ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2009Im australischen Outback: Eine Reise nach nirgendwo

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Im australischen Outback: Eine Reise nach nirgendwo

Motz, Roland

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Foto: iStockphoto
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Das Land ist rot, ocker, braun, grau, aber niemals grün – und die nächste Tankstelle ist 374 Kilometer entfernt. Die Nacht ist fast vorüber. Der „Spirit of the Outback“ stoppt in Willows. Links und rechts der Gleise ein paar Rinder in einem savannenartigen Buschwald, wie wir ihn seit Stunden durchfahren. Keine Straße, kein Bahnsteig, kein Haus. Einfach nichts außer den verrosteten Resten einer alten Viehverladestation, einer ockerbraunen Piste, die sich im Outback verliert, einem Schild Willows und einem weiteren, dass das Rauchen untersagt. Niemand steigt ein, niemand steigt aus, niemand raucht. Der Zug fährt weiter durch ein jetzt brettflaches, graugrünes Land. Seit wir die Berge der Great Dividing Range überquert haben, die parallel zur Ostküste von Queensland verläuft und als natürliches Hindernis für lange Zeit die Erschließung des Outback verhindert hat, wird die Landschaft immer eintöniger, die Flaschenbäume kleiner, das Buschgras niedriger. Mit der aufsteigenden Sonne hören die Kängurus auf zu springen und flüchten in den Schatten. Auch wir sind froh, hinter den abgetönten Scheiben im klimatisierten Schlafwagenabteil diese leere, eintönige, immer heißer werdende Welt wie in einem Film an uns vorüberziehen lassen zu können.

„Zu viel Spinifex . . .“: Das harte, knochentrockene Gras prägt das Bild vom Outback – zum Leidwesen der Farmer. Foto: Laif
„Zu viel Spinifex . . .“: Das harte, knochentrockene Gras prägt das Bild vom Outback – zum Leidwesen der Farmer. Foto: Laif
„20 Minuten für medium, 30 für well done“ brauche eines dieser australischen Kilosteaks, behauptet David Hodson, wenn man es im Januar in Longreach auf den breiigen Asphalt legt. Wir glauben dem Eisenbahnmanager sofort, als wir nach 24 Stunden aus dem Zug aussteigen und die Gluthitze uns fast umhaut. Wir verstehen, warum Harry Redford seinerzeit für unschuldig erklärt wurde. Immerhin trieb der als Captain Starlight literarisch verewigte Viehdieb mehr als Tausend gestohlene Rinder 2 400 Kilometer weit durch diese sonnendurchglühte Hölle nach Süden und öffnete damit einen neuen Trail. Dem Viehtransport hat auch die Eisenbahnlinie ihre Existenz zu verdanken. Von Verladestation zu Verladestation haben sich die Bahn und mit ihr die Zivilisation von Rockhampton ins Outback bis Longreach vorgeschoben.

Das Zentrum von Longreach ist überschaubar, und das ist auch gut so bei der Hitze. Alle Straßen sind nach Vogelarten benannt. Hinter der Kingfisher Street haben wir die Metropole des östlichen Outback mit seinen 4 000 Einwohnern an einem Wasserloch des Thomson Rivers bereits wieder verlassen und fahren auf einer asphaltierten Straße nach Winton, dem letzten Vorposten vor der großen Leere, in die man Europa locker hineinlegen könnte. Bürgermeister Ed Warren sitzt mit verstaubten Stiefeln, breitrandigem Hut und viel Zeit vor dem Matilda-Museum. Er erzählt uns nicht nur die Geschichte von Australiens heimlicher Nationalhymne „Waltzing Matilda“, die in Winton ihre Geburtsstunde erlebte, sondern klärt uns auch über die ökonomischen Probleme im Outback auf: „Zu viel Spinifex- und zu wenig Mitchell- Gras, dazu Dingos und jahrelange Trockenheit, dann wieder monatelang Überschwemmungen.“ Das Schlimmste aber sei der Preisverfall für Wolle.

