ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2009Beschwerden: Therapeuten zeigen zu wenig Empathie

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Beschwerden: Therapeuten zeigen zu wenig Empathie

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Psychotherapeuten stellen nicht jeden Patienten zufrieden. Eine Studie zeigt die häufigsten Beschwerden.

Einen Einblick in die Vorwürfe und Beschwerden von Patienten gegenüber Psychotherapeuten hat jetzt ein bundesweit tätiger, unabhängiger Verein gewährt. Er nimmt Beschwerden von Psychotherapiepatienten aus laufender, beendeter oder abgebrochener Behandlung entgegen, bietet Beratung an und ist bei der Suche nach einem Nachfolgetherapieplatz behilflich. Psychologen der Universitätsklinik Ulm und des Vereins Ethik in der Psychotherapie haben 81 Beschwerdefälle ausgewertet: Die Klagen richteten sich häufiger gegen männliche als gegen weibliche Psychotherapeuten; gegen männliche Therapeuten wurde signifikant häufiger der Vorwurf der sexuellen Grenzverletzung vorgebracht. Die häufigste Beschwerde (43 Prozent) bezog sich darauf, dass der Therapeut nicht genügend Empathie zeigte, sodass der Patient kein Vertrauen zu ihm entwickeln konnte. Auch wurde bemängelt, dass der Therapeut zu wenig auf die Probleme des Patienten einging (27 Prozent). Mangelnde Aufklärung über die Therapie wurde fast gleichhäufig beklagt (etwa 20 Prozent) wie sexuelle Grenzverletzung und ökonomischer Missbrauch des Patienten durch den Therapeuten. Beklagt wurden auch „Diagnosedrohungen“ (20 Prozent), das heißt, ein Therapeut stellt dem Patienten eine ungünstige Diagnose („unheilbar“), wenn dieser sich nicht den Vorstellungen oder Forderungen des Therapeuten anpasst. Schweigepflichtverletzungen seitens des Therapeuten wurden in zwölf Prozent der Fälle beklagt. Vergleichsweise selten vorgebracht wurden Beschwerden zum Beispiel über Störung von Therapiestunden durch fortgesetztes Telefonieren während der Sitzungen oder Inanspruchnahme des Patienten für therapiefremde Tätigkeiten.

Machtgefälle, Abhängigkeit, Scham und mangelnde Informiertheit über die Rechtslage tragen dazu bei, dass viele Patienten erst spät handeln oder auf eine Beschwerde verzichten.

Manche Patienten diffamieren den Therapeuten im Internet
Prinzipiell stehen geschädigten Patienten verschiedene Wege offen, zum Beispiel klärendes Gespräch mit dem Therapeuten, etablierte Beschwerdestellen und Gerichte. Gegen eine Diffamierung im Internet können sich Therapeuten hingegen nur schlecht zu Wehr setzen, es sei denn, die gegen sie vorgebrachten Vorwürfe sind so konkret und gleichzeitig unzutreffend, dass sie den Tatbestand der üblen Nachrede (§ 186 StGB) erfüllen. Dann kann der Therapeut eine Anzeige erstatten. „In keinem Fall sollte er auf solche Beschwerden mit einer Verteidigung oder gar einem Gegenangriff im Internet antworten, denn er würde sich damit fast unvermeidlich der Verletzung der Schweigepflicht schuldig machen, wenn er auf Inhalte der Therapie eingeht“, warnt die Studie. Was einmal im Internet steht, ist kaum aus der Welt zu schaffen. Insofern ist zu über legen, ob solche Vorgänge besser ignoriert werden sollten. Marion Sonnenmoser
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1.
Lange E, Hillebrand V, Pfäfflin F: Beschwerden über Therapeuten. Psychotherapeut 2009; 54(4): 307–309
2.
Prof. Dr. Friedemann Pfäfflin, Forensische Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm, Am Hochsträß 8, 89081 Ulm, E-Mail: friedemann.pfaefflin@uniulm.de
1. Lange E, Hillebrand V, Pfäfflin F: Beschwerden über Therapeuten. Psychotherapeut 2009; 54(4): 307–309
2. Prof. Dr. Friedemann Pfäfflin, Forensische Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm, Am Hochsträß 8, 89081 Ulm, E-Mail: friedemann.pfaefflin@uniulm.de

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