ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2009Tiersammelsucht: Krankhafte Tierliebe

WISSENSCHAFT

Tiersammelsucht: Krankhafte Tierliebe

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die Sucht beginnt häufig bereits in der Kindheit. Die Ursachen sind allerdings noch nicht genau erforscht. Klar ist, dass nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Tiere leiden.

Foto: ddp
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Tiersammelsucht (englisch „animal hoarding“) ist eine seltene, aber ernst zu nehmende psychische Erkrankung. Vor allem da nicht nur die Betroffenen, sondern auch unzählige Tiere darunter leiden. Pathologische Tiersammler leben oft isoliert und horten in abgeschlossenen Häusern oder auf abgeschiedenen, von außen nicht einsehbaren Grundstücken und Höfen bis zu Hunderten von Tieren. Dabei handelt es sich meistens um Haustiere wie Vögel, Katzen oder Hunde, manchmal auch um exotische Tiere oder Nutztiere.

Die Sucht beginnt oft schon in der Kindheit. Die Auslöser sind nicht genau bekannt. Es wird jedoch angenommen, dass Tiersammler bereits als Kinder Haustiere gehalten und enge Bindungen an sie entwickelt haben. Die Beziehungen zu Erwachsenen können zum Beispiel aufgrund von Gewalt oder Misshandlungen eher problematisch gewesen sein. Zudem konnten meist keine stabilen Bindungen zu den Bezugspersonen aufgebaut werden. Die Tiere wurden damit zu Ersatzbezugspersonen.

Die Personifizierung von Tieren setzt sich später fort. Das zeigt sich daran, dass die Betroffenen eine starke Affinität zu Tieren empfinden und fast nur noch Umgang mit ihren Tieren pflegen. Die Beziehungen zu Menschen hingegen vernachlässigen sie oder brechen diese ab. Enttäuschende zwischenmenschliche Erfahrungen und Konflikte verstärken diese Tendenz. Damit geht einher, dass Tiersammler ihre Tiere vermenschlichen, die Bedürfnisse der Tiere ignorieren und sie nicht artgerecht halten.

Tiere werden vernachlässigt
Das extreme Tiersammeln beginnt oft mit einer psychischen Belastung durch ein aversives Ereignis, wie zum Beispiel der Tod von Familienmitgliedern, Trennung oder Scheidung, Arbeitslosigkeit oder schwere Krankheit, welches eine bereits latent vorhandene Sammelsucht aktiviert.

Einige Zeit nach dem Schicksalsschlag verlieren die Tiersammler die Kontrolle über die Tierhaltung: Sie „vergessen“, die Ställe und Gehege zu reinigen, vernachlässigen die Pflege der Tiere und lassen sie nicht mehr kastrieren, sodass es zu ungebremster Fortpflanzung kommt. Darüber hinaus gestatten sie es den Tieren, sich in der ganzen Wohnung aufzuhalten, halten die Tiere auf engstem Raum, gehen mit erkrankten Tieren nicht zum Tierarzt und entfernen weder Schmutz, Staub, Federn, Haare, Kot, Urin noch Kadaver. Oft wissen sie nicht, wie viele Tiere sie besitzen, und haben den Bezug zum einzelnen Tier längst verloren. Nur die Fütterung wird meist noch aufrechterhalten – wenn auch unregelmäßig und häufig nicht artgerecht (zum Beispiel Fleisch für Wellensittiche, Bier für Hunde). Das Füttern ist oft nur möglich, weil Familienmitglieder, Nachbarn oder Sozialarbeiter sich „erbarmen“ und die quälerische Tierhaltung wider besseren Wissens damit unterstützen. Die Folgen sind gravierend und münden meistens in völliger Verwahrlosung von Menschen, Tieren, Wohnungen, Häusern, Grundstücken und Gehegen.

Pathologischen Tiersammlern ist in einigen Fällen nur mit Amtsge-walt beizukommen. Wird ein Fall angezeigt, beschlagnahmt der Amtstierarzt einige oder alle Tiere und bringt sie zum Beispiel im örtlichen Tierheim unter. Die Tiere werden dort medizinisch versorgt, gesund gepflegt, kastriert und vermittelt beziehungsweise – wenn notwendig – eingeschläfert. Die Tiersammler erhalten jedoch meist keine psychotherapeutische Behandlung. Das mag daran liegen, dass sich niemand zuständig fühlt und es auch keine speziellen Therapien oder spezialisierten Therapeuten gibt. Ein weiterer Grund ist, dass die meisten Tiersammler eine Behandlung – selbst wenn sie angeboten wird – ablehnen, weil sie weder Leidensdruck noch Krankheitseinsicht haben. „Tiersammler halten sich für Tierfreunde, Retter, gute Samariter und verkannte Helden“, berichten Soziologen der Northeastern University, die sich mit 118 Fällen von Tiersammelsucht befasst haben. Sie fanden heraus, dass Tiersammler ein völlig verzerrtes Bild von sich und ihrem Handeln haben und über eine ganze Palette an Ausreden, Rechtfertigungen und Entschuldigungen verfügen. Sie erkennen nicht an, dass sie etwas falsch machen und mit der Tierhaltung überfordert sind. Sie fühlen sich unverstanden und diskriminiert, sehen sich als Sündenböcke oder „Opfer des Systems“ und stellen ihr Verhalten als „normal“ dar. Außerdem argumentieren sie, dass sie ihr ganzes Leben den Tieren widmen und einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens für die Tierhaltung ausgeben beziehungsweise sich sogar verschulden, nur damit es den Tieren gut geht. Dass die Tiere leiden und auch sie selbst erkranken und verwahrlosen, sehen sie hingegen nicht. Sie sind in der Regel unbelehrbar und setzen das krankhafte Tiersammeln fort, wo immer sich eine Möglichkeit bietet. Beispielsweise ziehen sie in eine andere Gegend, um sich den Beschwerden von Nachbarn oder der amtstierärztlichen Kontrolle zu entziehen, „züchten“ mit den verbliebenen Tieren weiter oder schaffen sich neue Tiere an. Es ist also nicht damit getan, Tiersammlern ihre Tiere einfach wegzunehmen.

Über krankhaftes Tiersammeln ist noch nicht viel bekannt. Es sorgt zwar immer wieder für Schlagzeilen, doch die Wissenschaft hat sich dieses Sonderfalls der Sammelsucht bisher kaum angenommen. Dies wäre jedoch sinnvoll, denn laut einer nationalen Umfrage in den USA stieg die Zahl der Fälle zwischen 2000 und 2006 deutlich an. Man weiß mittlerweile über Tiersammler, dass viele aus zerrütteten Familien stammen, in der Kindheit vernachlässigt und traumatisiert (zum Beispiel körperlich, emotional oder sexuell missbraucht) wurden und kaum Bindungen an Menschen haben.

Meist sind Frauen betroffen
Drei Viertel der Betroffenen sind Frauen im mittleren Alter. Sie entwickeln eine wesentlich engere Bindung an Tiere als Männer, sind manchmal völlig auf ihre Tiere fixiert und befriedigen durch die Tierhaltung ihre Bedürfnisse nach Körperkontakt, Zärtlichkeit, Gebrauchtwerden, Nähe und Ansprache. Möglicherweise spielen auch ein stark ausgeprägter Mutterinstinkt oder ein vergeblicher Kinderwunsch eine Rolle, sodass Tiere als Kinderersatz gesehen oder zur Trauerbewältigung benutzt werden. Tiersammler sind oft einsam und haben zwischenmenschliche Probleme. Im Austausch mit Tieren finden sie ihrer Meinung nach, was sie im Kontakt mit Menschen vermissen oder in der Kindheit entbehren mussten. Sie suchen die Gesellschaft von Tieren, weil diese abhängig sind, nicht widersprechen und sich anpassen, und empfinden sie als Partner, Freunde oder Familienmitglieder. Nicht alle Tiersammler leben jedoch allein, sondern teilen ihre Sammelsucht mit ihren Partnern, haben Kontakt zu anderen Tiersammlern oder unterhalten ein Netzwerk an freiwilligen Helfern und Geldgebern.

