ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009Porträt - Marcia Angell, Ärztin und Kritikerin des US-amerikanischen Medizinbetriebs: Das Problem ist das Streben nach Profit

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Porträt - Marcia Angell, Ärztin und Kritikerin des US-amerikanischen Medizinbetriebs: Das Problem ist das Streben nach Profit

Gerste, Ronald D.

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Wenn sie öffentlich auftritt, hat der Medizinbetrieb in den USA nichts Gutes zu erwarten: Marcia Angell. Foto: laif
Wenn sie öffentlich auftritt, hat der Medizinbetrieb in den USA nichts Gutes zu erwarten: Marcia Angell. Foto: laif
Die 70-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie prangert das Fehlverhalten der Pharmaindustrie, von Versicherungen und Politikern ebenso an wie das der ärztlichen Kollegen.

Dr. Marcia Angell feiert irgendwann in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Das exakte Datum geheim zu halten, ist ihr besser geglückt als das Geburtsjahr. Wenn die Ärztin den Ehrentag nach eigenem Gusto planen könnte, sähe er vermutlich so aus: morgens ein Auftritt in der Frühstücksshow einer der großen amerikanischen Fernsehanstalten, danach Abfassen eines Editorials für die „New York Times“, nachmittags ein Interview für das auf seriöse Themen spezialisierte öffentlich-rechtliche Radio PBS und abends noch ein kleiner Vortrag vor einigen Hundert geladenen Gästen. All diese Auftritte hätten eines gemeinsam: Marcia Angell würde kräftig austeilen und sie alle abwatschen – die Pharmaindustrie, die Kran­ken­ver­siche­rungen, die Abgeordneten und Senatoren und nicht zuletzt die ärztlichen Kollegen.

Marcia Angell ist momentan in den USA eine gefragte Frau; als Ärztin ist sie eine der profiliertesten und eloquentesten Kritikerinnen des US-amerikanischen Medizinbetriebs. Stets wird sie – ob im Fernsehen oder in den großen Tageszeitungen – mit zwei Attributen belegt, die weithin Respekt erringen: Sie ist senior lecturer an der Harvard Medical School und war außerdem Chefredakteurin des „New England Journal of Medicine“ – für einige Monate und interimistisch, bevor man im Nicht-ganz-so-Guten voneinander schied.

Weder die Pharmaindustrie noch die Versicherungsgesellschaften haben in der derzeit in den USA geführten Debatte einen allzu guten Leumund, werden sie doch immer wieder als jene Institutionen genannt, die das US-amerikanische Gesundheitssystem so astronomisch teuer machen. „Der Grund dafür“, sagt Angell, „dass unser Gesundheitssystem derart in Schwierigkeiten ist, liegt darin, dass es auf Profit ausgerichtet ist und nicht darauf, Behandlung zu gewährleisten.“

Erfindung neuer Krankheiten
Furore machte Angell 2004 mit ihrem Buch The Truth About the Drug Companies: How They Deceive Us and What to Do About It. Darin wirft sie der Industrie vor, sich ihre Märkte regelrecht zu erschaffen, sprich: die Existenz von Krankheiten zu propagieren, bis der eigene Umsatz die Milliardengrenze übersteigt. So wurde Angell zufolge aus natürlicher menschlicher Schüchternheit ein klinisches Leiden, dass dank geschickter Public Relations (PR) inzwischen zur Volkskrankheit geworden ist. 1980 tauchte im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders erstmals der Begriff „social phobia“ auf, die als eher selten bezeichnet wurde. Bis Mitte der 1990er-Jahre mutierte das Leiden zur „social anxiety disorder“, das ungemein häufig sein soll. Als Ursache für diese wundersame Progression macht Angell die PR-Bemühungen der Firma Glaxosmithkline aus, die ihr Antidepressivum Paxil® (Paroxetin) mit dieser Kampagne an Millionen unter pathologischer Schüchternheit leidende Amerikaner zu bringen suchte – mit Erfolg.

Vor allem die Hilfestellung, die namhafte Ärzte und Wissenschaftler dabei leisten, weite Bevölkerungsschichten krank zu reden, treibt Angell auf die Palme – ebenso wie die Summen, die sogenannte Meinungsbilder (KOL im Englischen, key opinion leaders) dabei einstreichen. Für ethisch fragwürdig hält die streitbare Ärztin zum Beispiel das Verhalten eines Kollegen an der eigenen Universität. Sie meint den Harvard-Professor für Kinderpsychiatrie Joseph L. Biederman: „Ihm haben wir es zum großen Teil zu verdanken, dass jetzt schon Zweijährige mit bipolaren Störungen diagnostiziert und mit einem Cocktail starker Medikamente behandelt werden, die von der FDA nicht für diesen Zweck zugelassen sind.“ Von den Herstellern der entsprechenden Psychopharmaka, dies fand ein Senatskomitee unter der Leitung des republikanischen Senators Charles Grassley heraus, erhielt Biederman zwischen 2000 und 2007 Beratungs- und Vortragshonorare in Höhe von 1,6 Millionen Dollar. Ein weiterer Fall betrifft den Psychiater Dr. Alan Schatzberg von der Stanford University. Er besitzt Aktien im Wert von sechs Millionen Dollar an einem Unternehmen, das Mifepriston herstellt und das basierend auf Schatzbergs Publikationen die „Abtreibungspille“ möglichst großflächig gegen psychotische Depressionen einzusetzen hofft.

Verkaufsschlager herbeireden
Ein besonders eklatantes Beispiel für ein Arzneimittel, das dank der Bemühungen geneigter KOL zur Massenware wurde, ist für Angell Neurontin® (Gabapentin), das ursprünglich nur für die Behandlung bestimmter Verlaufsformen der Epilepsie indiziert war. „Doch bezahlte akademische Experten“, beklagt sie, „setzten ihre Namen unter Artikel, die den Einsatz von Neurontin für alles Mögliche lobten – bipolare Störungen, Migräne, Schlafstörungen, Restless-legs-Syndrom, Hitzeschübe und vieles mehr. Und mit dem Sponsoring von Konferenzen, bei denen diese Anwendungen propagiert wurden, konnte der Hersteller das Medikament zum Verkaufsschlager hochreden, mit Umsätzen in einer Größenordnung von 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 2003.“

Angell befürwortet ein staatliches Gesundheitssystem wie zum Beispiel das in Großbritannien. Zwar gebe es dort Wartezeiten, räumt sie ein. Doch das liege nicht am System, sondern an der inadäquaten Ausstattung: „Bei uns ist es nicht die Ausstattung, sondern das System – wir geben mehr als genug aus.“ Da der Kongress sich jedoch nach zahlungskräftigen Partikularinteressen richte, werde es wohl in naher Zukunft keine wirklich Reform des Gesundheitssystems geben.
Ronald D. Gerste
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