ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2009Ethik in der Psychotherapie: Wie willkommen sind Geschenke?

THEMEN DER ZEIT

Ethik in der Psychotherapie: Wie willkommen sind Geschenke?

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Patienten überreichen Therapeuten immer wieder kleinere oder größere Aufmerksamkeiten. Die Reaktion des Therapeuten kann Einfluss auf das Verhältnis zum Patienten haben, daher sollten sie gut auf diese Situation vorbereitet sein.

Es kommt immer wieder vor, dass Patienten ihre Psychologen oder Psychotherapeuten beschenken möchten. Manche fragen vorher, ob dies erwünscht ist. Die Mehrzahl steht aber eines Tages einfach mit einem Geschenk vor der Tür. Psychologen und Psychotherapeuten sollten auf solche Überraschungen vorbereitet sein, denn ihre Reaktion auf Geschenke kann die therapeutische Beziehung auf lange Sicht beeinflussen – sowohl positiv als auch negativ. Umfragen unter Psychotherapeuten zeigen, dass mehr als die Hälfte schon mindestens einmal ein Geschenk von Patienten offeriert bekam.

Die Geschenke stammen allerdings nicht immer nur von den Patienten, sondern teilweise auch von deren Angehörigen. In den meisten Fällen wollen die Schenkenden ihre Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrücken oder die therapeutische Beziehung verbessern. Gelegentlich sollen die Geschenke auch dazu dienen, den Therapeuten zu manipulieren beziehungsweise zu bestechen oder eine private Freundschaft anzustoßen.

Die Haltung gegenüber Geschenken ist unter Psychologen und Psychotherapeuten umstritten und reicht vom rigorosen Ablehnen bis hin zum Annehmen jeder Art von Geschenken. Beide Seiten haben dafür gute Argumente: Die Ablehner haben oft klare ethische Prinzipien, an die sie sich strikt halten. Sie fürchten, dass das Arbeitsbündnis nachhaltig beeinflusst wird und die therapeutische Distanz nicht mehr aufrechterhalten werden kann, wenn Geschenke akzeptiert werden. Die Annehmer glauben, dass es eine Geste des Respekts und der Freundlichkeit ist, wenn man Geschenke annimmt. Manche lassen sich aber nur deshalb beschenken, weil sie befürchten, dass die Patienten eine Ablehnung nicht gut verkraften und das Arbeitsbündnis dadurch belastet wird. Zudem möchten sie Schaden vom Patienten abwenden, etwa wenn ein Geschenk nicht mehr zurückgegeben oder umgetauscht werden kann.

Der kulturelle Hintergrund der Patienten ist wichtig
Die meisten Psychologen und Psychotherapeuten gehen einen Mittelweg: Sie nehmen einen Teil der Geschenke an und lehnen den anderen Teil ab. Dabei wägen sie von Fall zu Fall ab, ob ein Geschenk angemessen und unproblematisch ist oder nicht. „Geschenke werden in der Regel akzeptiert, wenn sie von geringem materiellen Wert sind und der Patient nichts anderes als seine Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrücken will“, berichten die Psychologinnen Chris Brown und Heather Trangsrud von der University of Missouri – Kansas City. Geschenke sind außerdem willkommen, wenn sie am Ende der Therapie überreicht werden und wenn sie nicht mit Zwängen (zum Beispiel sich revanchieren müssen, sich moralisch unter Druck gesetzt fühlen) verbunden sind. Geschenke sind auch dann für einen Therapeuten unproblematisch, wenn sie sein Privatleben nicht beeinflussen, wenn sie nicht zu gefühlsträchtig oder symbolisch sind und wenn sie die ethischen und beruflichen Grenzen nicht verletzen.

Viele Therapeuten berücksichtigen auch den kulturellen Hintergrund der Patienten. In einigen Kulturen ist es üblich, seiner Wertschätzung und Dankbarkeit durch ein kleines Präsent Ausdruck zu verleihen; die Angehörigen solcher Kulturen würden es nicht verstehen beziehungsweise missverstehen, wenn ihre Geschenke abgelehnt werden. Es wird daher in solchen Fällen empfohlen, kulturelle Gepflogenheiten über eigene Prinzipien zu stellen und die Geschenke anzunehmen.

Unerwünscht sind Geschenke, wenn sie kostspielig und aufwendig oder sentimental und symbolisch sind, wenn sie den Geschmack des Therapeuten nicht treffen, wenn sie zu oft angeboten werden und wenn daraus Zwänge entstehen. Darüber hinaus halten es viele Therapeuten für unangebracht, wenn Geschenke zu Beginn oder während der Therapie überreicht werden und wenn sie das Gefühl haben, dass das Arbeitsbündnis beeinträchtigt oder ethische Richtlinien verletzt werden.

