ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2009Bildtexte/Textbilder: Marcel Broodthaers – Der hinkende Interpret

KUNST + PSYCHE

Bildtexte/Textbilder: Marcel Broodthaers – Der hinkende Interpret

PP 8, Ausgabe Oktober 2009, Seite 434

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Die erste Katalogkassette des Städtischen Museums Mönchengladbach entstand 1967 in Zusammenarbeit mit Joseph Beuys. Johannes Cladders als Museumsdirektor löste auf diese Weise das Problem, mit geringen finanziellen Mitteln ungewöhnliche Kataloge zu produzieren: Es waren Kartonschachteln, die von den Künstlern mit Texten oder Objekten gefüllt werden sollten. Einige dieser Katalogkassetten wurden zu begehrten Sammelobjekten.

Marcel Broodthaers: Fig. 1, Katalogkassette des Städtischen Museums Mönchengladbach 1971. Vier bedruckte, ineinandergeschachtelte Kartons. Auflage 220 Exemplare, hier Ex. 121. 20,7 cm × 16 cm × 3,6 cm.Foto: Eberhard Hahne
Marcel Broodthaers: Fig. 1, Katalogkassette des Städtischen Museums Mönchengladbach 1971. Vier bedruckte, ineinandergeschachtelte Kartons. Auflage 220 Exemplare, hier Ex. 121. 20,7 cm × 16 cm × 3,6 cm.
Foto: Eberhard Hahne
1971 stellte der belgische Künstler Marcel Broodthaers im Museum aus. In seiner Arbeit reflektierte er immer wieder den Museumsbetrieb und den Kunstmarkt. Man durfte also auf seine Kataloggestaltung gespannt sein. Broodthaers entschied sich für vier Kartonboxen, die ineinander verschachtelt waren. Auf der Rückseite jeder Schachtel war der Text des Museumsdirektors abgedruckt. Da die einzelnen Kartons immer kleiner wurden, erscheint der gleichbleibend groß gedruckte Text immer größer. Hierin zitiert Cladders den Künstler mit dem Satz: „Fig. A bezeichnet meine Mitarbeit am Text, bevor ich ihn gelesen habe.“ Sofort ist klargestellt, dass der Text etwas Sekundäres ist, sich auf das Werk des Künstlers als Ausgangspunkt bezieht. Dieses Werk bezeichnet der Künstler als „Fig. A“. Dies ist eine ebenso willkürliche Bezeichnung wie „Fig.1“ als Aufdruck auf der ersten Schachtel. Scheinbar folgerichtig ist der nächstkleinere Karton zwar als „Fig. 2“ bezeichnet – dann aber folgen „Fig. 0“ und schlussendlich „Fig. 12“. Mit ganz einfachen Mitteln zeigt sich der Künstler als Nachfahre von René Magritte, der die Widersprüche zwischen Wort, Bild und Objekt immer wieder zu seinem Thema gemacht hatte. Mit „Fig. 12“ scheint das Dutzend voll zu sein – aber es handelt sich erst um die vierte Schachtel. Die Bezeichnungen können willkürlich gewählt sein, der Künstler entscheidet. Als Betrachter können wir versuchen, einen logischen Ablauf zu rekonstruieren, wir können Vermutungen anstellen und Interpretationen schreiben, die von Karton zu Karton immer mehr Platz okkupieren – aber der Interpret hinkt dem Werk des Künstlers hinterher. Dies hatte der Künstler bereits mit „Fig. A“ postuliert. Hartmut Kraft

Biografie Marcel Broodthaers
Geboren 1924 in Saint-Gilles, Brüssel. Vielseitiger Künstler, der Gedichte schrieb, fotografierte, Filme drehte, Bilder, Skulpturen und Installationen schuf. In Weiterentwicklung der Arbeit von René Magritte galt seine Arbeit den Widersprüchen zwischen Objekt, Abbild und Worten sowie einer kritischen Reflexion des Museumsbetriebs und des Kunstmarktes. Sein Werk wurde wegweisend für die Kunst der 80er- und 90er-Jahre. Zahlreiche internationale Ausstellungen, unter anderem Teilnahme an der Documenta 5 (1972) und 7 (1982). Gestorben 1976 in Köln.

LITERATUR
M. B.: Museum. Der Adler vom Oligozän bis heute. Katalog Kunsthalle (2 Bde.), Düsseldorf 1972.
Crompton M (Hrsg.): Marcel Broodthaers. Tate Gallery, London 1980.
Gilissen M, Lange S: M.B. Texte et Photos. Steidl, Göttingen 2003.
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