Flaches, menschenleeres Land: Der Blick schweift weit von der Kuppe der „Drei Schwestern“. Fotos: Roland Motz
Flaches, menschenleeres Land: Der Blick schweift weit von der Kuppe der „Drei Schwestern“. Fotos: Roland Motz
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Hitze, Dürre, Leere – ein kerzengerader roter Strich durch das knochentrockene Spinifex-Gras verliert sich im Nirgendwo. 374 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. Wir schauen etwas ratlos auf das Verkehrsschild. Man solle genügend Wasser mitnehmen und einen Wagen in gutem Zustand. Dann kommt uns schon einer jener gefürchteten Road Trains von der Länge eines halben Sportplatzes entgegen. Wir werden minutenlang von einer gigantischen rotvioletten Staubwolke verschluckt, die uns schlagartig die Bedeutung kurzer asphaltierter Strecken auf der ansonsten ungeteerten Piste klarmacht. Nur dort ist es möglich, die Ungetüme zu überholen. Gelbe Schilder signalisieren floodway, aber wir passieren nur ausgetrocknete, tote Flussbetten, die schon seit Jahrzehnten auf eine Überschwemmung zu warten scheinen. „700 Rinder auf 55 000 acres Land, bei der Hälfte musst du kämpfen, um zu überleben“, sagt Charles bei der Begrüßung auf der Carisbrooke Station. Sein Nachbar besäße die zehnfache Fläche. Dafür müsse er sieben Stunden mit dem Jeep zum Einkaufen fahren. Wir wandern mit Charles, der mit seiner Frau Penelope die Station vor fünf Jahren von seinem Vater übernommen hat, in die Python-Schlucht. Unentwegt attackierende Fliegen, die sich gerne heimtückisch hinter die Brillengläser schieben, zwingen uns immer wieder zum Outback-Gruß, dem Hin- und Herwedeln mit der Hand vor dem Gesicht. Aber in der Schlucht werden wir durch gut erhaltene Aborigines-Zeichnungen an den Höhlenwänden entschädigt. Im Radio fordern Vertreter der Aborigines eine Herabsetzung des Rentenalters wegen des 17er-Problems. Um 17 Jahre liegt deren Lebenserwartung noch immer unter dem landesweiten Durchschnitt.

Zeugnisse der Vergangenheit: In der Python-Schlucht verbergen sich gut erhaltene Höhlenzeichnungen der Aborigines.
Zeugnisse der Vergangenheit: In der Python-Schlucht verbergen sich gut erhaltene Höhlenzeichnungen der Aborigines.
Bei Sonnen­unter­gang fahren wir zum BBQ auf die „Drei Schwestern“. Die markante Hügel­gruppe ist 20-Jeep-Minuten von der Carisbrooke Station entfernt. Spektakulär, aber schnell, fast kitschig schiebt sich die Sonne unter das flache, menschen­leere Land, während noch die Fleisch­stücke über der Glut rösten. Wir kommen uns vor wie Outback-Pioniere, die seinerzeit die Eisenbahnlinie durch die Wildnis getrieben haben. In völliger Ruhe sitzen wir nachts mit ein paar Bieren vor den ehemaligen Behausungen der Schafscherer, die uns als Unterkunft dienen, und schauen in die Sterne. Ganz entspannt und unbehelligt von Abermillionen Fliegen, die ein gnädiger Wind davongetrieben hat, singen wir unter dem Kreuz des Südens „Waltzing Matilda“, bis wir uns selbst als Swagman (Wanderarbeiter) mit einem gestohlenen Jumbuck (Schaf) an einem Billabong (Wasserloch) unter einem Coolibah (Eukalyptusbaum), verfolgt von Troopers (berittenen Polizisten), wiederfinden. „In Brisbane gibt es eine Menge 5-Sterne-Hotels, aber wir hier haben eine 1 000 000-Sterne- Hütte“, sagt Charles. Niemand widerspricht.

