ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2009Fraunhofer-Projekt „inHaus 2“: Assistenz für alle

SUPPLEMENT: PRAXiS

Fraunhofer-Projekt „inHaus 2“: Assistenz für alle

Krüger-Brand, Heike E.

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Der Spiegel ist die Informations- und Steuerungszentrale für das „intelligente“ Badezimmer der Zukunft. Fotos: Fraunhofer-IMS
Der Spiegel ist die Informations- und Steuerungszentrale für das „intelligente“ Badezimmer der Zukunft. Fotos: Fraunhofer-IMS
In Duisburg erprobt die Fraunhofer-Gesellschaft intelligente Raum- und Gebäudesysteme unter anderem für Pflegeheime und Krankenhäuser.

Der morgendliche Blick in den Spiegel könnte künftig wesentlich mehr bieten als das gewohnte eigene Konterfei: Das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) nutzt den Spiegel als interaktives Informations- und Kontrollzentrum für ein intelligentes Badezimmer, das sich an seine jeweiligen Benutzer anpasst. Über eingeblendete Icons lassen sich „per Touch“ beispielsweise Wasserhahn und Seifenspender bedienen. Darüber hinaus kann das System so programmiert werden, dass der Badbenutzer an das Zähneputzen oder an das Händewaschen nach dem Toilettengang erinnert wird. Wurde etwa das Zähneputzen vergessen, leuchtet als Erinnerungshilfe ein bestimmtes Icon auf, und auch die Nische, in der die Zahnbürste steht, wird beleuchtet. Über ein entsprechendes Piktogramm kann auch an die Medikamenteneinnahme erinnert und der Medizinschrank illuminiert werden, wahlweise ist auch eine Sprachausgabe möglich. Der Zugang zur Medikamentenbox lässt sich zudem an bestimmte Berechtigungen knüpfen, sodass der Zugriff von Kindern ausgeschlossen wird.

Das Projekt „inBad – Assistive Badumgebung“ ist ein technisch bereits fortgeschrittenes Beispiel aus dem Anwendungsbereich „Health & Senior Care“ im inHaus 2 in Duisburg (Kasten), in dem es um intelligente technische Lösungen unter anderem für die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen geht. Das „inBad“-Projekt ist dabei speziell auf eine Unterstützung und Verbesserung der hygienerelevanten Pflege in einem Mehrgenerationenhaushalt ausgerichtet. Es soll Bewohner beobachten und nutzerspezifisch unterstützen, ohne sie zu stören. „Dabei geht es um ein Badezimmer für alle Generationen“, betont Dr. Gudrun Stockmanns, Leiterin des Bereichs „Health & Senior Care“ am IMS.

Dokumentation inklusive
So enthält das barrierefrei zugängliche Badezimmer eine Toilette mit integrierter Duschfunktion, die den Benutzer „erkennt“ und sich auf die passende Höhe einstellt. Auch das höhenverstellbare Waschbecken ist für große und kleine Bewohner gleichermaßen geeignet. Der interaktive Spiegel könnte darüber hinaus künftig nicht nur für Pflegebedürftige interessant sein, sondern beispielsweise den Wetterbericht oder Nachrichten beim Zähneputzen anzeigen oder zur Auswahl eines Musikprogramms dienen.

Außenansicht des inHaus-2-Gebäudes in Duisburg
Außenansicht des inHaus-2-Gebäudes in Duisburg
„Diese maßgeschneiderte, personalisierte Assistenz lässt sich mit der Dokumentation der Vorgänge, die im Bad ablaufen, kombinieren“, erklärt Stockmanns. Über Sensoren an Tür, Toilette, Wasserhahn, Lichtschalter und im Boden lassen sich Aktivitäten und Vitalparameter des Bewohners erfassen und elektronisch aufzeichnen. Benötigt ein Bewohner eines Tages professionelle Pflege, können diese Daten genutzt werden: Der Arzt oder das Pflegepersonal kann am Computer ablesen, welche Pflegefunktionen ausgeführt wurden, wie oft das Badezimmer betreten oder die Toilette benutzt wurde oder ob jemand gestürzt ist. In Notfällen alarmiert das System automatisch eine Person der Wahl oder die Pflegestation.

Diese Umgebungsassistenz kann somit für Senioren oder auch für behinderte Menschen bereitgestellt werden, um ihre Sicherheit und Autonomie zu erhöhen und ihnen das Leben in ihrer heimischen Umgebung zu erleichtern. „Ganz wichtig bei ambienter Unterstützung ist dabei immer die Frage: Wer braucht welche Unterstützung? Was hilft wem?“, erläutert Stockmanns. Doch auch Aspekte wie Komfort, Ästhetik oder Entertainment seien für die Akzeptanz wichtig, meint die Expertin.

