ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2009Zwangstherapie: Unzufrieden
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Lange nach der Lektüre des Artikels habe ich noch fröhlich schmunzelnd die „Miss-Marple-Melodie“ vor mich hingesummt. Immer wieder – fast zwanghaft – musste ich kopfschüttelnd daran denken, wie eine Patientin, die sich gedanklich mit „Miss-brauch“ beschäftigt und Symptome von „sexuellen sadistischen Obsessionen und Waschzwängen“ zeigt, offenbar nicht behutsam zu eigenen Missbrauchserfahrungen befragt und entsprechend behandelt wird. Stattdessen unterstützt man in diesem so wunderbaren Behandlungsansatz offenbar die bisherige traumabedingte Spaltungstendenz durch „Assoziationsspaltung“ und betont, dass dies von der Patientin ausdrücklich gelobt wird. Das wäre bei Miss Marple ja geradeso, als ob man unter dem beifälligen Nicken des Opfers die Mordwaffe ins Gefängnis steckt, um sich die Suche nach dem Angst und Schrecken verbreitenden Mörder zu sparen. Abspalten, Verdrängen und Leugnen sind zwar sinnvolle psychische Schutzmechanismen, aber als erklärtes Ziel einer Psychotherapie war mir Vermeidung auch bei Verhaltenstherapien bisher nicht bekannt. Ich freue mich schon auf die Weiterentwicklung dieser Therapiemethode: Vielleicht lesen wir dann ja von Trauernden, die statt weinend an „Beerdigung“ zu denken, flotte Songs von „Earth, Wind and Fire“ pfeifen, von Flugangstkranken, die „fly like an eagle“ schmetternd im Airbus sitzen, von Depressiven, die über die Assoziationskette „Zitronenpresse – sauer macht lustig“ wieder lachen, von Alkoholikern, die sich mit dem Gedanken an besonders trockenen Wein vom Saufdruck lösen können oder von Männern mit Erektionsstörung, die therapeutisch „I can’t get no satisfaction“ grölen.

Ich glaube, auch die greise Miss Marple wäre mit solchen „Lösungen“ bei ihren Fällen ein klein wenig unzufrieden gewesen.
Peter Neureuther, Psychologischer Psychotherapeut, Spritzenhausplatz 12, 73430 Aalen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige