ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2009Neue Grippe: Die Frage des Nutzens
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Die Belastung des ÖGD bei einer 30-Prozent-Impfung der deutschen Bevölkerung ist in dem Editorial vermutlich zutreffend beschrieben. Aber mittlerweile stellt offenbar nicht einmal mehr das DÄ die Frage, ob die Mammutimpfaktion mit allein Impfstoffkosten von über 300 Millionen Euro ohne sonstige Durchführungskosten und ohne intangible Kosten (wie Angst der Bevölkerung) und ohne Opportunitätskosten (die unterlassene bessere Investition der Gelder an anderer Stelle mit mehr Nutzen) hinreichend gerechtfertigt ist.

Da kritisch nachvollziehbare Daten zu der Nutzen-Risiken-Kosten-Abwägung bislang nicht öffentlich vorliegen und möglicherweise das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und andere deutsche Ge­sund­heits­mi­nis­terien von den Medien und der nahen Wahl und nicht allein von ruhiger Faktenabwägung getrieben sind, sollte vielleicht das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin um eine abwägend distanzierte Stellungnahme gebeten werden. Es erinnern die selbst in den Fachmedien derzeit publizierten höchst vagen Fakten und Daten an die dramatisierenden Pandemiedebatten zur Vogelgrippe der Vorjahre. Es erinnert ebenso an die mit Eile und ebenfalls lückenhaften, zum Teil fehlerhaften Fakten im Vorjahr verlaufenden politischen Entscheidungsprozesse zur Einführung der HPV-Massenimpfung in Deutschland zur Bekämpfung des Zervix-karzinoms, zu einem Zeitpunkt, da die Sterbefälle dieses Karzinoms in der deutschen Bevölkerung von ca. 2 000 spezifischen Sterbefällen in 1998 durch die existierende Vorsorge bereits auf 1 500 in 2007, d.h. um rund ein Drittel zurückgegangen waren (daraus lässt sich im Übrigen leicht ausrechnen, dass bei gegenwärtigen Jahreskosten der Impfung von ca. 500 Millionen Euro und einem angenommenen spezifischen Nettowirkungsgrad von 50 Prozent jeder künftig vermiedene Zervix-karzinom-Sterbefall cet. par. bei nicht diskontierten Kosten knapp 700 000 Euro kosten wird – das ist einer der schlechtesten Nutzwerte in der Rangliste über den Nutzen präventiver Maßnahmen). Es wäre äußerst reizvoll, eine solche Betrachtung auch einmal für die sogenannte Schweinegrippe-Impfung versuchsweise aufzustellen, da die bisherigen und realistisch zu erwartenden Sterbefälle dieser Influenzaform weit unter dem langjährigen Mittel von jährlich 10 000 deutschen Sterbefällen der üblichen saisonalen Grippeepidemien liegen.
Prof. Dr. med. F. W. Schwartz, Direktor des Instituts für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
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