ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009Medizinische Rehabilitation: Krankenkassen brauchen finanzielle Anreize

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Medizinische Rehabilitation: Krankenkassen brauchen finanzielle Anreize

Meißner, Marc

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LNSLNS Viele Kassen genehmigen Rehabehandlungen nicht, um Geld zu sparen. Denn für die Folgekosten durch Pflegebedürftigkeit zahlen sie nicht. Ausgleichszahlungen zwischen Kranken- und Pflegeversicherung könnten das Problem lösen.

Nach längeren oder schweren Erkrankungen kann eine Rehabilitation nötig sein, damit der Patient seinen Alltag oder Beruf wieder bewältigen kann. Hier gilt das Prinzip „Reha vor Rente“: Bevor jemand frühzeitig Rente erhält, wird über Rehabilitationen versucht, dessen Gesundheit wiederherzustellen. Die Kosten trägt dabei nicht die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), sondern in der Regel die Rentenversicherung. Diese profitiert davon, da der Patient so später berentet wird. Bei Rentnern zahlen allerdings die Krankenkassen. So ist es für sie oft günstiger, keine Rehabilitation zu genehmigen und den Patienten in Pflege zu halten – zulasten der Pflegeversicherung. Der Vorteil für die Versicherer: Die Krankenkassen stehen im Gegensatz zu den Pflegekassen im Wettbewerb. Jede Möglichkeit zu sparen wird genutzt, um einen Zusatzbeitrag zu vermeiden. Dies führt dazu, dass aus rein ökonomischen Gründen das geforderte Prinzip „Reha vor Pflege“ häufig unterlaufen wird.

Derzeit sind in Deutschland circa 2,3 Millionen Menschen pflegebedürftig. Pro Jahr werden es 700 000 mehr. Foto: Mauritius Images
Derzeit sind in Deutschland circa 2,3 Millionen Menschen pflegebedürftig. Pro Jahr werden es 700 000 mehr. Foto: Mauritius Images
Der Bundesverband Deutscher Privatkliniken e.V. (BDPK) fordert deshalb, dass finanzielle Anreize für pflegevermeidende Maßnahmen gesetzt werden. Hierzu legte er eine Studie des Lehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen vor, die Zahlungen der Pflegeversicherung an die Kassen vorschlägt. „Wenn für die Krankenkassen die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit attraktiv gemacht würde, könnten die Lebensqualität von Tausenden von Menschen verbessert und wertvolle finanzielle Ressourcen sinnvoller verwendet werden“, versicherte Prof. Dr. Jürgen Wasem, einer der Studienautoren, bei der Präsentation.

Die Autoren der Studie stellen hierzu zwei Konzepte vor. Der erste Ansatz ist maßnahmenorientiert: Pflegevermeidende Rehabilitation und Case-Management werden von der Pflegeversicherung mitbezahlt. Die Krankenkassen erhalten von den Pflegekassen einen Teil des Geldes, das diese durch die Maßnahme eingespart haben. Hierzu muss ermittelt werden, wie lange durchschnittlich die Pflegebedürftigkeit hinausgezögert wird. Nachteil: „Durch die Förderung bestimmter Rehamaßnahmen würden Innovationen blockiert werden“, gibt Wasem zu bedenken.

Der zweite Ansatz ist ergebnisorientiert: Kassen mit Versicherten, die weniger Pflege benötigen, als statistisch zu erwarten ist, werden an den Einsparungen der Pflegeversicherung beteiligt. „Die Maßnahmen würden die Kassen selbst wählen“, erläuterte Wasem. „Das fördert den Wettbewerb, pflegevermeidende Interventionen zu finden.“

Derzeit sind in Deutschland circa 2,3 Millionen Menschen pflegebedürftig. Pro Jahr werden es 700 000 mehr. Bei einem Teil könne dies um Monate oder Jahre hinausgeschoben werden, meinte Dr. med. Katharina Nebel, Präsidentin des BDPK: „Aus der geriatrischen Rehabilitation wissen wir, dass neun von zehn Patienten nach Hause gehen können.“ Trotzdem gebe es gerade für diese Menschen oft keine entsprechenden Maßnahmen. „In einem wettbewerblichen System reicht es nicht, an die ethische Verpflichtung zu appellieren“, so Wasem. „Es müssen auch entsprechende Anreize gesetzt werden.“ Doch diese fehlten. Es sei derzeit sogar unökonomisch, Patienten durch Rehabilitation oder Case-Management vor der Pflegebedürftigkeit zu bewahren, sagte Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des BDPK: „Dabei geht es uns nicht darum, Kassenschelte zu betreiben.“ „Vielmehr wollen wir den Hemmschuh entfernen, der dem Prinzip ‚Reha vor Pflege‘ im Weg steht.“

Der BDPK hält die beiden Studienansätze für geeignet, um Rehabilitationen bei älteren Menschen attraktiver zu machen. Insbesondere die maßnahmenorientierte Variante eigne sich für eine kurzfristige Einführung, betonte Bublitz: „Denn wesentlich ist, dass schnell etwas passiert.“
Dr. rer. nat. Marc Meißner
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