ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2009Staatsanwaltliche Ermittlungen nach Propofol-Narkosen: Unerwünschte „Nebenwirkungen“

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Staatsanwaltliche Ermittlungen nach Propofol-Narkosen: Unerwünschte „Nebenwirkungen“

Dtsch Arztebl 2009; 106(41): A-2031 / B-1743 / C-1707

Almer, Sebastian; Warntjen, Maximilian

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LNSLNS Der Einsatz von Propofol hat für Ärzte bisweilen ungeahnte rechtliche Folgen, weil die Patientinnen sexuelle Fantasien entwickelt haben.

Sexualbezogene Halluzinationen – die Nebenwirkungen nach der Einnahme von Propofol im Aufwachraum sind in der nationalen und internationalen anästhesiologischen Literatur beschrieben.
Sexualbezogene Halluzinationen – die Nebenwirkungen nach der Einnahme von
Propofol im Aufwachraum sind in der nationalen und internationalen
anästhesiologischen Literatur beschrieben.
Gelegentlich treten in der anwaltlichen Praxis Fälle auf, in denen sich Ärzte im Anschluss an Propofol-Narkosen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und einem ungeheuren Verdacht ausgesetzt sehen: Patientinnen erheben den Vorwurf der sexuellen Belästigung oder gar des sexuellen Missbrauchs durch den Arzt im Aufwachraum. Die von den Patientinnen in logischer Abfolge sehr plastisch und überzeugend dargestellten (vermeintlichen) „Erlebnisse“ lassen sich indes auf eine in der nationalen und internationalen anästhesiologischen Fachliteratur beschriebene Nebenwirkung dieses Narkosemittels zurückführen: Unter der Wirkung von Propofol können sich zum Teil lebhafte sexuelle Fantasien entwickeln, die bei den Patientinnen den Eindruck eines authentischen Ereignisses hervorrufen.

Widerlegen der Vorwürfe ist oft schwierig
Der beschuldigte Arzt befindet sich in einer äußerst ungünstigen Verteidigungsposition, da meist keine konkrete Erinnerung mehr an die Behandlung der Patientin besteht, sodass ein Widerlegen der belastenden Vorwürfe nur schwer möglich ist. Es kommt deshalb darauf an, der Staatsanwaltschaft die medizinischen und pharmakologischen Zusammenhänge aufzuzeigen und sie von der Haltlosigkeit der Vorwürfe zu überzeugen. Vor allem aber lassen sich im Sinne einer „Haftungsprophylaxe“ auch Vorkehrungen treffen, anhand derer solchen unbegründeten, gleichwohl äußerst belastenden Anschuldigungen vorgebeugt werden kann.

Ein Fall aus der anwaltlichen Praxis: Eine 15-jährige Patientin unterzieht sich in einer orthopädischen Praxis einer ambulanten arthroskopischen Operation am linken Knie. Der Anästhesist verabreicht der jungen Patientin eine Vollnarkose mit Propofol. Der Eingriff verläuft regelgerecht, die Patientin kann am frühen Nachmittag nach Hause entlassen werden. In der Folgezeit wirkt sie gegenüber ihrem Umfeld stark verändert; nach und nach vertraut sie sich ihrer Mutter an, welche mit ihrer Tochter zur Polizei geht. Dort erklärt sie, der Anästhesist habe sie nach der Operation sexuell missbraucht. Sie schildert glaubwürdig, sie sei aus der Narkose „daran aufgewacht“, dass der Arzt sie intim berührt habe. Sie habe sich dagegen nicht wehren können. Die Polizei leitet die Anzeige an die Staatsanwaltschaft weiter, die gegen den Anästhesisten ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen (§ 179 Strafgesetzbuch [StGB]) eröffnet. Die als Zeugen vernommenen Praxisangestellten und der Operateur weisen den Vorwurf gegen den Anästhesisten empört zurück – müssen aber einräumen, sich an die konkrete Patientin nicht erinnern zu können. Auch geben sie an, dass die Betreuung des Aufwachraums „im Großen und Ganzen“ durch den Anästhesisten allein geleistet werde.

Medienberichte führen zur Ausgrenzung des Arztes
Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ist wie kaum ein anderer geeignet, den Arzt in Beruf, Gesellschaft und Privatleben auf massive Weise zu stigmatisieren und auszugrenzen. Der öffentliche und private Druck auf den beschuldigten Arzt und seine Familie erhöhen sich noch, wenn etwa wegen einer spektakulären Fallgestaltung das Medieninteresse erwacht und die Ermittlungen durch eine öffentliche Berichterstattung begleitet werden. Darüber hinaus stehen schon in der Phase des Ermittlungsverfahrens mit der Verhängung eines vorläufigen Berufsverbots oder der Anordnung des Ruhens der Approbation Maßnahmen im Raum, die zu einer wirtschaftlichen Existenzbedrohung führen können. Insofern stellt das Ermittlungsverfahren – unabhängig vom Ausgang – eine schwerwiegende Beeinträchtigung dar.