Bisher gibt es keine Studien
Neben einer ausgeprägten Sammelsucht leiden Tiersammler häufig unter zahlreichen weiteren psychischen Störungen, vor allem unter Persönlichkeitsstörungen und Symptomen wie Reizbarkeit, Narzissmus, Ängstlichkeit, dysfunktionale Regulation von Gedanken und Gefühlen, Egozentrismus und Misstrauen. „Ihr Mangel an Mitgefühl und Einfühlungsvermögen in andere Wesen und die Ignoranz des Tierelendes ist möglicherweise auf eine dissoziative Störung zurückzuführen“, meinen die Veterinäre und Tierschützer Gary Patronek und Jane Nathanson vom Center for Shelter Dogs in Boston. Innere Unsicherheit und Ängste gehen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontrolle über „Besitztümer“ einher, die sich unter anderem darin zeigt, dass Tiersammler verweigern oder verhindern, dass ihre Tiere von anderen Menschen angefasst, aufgenommen, betreut und behandelt werden oder dass sie es ignorieren, wenn Tiere verstorben sind. Das Sammeln von Tieren hat darüber hinaus eine stabilisierende Funktion für das Selbst und verleiht dem Leben der Betroffenen einen Sinn.

Tiersammler fallen meist erst im mittleren bis höheren Lebensalter klinisch auf, obwohl sich die Erkrankung oft schon im Jugendalter zeigt. Wird sie nicht behandelt, neigt sie dazu, sich zu verstärken und zu chronifizieren. Zur Behandlung von Tiersammlern liegen bisher jedoch noch keine veröffentlichten Studien vor. Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten, die Tiersammler als Patienten annehmen, können sich daher nicht an empirisch geprüften Daten und Interventionen orientieren; möglicherweise hilft aber eine Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und SSRI, wie sie zur Behandlung von Sammelsucht eingesetzt wird. Hinzu kommt, dass Tiersammler misstrauisch und uneinsichtig sind, zu Überreaktionen neigen, sich verteidigen oder herausreden, sich nicht freiwillig in Behandlung begeben und jede Hilfe ablehnen; daher werden sie oft erst durch eine Einweisung vorstellig. Da ihre Bezugspersonen Tiere sind und sich ihr Bindungsverhalten auf Tiere richtet, ist es schwierig, ihr Vertrauen zu gewinnen und eine tragfähige Arbeitsbeziehung aufzubauen. Weitere Defizite seitens der Betroffenen, die die therapeutische Zusammenarbeit erschweren können, sind kognitive Beeinträchtigungen, vermindertes Selbstwertgefühl, ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, mangelnde Abstraktions- und Problemlösefähigkeiten, Schwierigkeiten mit dem Organisieren, Planen und Ausführen von Aufgaben, mangelnde Therapiemotivation, fehlende Empathie und zahlreiche komorbide Störungen. Darüber hinaus empfinden Tiersammler eine Therapie womöglich als unerwünschten Eingriff in ihr „friedliches Paradies“. Trotz dieser Widerstände erscheint es lohnenswert, krankhaftes Tiersammeln näher zu erforschen und Interventionen zu entwickeln. Dadurch können viel Leid und Verelendung von Menschen und Tieren beendet oder verhindert werden.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Gary Patronek, Center for Shelter Dogs, Animal Rescue League of Boston, 10 Chandler Street, Boston, MA 02116 (USA), E-Mail: gpatronek@arboston.org
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1.
Berry C, Patronek G, Lockwood R: Animal hoarding: A study of 56 case outcomes. Animal Law 2005; 11: 167–94.
2.
Patronek G, Nathanson J: A theoretical perspective to inform assessment and treatment strategies for animal hoarders. Clinical Psychology Review 2009; 29(3): 274–81.
3.
Vaca-Guzman M, Arluke A: Normalizing passive cruelty: The excuses and justifications of animal hoarders. Anthrozoös 2005; 18(4): 338–57.
1. Berry C, Patronek G, Lockwood R: Animal hoarding: A study of 56 case outcomes. Animal Law 2005; 11: 167–94.
2. Patronek G, Nathanson J: A theoretical perspective to inform assessment and treatment strategies for animal hoarders. Clinical Psychology Review 2009; 29(3): 274–81.
3. Vaca-Guzman M, Arluke A: Normalizing passive cruelty: The excuses and justifications of animal hoarders. Anthrozoös 2005; 18(4): 338–57.

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