POLITIK

Gesundheitsregionen: Noch überwiegend Marketing

Dtsch Arztebl 2009; 106(41): A-1990 / B-1708 / C-1672

Gerst, Thomas; Gieseke, Sunna

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In den Gesundheitsregionen vernetzen sich verschiedene Akteure der Branche. Fotos: Fotolia, BVMed, iStockphoto
In den Gesundheitsregionen vernetzen sich verschiedene Akteure der Branche. Fotos: Fotolia, BVMed, iStockphoto
Viele Regionen wollen am Wachstumsmarkt „Gesundheitswirtschaft“ partizipieren. Unterschiedliche Akteure finden sich zusammen. Was steckt hinter den Konzepten?

Nordrhein-Westfalen war Vorreiter. Bereits 2004 entwickelte das bevölkerungsreiche Bundesland ein Konzept, um die Gesundheitsbranche in der Region zu fördern. Der „Masterplan Gesundheitswirtschaft“ sollte die Standortvorteile der Region sichern. Den gesamten Komplex medizinischer Versorgungsleistungen nicht nur als eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft zu empfinden, sondern auch im positiven Sinne als einen wirtschaftlichen Wachstumsfaktor wahrzunehmen – dies wollte die damals noch vom sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück geführte NRW-Landesregierung erreichen. Die Konkurrenz hat allerdings nicht geschlafen: Bald folgten auch andere Bundesländer diesem Beispiel, niemand wollte sich nachsagen lassen, in Sachen Wirtschaftsförderung und Standortsicherung zu wenig initiativ geworden zu sein. Gesundheitsregionen mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten – sei es in der Medizintechnik, in der Vernetzung verschiedener Versorgungsangebote, in der Grundlagenforschung oder etwa im Wellnessbereich – entwickelten sich in den Folgejahren.

Der Begriff Gesundheitsregion ist nicht geschützt. Im Prinzip kann sich jede Region diesen Namen geben. Allen ist gemeinsam, dass verschiedene Akteure der Gesundheitswirtschaft auf regionaler Ebene gemeinsam ein Konzept entwickeln, um Innovationen voranzutreiben, diese regional anzuwenden und damit schließlich die Gesundheitsversorgung zu verbessern, wie Priv.-Doz. Dr. Josef Hilbert, Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Deutsche Gesundheitsregionen (NDGR), betont. Die Beteiligten kommen aus Forschung, Entwicklung und Versorgung, aber auch aus den Zulieferbereichen und gesundheitsnahen Nachbarbranchen, etwa dem Gesundheitstourismus. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede. Vor allem in der Größe und inhaltlichen Schwerpunkten. „Viele wollen sich auf einen Aspekt, etwa Biotechnologie, fokussieren, merken in der Ausarbeitung des Konzepts aber, dass sie sich breiter aufstellen müssen“, sagt Hilbert. „Die Versorgung von alten Menschen in ihrem Zuhause ist zum Beispiel eines der bedeutenden Themen der Zukunft.“ Vorteilhaft sei es, bereits vor dem Start der Gesundheitsregion ein fundiertes Konzept auszuarbeiten und mit allen möglichen Beteiligten zu sprechen. Im Mittelpunkt stehe dabei immer der Patient. Obwohl dieser am wenigsten von den Gesundheitsregionen mitbekommt: „Die Gesundheitsregion ist lediglich Hintergrundmusik. Der Patient wird diese kaum als Akteur wahrnehmen.“

Nordbrandenburg will die Telemedizin stärker nutzen
Viele Regionen haben große Zukunftsvisionen. Nordbrandenburg zum Beispiel. Das Projekt „Fontane“ gewann in diesem Jahr zusammen mit der Region Neckar-Alb, die sich „REGiNA“ nennt, den Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Die Konzepte hätten überzeugt, da sie zukunftsweisende Strategien mit besonders innovativen Projekten vorgelegt hätten, heißt es aus dem Ministerium. Nun werden die beiden Gewinner mit etwa 15 Millionen Euro gefördert. Insgesamt stellte das BMBF für den Wettbewerb 40 Millionen Euro zur Verfügung. Man wolle die Gesundheitsregionen aber auch weiterhin in ihrer positiven Entwicklung aktiv unterstützen, erklärte das BMBF. Daher habe man den Wettbewerb für eine zweite Runde geöffnet. 18 weitere Regionen, die beim ersten Durchgang nicht gewonnen haben, können Anfang 2010 ein überarbeitetes Konzept einreichen.

Die Idee der Gewinnerregion Nordbrandenburg sieht vor, die Betreuungsqualität für Herz-Kreislauf-Patienten im strukturschwachen ländlichen Raum zu verbessern. „Dabei wollen wir bereits bestehende Strukturen nutzen und die Hausärzte keinesfalls ersetzen, sondern stärken“, betont Oberarzt Dr. med. Friedrich Köhler. Im strukturschwachen Nordbrandenburg gibt es nicht genug Kardiologen. Damit die betroffenen Patienten dennoch eine gute Behandlung erhalten können, soll die Telemedizin helfen. „Kein Patient soll eine Ferndiagnose erhalten, die Präsenzmedizin soll in jedem Fall beibehalten werden. Durch die ergänzende Telemedizin haben die Hausärzte allerdings weniger Hausbesuche und der Patient ein 24-Stunden-Sicherheitsnetz“, erläutert der Oberarzt. Ihm geht es im Wesentlichen um eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen der Entwicklung und Versorgung. 29 Akteure aus verschiedenen Bereichen wollen sich an dem Projekt beteiligen – unter anderem gesetzliche Krankenkassen, die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, die Charité und das Kardionetz GmbH.