Es gibt für Psychotherapeuten nur wenige Richtlinien
Auch wenn Geschenke unerwünscht sind, werden sie manchmal angenommen und sogar benutzt. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen um Sarah Knox von der Marquette University/USA. Sie fanden heraus, dass Psychotherapeuten sowohl erwünschte als auch unerwünschte Bilder in ihren Praxen aufhingen, Bettwäsche benutzten oder Esswaren aßen. Nur wenigen gelang es, sich konsequent der Geschenke zu entledigen.

Psychologen und Psychotherapeuten finden in den ethischen Richtlinien von Fachgesellschaften nur wenig Hinweise, wie sie auf Geschenke reagieren sollen. In den Ethical Principles of Psychologists and Code of Conducts der American Psychological Association gibt es keine expliziten Empfehlungen, die sich auf Geschenke beziehen. Das Annehmen von Geschenken wird weder verboten noch empfohlen. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass sowohl das Annehmen als auch das Ablehnen eine Reaktion mit Signalwirkung ist, die positive und negative Einflüsse auf die weitere Therapie haben kann.

Im Code of Ethics der American Counseling Association heißt es, dass sich Therapeuten der Herausforderungen bewusst sein müssen, die Geschenke mit sich bringen. Sie raten zu einem kultursensitiven Verhalten und empfehlen, Geschenke aus Respekt vor fremden Sitten und Gebräuchen anzunehmen. Außerdem empfehlen sie, das Annehmen oder Ablehnen von Geschenken von folgenden Kriterien abhängig zu machen: therapeutischer Beziehung, materiellem Wert des Geschenks, Schenkmotivation des Patienten sowie Gründen und Prinzipien des Therapeuten, ein Geschenk abzulehnen beziehungsweise anzunehmen.

In der (Muster-)Berufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer heißt es unter § 6 Abs. 3: „Die Tätigkeit von Psychotherapeuten wird ausschließlich durch das vereinbarte Honorar abgegolten. Die Annahme von entgeltlichen und unentgeltlichen Dienstleistungen im Sinne einer Vorteilnahme ist unzulässig. Psychotherapeuten dürfen nicht direkt oder indirekt Nutznießer von Geschenken, Zuwendungen, Erbschaften oder Vermächtnissen werden, es sei denn, der Wert ist geringfügig.“

Die ethischen Richtlinien der genannten Fachgesellschaften enthalten also kaum Empfehlungen und keine Verbote; zudem können sie relativ großzügig ausgelegt werden. Das bedeutet letztlich, dass es jedem Psychologen und Psychotherapeuten selbst überlassen bleibt, wie er im jeweiligen Fall auf Geschenke reagiert.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Chris Brown, University of Missouri – Kansas City, 215 School of Education, 5100 Rockhill Road, Kansas City, MO 64110 (USA), E-Mail: brownchr@umk.edu

VERSCHIEDENE KATEGORIEN
Die Geschenke lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen:

�� Preiswerte Geschenke: Selbstgemachtes (zum Beispiel Gebäck, Süßigkeiten, Handarbeiten, Basteleien) und Dinge von geringem materiellem Wert (zum Beispiel Bücher, Getränke, CDs, Kerzen, Vasen, Tassen, Blumensträuße, Topfpflanzen, Urlaubsmitbringsel)
�� Teure und exklusive Geschenke: Kunstwerke, Schmuck, Musikinstrumente, Sammlerstücke, Elektrogeräte, Autos, Reisen, Karten für Premieren oder besondere Sportereignisse, hohe Geldsummen
�� Symbolische Geschenke: Briefe, Gedichte, Lieder, Erinnerungsstücke, Glücksbringer
�� Persönliche Geschenke: Dinge, die im Leben des Beschenkten einen Platz einnehmen, zum Beispiel Bettwäsche, Handtücher, Seifen, Bilder, Kissen, Fotos vom Patienten und seiner Familie
�� Praktische Geschenke: Schreibtischutensilien, Bücher oder CDs, die den Beschenkten bei seiner Arbeit anregen, ihn unterstützen oder informieren sollen
�� Nicht materielle Geschenke: Dienstleistungen, Weiterempfehlung, Ratschläge
�� Kuriose Geschenke: Wecker, Sigmund-Freud-Statuetten, Freizeitausrüstung, Geldbörsen, Stofftiere, Holzspielsachen, Körpercreme, Sandalen
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1.
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