Rot, ocker, braun, grau, aber nie grün ist das Land, das wir die nächsten Tage durchstreifen. Wir gewöhnen uns an die hohen, dünnen, harten Halme des Spinifex-Grases und die noch härteren, trockenen Büsche. Wir lernen von Charles die acht verschiedenen Sorten des fruchtbaren Mitchell-Grases kennen und können es am Ende immerhin vom aschgrauen Spinifex-Gras unterscheiden.

Schon sehr früh sind wir am letzten Morgen den halben Kilometer von den Unterkünften der Schafscherer zum Farmhaus gegangen. Penelope hat uns ein typisches Outback-Frühstück bereitet, also eine Menge Eier, Speck und Würstchen, dazu Tomaten und einen dünnen Kaffee. Danach dürfen wir Tochter Jeminah beim Unterricht der „School of the air“ zusehen. Bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts reisten Lehrer ins Outback, um eine Woche lang die Kinder einer Station zu unterrichten, bevor es zur nächsten weiterging, erzählt uns Penelope. Der große Quantensprung aber sei durch die Verlinkung der „Luftschulen“ mit dem Kommunikationssystem der Royal Flying Doctors gelungen, die bereits seit einem halben Jahrhundert Erste Hilfe im Outback leisten und mittlerweile innerhalb von drei Stunden jeden Patienten erreichen können.

Heute besitzt das Schulzentrum der LSODE in Longreach acht Rundfunkstationen, die die Unterrichtsräume ersetzen, und eine große Bibliothek, aus der sich die Schüler Bücher schicken lassen können. Durch Funk und Telefon ist es gelungen, die „Tyrannei der Distanz“ zu überwinden. Aber noch immer ist der fehlende „Face-to-face“-Kontakt ein Problem, dem man jetzt mit Webcams begegnet. Jeminah findet die auf sie zukommende Neuerung gar nicht so toll, denn dann könne ihre Lehrerin ja sehen, ob sie noch im Schlafanzug vor dem Computer sitzt. Aber im Gegensatz zu ihrem Vater ist Jeminah eine fleißige Schülerin. Musste Charles morgens mit dem Jeep eingefangen werden, weil er mal wieder mit dem Fahrrad abgehauen war, um zu schwänzen, so sitzt Jeminah pünktlich vor dem Computer und hat sich über die kostenfreie Nummer bereits eingewählt. Nach der australischen Hymne beginnt der Unterricht in Vierergruppen. Das Schwergewicht der Aufgaben hat sich mittlerweile zu Nonprint- Aufgaben verschoben. Die Digitalisierung macht alles einfacher und vor allem schneller. Wie jeden Tag steht auch heute „telephone reading“ auf dem Programm. Die Fragen der Lehrerin beantwortet Jeminah zusammen mit ihrer Freundin Janice, deren Eltern ebenfalls eine Station betreiben. Treffen wird sie ihre Freundin jedoch erst in der nächsten Mini School, wenn alle Schüler für eine ganze Woche in Longreach zusammenkommen. So wie ihre Brüder verlassen die meisten Schüler die LSODE nach der Primary und besuchen anschließend ein Internat, erzählt Jeminah in der Pause. Während sie sich auf ihr Lieblingsfach Japanisch freut, nehmen wir leise Abschied. Roland Motz

Informationen
Der Zug „Spirit of the Outback“ verkehrt zweimal pro Woche zwischen Brisbane und Long - reach. Informationen im Internet: www.traveltrain.com.au.

Unterkunft: Die Carisbrooke Station in der Nähe von Winton wird von Penelope und Charles Phillott bewirtschaftet. Informationen im Internet: www.carisbrooketours.com.au.

Auskünfte: Global Spot GmbH, Telefon: 0 89/7 59 69 88 29, E-Mail: media@globalspot.eu.

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