Die Kardiologen sollen alle vier Wochen in die Praxen der Hausärzte kommen und diese bei ihrer Arbeit unterstützen. „Damit ist allen geholfen. Bei dem Kardiologen landen tatsächlich nur die Patienten, die dort auch wirklich hingehören. Und der Hausarzt bekommt erfahrene Hilfe.“ Köhler ist sich darüber im Klaren, dass diese Zusammenarbeit viel Fingerspitzengefühl voraussetzt, schließlich wird von jedem Kollegen erwartet, dass er sich in seiner Arbeitsweise komplett öffnet. Köhler ist sich sicher, dass die Region mit diesem Konzept wettbewerbsfähig bleibt.

Neckar-Alb fokussiert sich auf die Regenerationsmedizin
Das ist auch die Intention der Gesundheitsregion „REGiNA“. Hier sieht man in der Regenerationsmedizin ein erhebliches Potenzial für die Zukunft – und zwar sowohl regional als auch national. „Wir sind in unserer Region bereits seit Jahren gut in diesem Bereich aufgestellt, und zwar sowohl in der Forschung als auch in der Entwicklung“, sagt Dr. Klaus Eichenberg, Geschäftsführer der Bioregio-STERN-Management GmbH. Nicht ohne Stolz nennt er die zahlreichen beteiligten Akteure, auch die Universität Tübingen ist darunter.

Eichenberg hat durchaus internationale Ambitionen. Doch zunächst beginnt man klein: „Wir wollen eine Hotline einrichten. Dort sollen sich sowohl Patienten als auch Ärzte über die regionalen Möglichkeiten der Regenerationsmedizin informieren können“, erklärt Eichenberg. Patienten sollen erfahren, welcher Arzt sich in seiner Fachrichtung auf die Regenerationsmedizin spezialisiert hat, Ärzte sollen von Fachkollegen Fragen zu diesem Thema beantwortet bekommen. „Der Arzt wird in Zukunft immer mehr mit vermeintlich mündigen Patienten zu tun haben“, meint auch Prof. Heinz Lohmann, Vorsitzender der Initiative Gesundheitswirtschaft. Das Internet habe da eine Menge in Bewegung gesetzt. Die Gesundheitsregion REGiNA will diesem Trend Rechnung tragen. „Der Arzt trifft in seiner Praxis immer häufiger Patienten mit Halbwissen. Wenn er unsere Fachkompetenz für die Regenerationsmedizin nutzt, kann er diesen Patienten besser begegnen“, sagt Eichenberg. REGiNA möchte deshalb für Ärzte spezielle Fortbildungen anbieten.

Die „HealthRegion CologneBonn“ folgt dem Trend mit der erst kürzlich erfolgten Konstituierung ein wenig verzögert, hat aber nach Ansicht ihres geschäftsführenden Vorsitzenden, Prof. Dr. Wolfgang Goetzke, Direktor des Instituts für Gesundheitswirtschaft e.V. (Köln), gegenüber anderen Regionen den Vorteil einer sehr vielfältigen Vernetzung unterschiedlicher Leistungsanbieter und Verbände des Gesundheitswesens. Und in der Tat liest sich die Namensliste des erweiterten Vorstands und des Senats der „Gesundheitsregion KölnBonn“ wie das Who’s who der regionalen Gesundheitsbranche. Dort findet man Vertreter der Arzneimittelhersteller, der gesetzlichen und privaten Kran­ken­ver­siche­rung, der Hochschulmedizin, der Industrie- und Handelskammern und der Kommunen. Dr. Volker Leienbach, Direktor des Verbands der privaten Kran­ken­ver­siche­rung e.V., begründet sein Engagement im geschäftsführenden Vorstand des Vereins so: „Regionalisierung ist eine auch im Gesundheitswesen zunehmend wichtige Entwicklung. Die ,HealthRegion CologneBonn‘ ist für den PKV-Verband mit Stammsitz in Köln ein wichtiges, gut mit der Landespolitik verzahntes Netzwerk.“