Derzeit sind im inHaus 2 ähnliche technische Prototypen bereits im privaten Bewohner- und im Krankenzimmer integriert, wohingegen sich die „Mitmach-Küche“ und das Pflegebad mit Wellnessfunktionen noch weitgehend im Planungsstatus befinden. Erprobt werden beispielsweise Möbel mit Zusatznutzen, wie Möbel mit taktilem Feedback, mit motorischer Unterstützung oder mit Info- und Entertainmentfunktionen. So können sich Schubladen und Schränke kontextspezifisch und/oder benutzerspezifisch öffnen oder verschließen. Für Pflegeeinrichtungen ist eine Steuerungsfunktion in Kombination mit Ortungssystemen interessant, die es ermöglicht, dass sich Schränke, Schubladen mit privaten Utensilien oder Fenster automatisch abriegeln, sobald ein Bewohner sein eigenes Zimmer verlässt, oder beim Betreten des Bewohners wieder öffnen. Ebenso könnte beispielsweise ein Schrank mit Pflege- oder Verbandsmaterial über eine solche Funktion nur für das Pflegepersonal zugänglich sein.

Kontextsensitive Lösungen
Vergessene oder verlegte Gegenstände, wie Schlüssel oder Geldbörse, lassen sich mittels integrierter Funkchips (RFID) einfach wiederfinden, etwa durch Licht- und Tonsignale an Schränken und Schubladen. Mittels einer kontextsensitiven Fernbedienung (wie den iPod touch) werden dem Bewohner je nach Ort jeweils bestimmte Funktionen angeboten. Befindet er sich im Fernsehsessel, kann er bequem das Fernsehgerät anschalten oder das Licht herunterdimmen, vom Bett aus dagegen zum Beispiel Türen und Fenster verriegeln. Aktivitätssensorsysteme können das Schlaf- und Wachverhalten, die Bedienung der Hausgeräte sowie Atmung und Puls messen. Die Daten werden drahtlos an eine Home-Station übertragen, dort aufbereitet und über eine Kommunikationsverbindung an den Pflegedienst weitergeleitet, der bei Bedarf eingreifen kann.

Im Pflegeszenario werden außerdem Lichtleitsysteme getestet, die die Sicherheit älterer Menschen bei Nacht erhöhen sollen. Darüber hinaus widmet sich das IMS auch der Frage, wie sich das Wohlbefinden durch die Umgebung erhöhen lässt. Dabei spielen Farben, Beleuchtung und taktile Reize als „umgebungsstimulierende Maßnahmen“ eine große Rolle. Beispiel Beleuchtung: Zirkadianes, das heißt am natürlichen Tagesablauf orientiertes Licht unterstützt den Biorhythmus und wirkt sich positiv auf die Grundstimmung aus.

Parallel zum Aufbau einer realitätsnahen Wohn- und Laborumgebung, in der diese Entwicklungen im inHaus evaluiert werden, laufen Feldversuche mit Industrie- und Forschungspartnern. Ein Beispiel ist das vom Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) geförderte Projekt JUTTA (JUsT-in-Time Assistance) – ambulante Quartiersversorgung. Dabei sollen neue Dienstleistungskonzepte für das „Wohnen im Alter im Quartier“ erarbeitet werden, die eine Betreuung durch das Pflegepersonal nicht mehr nach Zeit, sondern nach individuellem Bedarf ermöglichen. Als technische Unterstützung werden neben der Sensorik vernetzte intelligente Einsatzfahrzeuge erprobt. Wesentlich ist zudem, dass neben professionellen Angeboten auch familiäre, nachbarschaftliche und ehrenamtliche Hilfeleistungen einbezogen werden.

Ein weiteres BMBF-Projekt, an dem sich das IMS beteiligt, ist SAMDY (sensorbasiertes adaptives Monitoringsystem für die Verhaltensanalyse von Senioren). Entwickelt werden soll ein Frühwarnsystem, das die Pflegedienste rund um die Uhr über sich abzeichnende gesundheitliche Veränderungen oder Gefahrensituationen der Klienten informiert. Darüber hinaus sollen die sensortechnisch generierten Daten auch für die Pflegedokumentation und zur Automatisierung der Abrechnung genutzt werden, um das Pflegepersonal zu entlasten. Heike E. Krüger-Brand

Hintergrund inHaus-Zentrum
Das inHaus-Innovationszentrum ist die Kooperations- und Entwicklungsplattform der Fraunhofer-Gesellschaft für neue Technologie- und Anwendungslösungen in Wohn- und Nutzimmobilien. Das 2001 fertiggestellte „inHaus1“-Projekt beschäftigt sich mit intelligenten Lösungen im Wohnbereich.

Die „inHaus 2“-Forschungsanlage, an der sich neun Fraunhofer-Institute beteiligen, ist seit Juni 2008 in Betrieb. Sie umfasst rund 3 500 qm Nutzfläche und dient zur Entwicklung von intelligenten Raum- und Gebäudesystemen etwa für Pflegeheime, Krankenhäuser, Büros und Hotels. Die bis Ende 2011 geplanten Forschungsprogramme im inHaus 2 haben ein Volumen von rund 27 Millionen Euro. Im „Health- & Care-Lab“ beispielsweise werden neue Modelle für die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen und für die Organisation von Pflegeeinrichtungen konzipiert. Dafür werden Software- und Sensorikkomponenten sowie deren Integration entwickelt und evaluiert. Informationen unter www.inhaus.de.
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