ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2009Heinrich VIII.: Kraft und Brutalität

KULTUR

Heinrich VIII.: Kraft und Brutalität

Gerste, Ronald D.

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LNSLNS Durch einen schweren Unfall änderten sich Psyche und Lebensstil des englischen Monarchen, der im Jahr 1509 den Thron bestieg und dem in diesem Jahr zahlreiche Ausstellungen gewidmet sind.

Charles Dickens, der mit „Christmas Carol“ die klassischste Weihnachtsgeschichte der englischen Literatur hinterließ, hielt wenig von ihm: Er sei ein „unerträglicher Schurke, eine Schande für die menschliche Natur und ein Fleck von Blut und Fett auf der Geschichte Englands“. Der so Gescholtene war bei des Literaten Verdammung schon mehr als drei Jahrhunderte lang tot. Ein Tyrann war Heinrich VIII., der Englands Thron anno 1509, vor genau einem halben Jahrtausend bestieg und bis zu seinem Tod 1547 regierte, zweifellos. Doch ohne ihn sähe die Welt möglicherweise ganz anders aus. Durch seinen Bruch mit Rom und der katholischen Kirche beschritt sein Land einen Sonderweg. Unter seiner Tochter Elisabeth I. wurde es der wichtigste Gegner der katholischen Weltmacht Spanien. Elisabeth legte den Grundstein für Englands Seeherrschaft und sein überseeisches Empire, das wiederum Voraussetzung für die heutige Dominanz der englischen Sprache und die Vormachtstellung der USA ist.

Der Mann, den der deutsche Künstler Hans Holbein der Jüngere 1537 in seinem berühmten Ölgemälde porträtierte, strahlt Kraft und Brutalität aus. Beide Eigenschaften brauchte Heinrich auch, um seine eigenen Krankheiten zu überwinden. Denn der König wurde immer wieder von gesundheitlichen Krisen heimgesucht. Der König, der mit 18 Jahren auf den Thron kam, konnte tagelang Turniere feiern, zechen und essen, sodass er abergläubischen Zeitgenossen wie der Leibhaftige erschien. Bei einem Turnier verschliss er zehn erschöpfte Pferde. Sein Immunsystem muss hervorragend funktioniert haben, denn 1514 erkrankte er an den Pocken. Sieben Jahre später zog er sich eine Malaria zu, die damals in Teilen Englands endemisch war. Die charakteristischen Fieberschübe suchten ihn danach zeitlebens heim.

Eine wirkliche Plage waren indes Hautgeschwüre an den Beinen. Dieses Leiden war traumatischer Genese. Bei einem Turnier im Palast von Greenwich am 24. Januar 1536 wurde Henry VIII. in voller Rüstung vom Pferd geworfen, das Reittier rollte überdies über den Monarchen hinweg. Zwei Stunden lang war er bewusstlos, man fürchtete um des Königs Leben. Doch schwerer als die Gehirnerschütterung wog die offene Wunde am Oberschenkel, die nie richtig verheilte. Schlimmer noch: Die wahrscheinlich chronische Infektion streute in die Umgebung aus, Haut-ulzerationen an den Beinen wurden des Monarchen ständige Begleiter. Jetzt, im Jubiläumsjahr, das England mit zahlreichen Ausstellungen über Henry VIII. feiert, hat ein Team von Historikern jenen Unfall als Wendemarke seines Lebens bezeichnet. „Wir glauben,“ so erklärt Lucy Wormsley, die Chefkuratorin der Organisation Britain’s Historic Royal Palaces, „dass dieser Turnierunfall von 1536 der Grund für den Wandel der Persönlichkeit vom vielversprechenden, generösen jungen Prinzen zum grausamen, paranoiden, bösen Tyrannen ist.“ Der Unfall hatte nicht nur bei Henry, sondern auch in seinem Umfeld Folgen – ganz unmittelbare und historisch einschneidende: Anne Boleyn, seine zweite Frau, erlitt auf die Nachricht vom Sturz des Königs hin eine Fehlgeburt – das Kind war ein Knabe, jener Thronfolger, den Heinrich sich so dringend ersehnte. Hätte Anne das Kind lebend zur Welt gebracht – wer weiß, wie Europas Geschichte ohne ein Elisabethanisches Zeitalter verlaufen wäre ?

Nicht nur die Psyche, auch der Lebensstil Heinrichs änderte sich aufgrund der posttraumatischen Komplikationen. Die Ulzerationen an den Beinen beendeten seinen bislang mit körperlichen Anstrengungen gepflasterten Lebensstil. Statt Tennis zu spielen, zu tanzen und zu reiten, frönte Henry, der früher zehn Pferde pro Tag bis zu deren Erschöpfung geritten hatte, nun exzessiv den Freuden der Tafel, oft mit 13 Gerichten pro Tag, heruntergespült mit bis zu zehn Pint Bier. Bis zu einem Tod (wahrscheinlich an kongestivem Herzversagen) am 28. Januar 1547 war er jedoch geistig höchst vital.
Roland D. Gerste
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