Das Zusammenspiel verschiedener Player der Gesundheitsbranche in der „HealthRegion“ soll in erster Linie der Wirtschaftsförderung und Standortsicherung in der Köln-Bonner Region dienen. Man wolle, sagt der geschäftsführende Vorstand Goetzke, attraktiv sein für Unternehmen, die sich hier ansiedeln wollen, und so auch wichtige Impulse für den Arbeitsmarkt setzen. Jeder siebte Beschäftigte sei schon heute in der Gesundheitswirtschaft tätig. Nicht verwunderlich also, dass auch die Kommunen in der Region nicht nur über eine Vereinsmitgliedschaft an der Initiative beteiligt sind. Beispielsweise unterstützt die Stadt Köln die Geschäftsführung durch die Finanzierung einer halben Personalstelle. Die niedergelassenen Ärzte mit ins Boot zu holen, habe bisher nicht so recht funktioniert. Diese hätten in den vergangenen Jahren eine Art Wagenburgmentalität entwickelt, meint Goetzke, und zeigten Berührungsängste mit den Krankenkassen und der Industrie. „Denen läuft der große Markt weg“, ist sich Goetzke sicher. Dieses Problem ist auch in anderen Regionen bekannt: „Gerade die niedergelassenen Ärzte haben Berührungsängste“, vermutet der NDGR-Vorstandsvorsitzende Hilbert. „Für sie ist die Gesundheitswirtschaft ein rotes Tuch. Viele befürchten die Industrialisierung der Medizin, die sie in ihrer Bewegungsfreiheit beeinträchtigen könnte.“ Die neuen Versorgungsstrukturen könnten ihrer Ansicht nach das Arzt-Patienten-Verhältnis beeinträchtigen. „Ärzte verstehen sich nach wie vor als Einzelkämpfer. Die große Wende ist in diesem Bereich wohl noch nicht gekommen“, mutmaßt Hilbert. Er habe für diese Ängste auch durchaus Verständnis. „Es ist aber sinnvoll, die Ärzte mit an Bord zu holen. Ohne sie ist die Umsetzung der Konzepte in Gesundheitsregionen viel schwerer.“

Als Vereinszweck der „Gesundheitsregion KölnBonn e.V.“ wird in der Satzung aufgeführt: Förderung und Vernetzung von Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Versorgung und sonstigen Bereichen im Cluster Medizin und Gesundheit. Damit soll ein Beitrag dazu geleistet werden, „die Region zu einem national und international beachteten und anerkannten Gesundheitsstandort zu entwickeln und auszubauen“. Das bedeute nicht, dass es keine divergierenden Interessen der beteiligten Unternehmen, Verbände oder Gebietskörperschaften mehr bezüglich der weiteren Entwicklung gebe, betont Goetzke. Gleichwohl seien die Mitglieder der „HealthRegion“ dem gemeinsamen Bestreben der regionalen Wirtschaftsförderung verpflichtet. Die in Kürze stattfindende Klausurtagung des Vereins soll insbesondere zu einem Gedankenaustausch darüber genutzt werden, wie man die Marke „HealthRegion CologneBonn“ am besten platzieren und welche – darauf aufbauend – förderungswürdigen Projekte sich entwickeln lassen.

Ein wesentlicher Antrieb für das Zusammenwirken verschiedener Akteure auch in der Region Köln-Bonn sollte nämlich nicht ungenannt bleiben – die mögliche finanzielle Förderung von gemeinsamen Projekten im Gesundheitsbereich durch Bund oder Land. „Alle wollen diese Netzwerke, sonst ist man bei der Vergabe chancenlos“, sagt Prof. Goetzke. Derzeit gibt es bereits finanzielle Unterstützung aus dem Clustermanagement Nordrhein-Westfalen für den Themenschwerpunkt „Gesundheit für Generationen“, für den die Region Köln-Bonn die Themenpatenschaft übernommen hat. Hier geht es vor allem darum, sich den Problemen einer alternden Gesellschaft zu stellen und im Zusammenspiel unterschiedlicher Leistungsanbieter und Einrichtungen auf das Ziel eines möglichst lange selbstbestimmten Lebens auch im hohen Alter hinzuwirken. Insbesondere zeichne sich die Region mit den Hochschulstandorten durch besondere Kompetenz in den Bereichen Wissen und Bildung aus. Hier sieht Goetzke exzellente Anknüpfungspunkte zwischen Wirtschaftsunternehmen und medizinischer Spitzenforschung und Biotechnologie.

Nach dem Erfolg von CDU/CSU und FDP bei der Bundestagswahl geht Goetzke davon aus, dass dem Wettbewerb im Gesundheitsbereich schon bald ein höherer Stellenwert zukommen wird. Mit Schwarz-Gelb werde es vermutlich noch ein Stück weiter weg von kollektiven Versorgungsstrukturen gehen.

Die Gesundheitswirtschaft sollte als Chance begriffen werden, sagen alle Experten auf diesem Gebiet. Sie ist eine krisensichere Wachstumsbranche: Zwischen 1996 und 2005 ist sie doppelt so stark gewachsen wie die Gesamtwirtschaft (3,3 Prozent versus 1,5 Prozent). „Die Branche ist allerdings als Markt noch recht neu. Noch vor einiger Zeit haben die unterschiedlichen Akteure nicht unbedingt zusammengearbeitet. Der Markt war stark segmentiert“, berichtet Lohmann. „Durch die Gesundheitsregionen ist vielen Akteuren erst klar geworden, wie vielfältig die Branche überhaupt ist.“ Und daraus könnten viele interessante Projekte entstehen.
Thomas Gerst, Sunna Gieseke
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