ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009Forschungsförderung mit Schieflage

MEDIZINREPORT

Forschungsförderung mit Schieflage

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Die Standortbestimmung zur Situation der Onkologie in Europa hatte einen durchaus kritischen Tenor. „Europa hat keine gemeinsame Vision bei der Bekämpfung von Krebs und keine einheitlichen Strategien der Krebsforschung. Stattdessen ist die onkologische Forschung traditionell stark von Partikulartinteressen geprägt: angefangen bei denen der Grundlagenwissenschaftler und klinisch-forschenden Ärzte oder der nationalen Wissenschaftspolitik bis hin zu Aufsichtsbehörden und Geldgebern“, stellte der Präsident des Europäischen Krebskongresses, Prof. Dr. med. Alexander Eggermont aus Rotterdam, Niederlande, fest und fügte hinzu: „Wir sollten auf internationaler Ebene die in der Onkologie ausgeprägte Fragmentierung und Redundanz der Forschung überwinden und sicherstellen, dass der Patient die Motivation für unsere Arbeit ist. Die Verbesserung und Verstetigung der Lebensqualität des Krebskranken muss im Vordergrund stehen.“

Eggermont ist auch Präsident der European Cancer Organisation (ECCO), die den von 15 000 Teilnehmern besuchten Kongress zusammen mit der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) ausgerichtet hat. Auf dem Weg zum Ziel einer besseren Versorgung von Krebspatienten hat die ECCO jetzt die Europäische Akademie für Krebswissenschaften gegründet. Sie soll vor allem die Politik beraten, die Interessen der Krebspatienten auf nationaler und europäischer Ebene vertreten und politische Entscheidungen verhindern, die die Onkologie behindern. Um die Forschung besser zu bündeln, haben sich die europäischen Krebszentren vernetzt (Organisation of European Cancer Institutes). Ein Schwerpunkt: multimodale Behandlungskonzepte zu optimieren, die, beginnend mit der Diagnostik, die Besonderheiten des Tumors, aber auch genetische Charakteristika des Patienten mit Einfluss auf Effektivität und Sicherheit einer Therapie berücksichtigen und die Belastbarkeit des Patienten in den Mittelpunkt stellen.

Von einigen Forschern aber wird ein Ungleichgewicht bei der Verteilung öffentlicher Gelder für die Krebsforschung angemahnt: zugunsten der Molekularbiologie und neuer Medikamente. „Der Fokus der staatlich finanzierten Krebsforschung muss sich verschieben hin zu Studien mit Fragestellungen aus der Chirurgie, der Pathologie, der Radiotherapie und der bildgebenden Diagnostik“, forderte Prof. Dr. med. Richard Sullivan (London, Großbritannien). Einer aktuellen Analyse zufolge würden von den 14 Milliarden Euro, die die EU-Länder jährlich aus Staatshaushalten in die Krebsforschung steckten, 74 Prozent für Molekularbiologie und Entwicklung neuer Medikamente ausgegeben. Hier sei eine „absolute Schieflage der Forschungsförderung“ entstanden, auch weil öffentliche Gelder umso reichlicher flössen, je mehr und je rascher ein Forscher publiziere. „Wir haben keinen Mangel an Medikamenten, die es durch die Pipeline in die Klinik schaffen, der Bereich der Wirkstoffforschung ist gesund. Nur drei Prozent der in die Krebsforschung investierten öffentlichen Mittel der EU-Länder werden zum Beispiel in chirurgische Forschung investiert, in Deutschland lediglich 1,2 Prozent. Trotz der methodischen Schwierigkeiten, aussagekräftige Studien in der Chirurgie zu konzipieren – sie sind möglich und notwendig, auch weil Operationen und Radiotherapie global gesehen die wichtigsten Ansätze sind, Malignome zu behandeln“, sagte Sullivan. nsi

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