Im Fall einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen nach § 179 StGB droht dem Arzt nicht nur eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren, sondern auch der Widerruf der Approbation, die Einleitung eines berufsgerichtlichen Verfahrens, die Entziehung der kassenärztlichen Zulassung oder die Geltendmachung von zivilrechtlichen Forderungen.

Propofol ist als kurz wirkendes, intravenöses Anästhetikum wegen seiner raschen Wirkung, guten Sedierung und Verträglichkeit geschätzt und wird häufig eingesetzt. Die Nebenwirkungen bei der Gabe von Propofol findet man in der anästhesiologischen Literatur beschrieben. So berichtet Canaday von sexualbezogenen Halluzina-tionen, die eine Patientin nach der Einnahme von Propofol im Aufwachraum hatte. Auch Kent et al. weisen auf diese Nebenwirkung hin: „The potential danger of legal action from patients who have hallucinated during anesthesia is very real.“ In der Fachinformation der Hersteller über Propofol heißt es ebenfalls: „In der Aufwachphase treten Übelkeit, Schwindel sowie Euphorie und eine Herabsetzung der sexuellen Hemmschwelle auf.“

Besonders akzentuiert hatte schon vor mehr als zehn Jahren die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft im Deutschen Ärzteblatt unter der Überschrift „Sexuelle Fantasien bei kurzen Eingriffen unter Narkose“ auf die Gefahr der Strafverfolgung nach Propofol-Narkosen aufmerksam gemacht (DÄ, Heft 12/1998).

Die Aussagen der betroffenen Patientinnen weisen übrigens bei der Schilderung der vermeintlichen Geschehnisse charakteristische Übereinstimmungen auf: In dem von Canaday berichteten Fall behauptete die Patientin – wie im Fallbeispiel –, sie sei in der Aufwachphase für die Dauer von fünf Minuten missbraucht worden, dabei aber unfähig gewesen, sich verbal oder aktiv dagegen zu wehren.

Empfehlung zur Haftungsprävention
Die Verteidigungsposition des beschuldigten Arztes ist tendenziell ungünstig, weil er sich oft kaum an die Situation erinnert und die Vorwürfe bloß „abstreiten“ kann. Hilfreich ist es deshalb, wenn der Nachweis gelingt, dass der Arzt mit der Patientin zu keinem Zeitpunkt der Behandlung allein war. Als vorbeugende Maßnahme ist zu empfehlen, bereits bei der Narkose und der anschließenden Überwachung organisatorisch routinemäßig sicherzustellen, dass eine dritte Person ständig anwesend ist, deren Name auch in der jeweiligen Patientendokumentation festgehalten ist. Dies gilt besonders bei Tätigkeiten des Arztes, die Raum für Fehlinterpretationen lassen, wie etwa Handgriffe, mit denen die Patientin bei der Umlagerung vom Operationstisch, beim Gang in den Aufwachraum oder bei der Lagerung im Aufwachraum unterstützt wird. Auch der Körperkontakt zur Beruhigung der Patientin kann fehlgedeutet werden.

Kommt es ungeachtet dieser Vorkehrungen aufgrund einer Anzeige durch eine Patientin zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, so besteht seitens des Arztes in der Regel das verständliche Bedürfnis, im Weg einer sofortigen Gegendarstellung den unberechtigten Vorwürfen entgegenzutreten. Davon muss dem Arzt dringend abgeraten werden. Mündlichen, zumeist noch spontanen und unbedachten Erklärungen zur Sache gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft wohnt stets die Gefahr inne, dass die Aussagen missverstanden, fehlinterpretiert oder auch nur ungenau protokolliert werden. Solche womöglich dann ungewollt belastenden Aussagen lassen sich erfahrungsgemäß im weiteren Ermittlungsverlauf nur schwer korrigieren. Daraus resultiert die Empfehlung, stets nur schriftlich – nach Akteneinsicht und nach rechtlicher Prüfung – zur Sache Stellung zu nehmen.

RA Dr. Sebastian Almer, RA Dr. Maximilian Warntjen, Ulsenheimer und Friederich – Rechtsanwälte, München
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