters besonders verwirrend: Alle Infizierten hätten ungefähr die gleiche Viruslast im Blut aufgewiesen. Das legt nahe, dass der Impfstoff nicht zur Bildung von Antikörpern führt. Da sich die Impfstudie gegen die HIV-Subtypen E und B richtete, welche in Thailand, Europa und den USA vorherrschen, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Vakzine einen Mehrwert für den Infektionsbrennpunkt Afrika bieten, wo die Subtypen C und D dominieren.

Von einem Durchbruch mochte der Leiter des US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases, Prof. Anthony Fauci, deshalb nicht sprechen. Nach vielen Rückschlägen habe sich nun endlich „eine Tür geöffnet“. Und der Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids, Prof. Dr. med. Norbert Brockmeyer, wertet den Erfolg der Studie darin, dass sie die Vakzineforschung weiter „beflügeln“ wird.

Mit Spannung wartet die Fachwelt auf den 20. Oktober, dann sollen die Endergebnisse der Studie auf der Tagung „Aids Vaccine 2009“ in Paris vorgestellt werden. Zyl
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