ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2009Royal Livingstone Express: Zwischen Nostalgie und Dekadenz

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Royal Livingstone Express: Zwischen Nostalgie und Dekadenz

Motz, Roland

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LNSLNS Eine Zugreise zu den Victoriafällen

Das Zentrum von Livingstone ist überschaubar, und das ist auch gut so bei der Hitze. Schmauchend dampft die alte Lokomotive in einem Gartengelände vor sich hin – mitten in der Stadt, keine 50 Meter von der Hauptstraße entfernt. Über einen roten Teppich laufen wir durch den vom Dauerregen aufgeweichten Schlamm auf den Zug zu. „Good afternoon, ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Tag“, ruft der Heizer mit ruß - geschwärztem Gesicht von der Lok aus jedem Fahrgast zu. Zwei schwarz livrierte Kellner in blütenweißen Hemden stehen mit gefüllten Sektgläsern vor dem ersten Waggon. Der Teppich führt zu einem Holzpodest mit Geländer, über das wir in den maha - gonigetäfelten Salonwagen einsteigen. Ein paar Sessel, zwei rote Sofas und eine lange Bar laden ein zum Platznehmen. Eisgekühlte Drinks und kubanische Zigarren warten auf Abnehmer. Doch wir treten lieber durch die mit Intarsien verzierte Außentür in den letzten offenen Waggon. Der Saxofonist spielt Blues von Billy Holiday. Pünktlich um 17.45 Uhr lässt der Maschinist die Dampflok dreimal pfeifen. Der Zug setzt sich langsam auf dem abenteuerlich schmalen Gleis in Bewegung, überquert die Mosi oa Tunya Road und rollt gemächlich zwischen Basthütten hindurch auf eine grüne Buschlandschaft zu, die vom Sambesi durchschnitten wird.

Nein, wir sind keine viktorianische Reisegesellschaft spleeniger Adliger im Gefolge von Cecil Rhodes, dessen epochaler Traum von einer Eisenbahnlinie vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean hier am Sambesi vor den Victoriafällen, an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe, endete. Wir sind ganz normale Fahrgäste im Royal Livingstone Express, einem nostalgischen Personenzug, der seit 2008 viermal die Woche betuchte Gäste durch den Mosi-oa-Tunya-Nationalpark fährt.

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Ein Hauch von Plüsch erwartet die betuchten Passagiere des Royal Livingstone Express. Viermal die Woche fährt der Zug seine Gäste durch den Mosi-oa-Tunya-Nationalpark. Fotos: Bushtracks Gareth Bentley
Ein Hauch von Plüsch erwartet die betuchten Passagiere des Royal Livingstone Express. Viermal die Woche fährt der Zug seine Gäste durch den Mosi-oa-Tunya-Nationalpark. Fotos: Bushtracks Gareth Bentley
chon nach wenigen Hundert Metern haben wir die Stadt verlassen. Frauen und Männer stehen vor bastgedeckten Rundhütten inmitten der Maisfelder und winken uns zu. Unzählige Kinder rennen laut lachend neben und hinter dem Zug her. Die mutigsten versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, was einigen auch tatsächlich gelingt. Im nächsten Dorf springen sie feixend wieder ab. „Was für ein grenzenloser Leichtsinn“, denken wir Europäer und sind froh, als der Zug nur noch an wenigen Hütten entlangkommt. Nach einer Stunde sind wir trotz einer Spitzengeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde tief in den Nationalpark eingedrungen, ohne dass wir es so richtig gemerkt haben. Langsam senkt sich die Sonne über dem afrikanischen Busch. Die Maschine stampft. Zweige streifen die Waggonfenster. In der Ferne ist ein Elefant im Dickicht zu erkennen, Giraffen futtern keine 20 Meter von uns entfernt ihr Abendmahl. Die zahllosen Impalas lassen sich vom alten Dampfross erst recht nicht aus der Ruhe bringen. Auch für uns wird es Zeit, zum Essen zu gehen. Der Stewart bittet zu Tisch, und so lassen wir halbgerauchte Havannas und halbgeleerte Gin Tonics an der Bar zurück, um uns in einen der beiden Speise - wagen zu begeben, von denen einer bereits 1924 auf der Weltausstellung in London präsentiert wurde. Edles Geschirr, Silberbesteck, mit Initialen versehene Stoffservietten auf braunroten Mahagonitischen, mit grünem Samt bezogene Stühle unter Kristalllüstern, schwarze Kellner mit weißen Handschuhen – nur an der lautlosen Klimaanlage können wir das derzeitige Jahrhundert erkennen. Und natürlich am Wein. Der 2006er Stellenbosch Chenin Blanc passt ebenso gut zum Amuse- Gueule wie der 2004er Pinotage aus der West-Cape-Region zum dritten Gang – Impala Stroganoff.

Nach dem Dessert wechseln wir wieder in die Bar, wo Rohan Voss von seinem neuesten Spielzeug schwärmt. Monatelang hat der legendäre Eisenbahntycoon aus Südafrika gesucht, bis er die älteste noch existierende Lokomotive Sambias auf einem überwucherten Abstellgleis eines verlassenen Bahnhofs entdeckte. Ein weiteres Jahr hat es gedauert, die Lok und die fünf Waggons originalgetreu zu restaurieren. Für wahre Eisenbahnliebhaber mit einem Hang zur Kolonialzeit hat der Eigentümer von Rovos Train einen besonderen Tipp parat. Einmal im Jahr verkehrt der zu seiner Eisenbahngesellschaft gehörende Blue Train von Kapstadt nach Daressalam und macht somit den unerfüllten Traum von Cecil Rhodes wahr. Schlappe 15 000 US-Dollar lassen sich betuchte Nostalgiker den zweiwöchigen Trip zurück ins 19. Jahrhundert kosten.

Natürlich haftet dem Ganzen mehr als nur ein Hauch von Dekadenz an. Man kann sich die Frage stellen, wie lange die Dorfbewohner noch ihren Spaß haben an Champagner trinkenden Touristen, die aus dem Zug heraus ihre halbleeren Bohnenund Maistöpfe fotografieren. Aber dem Charme von Rohan Voss lässt sich nicht so schnell entkommen.

Nach gut drei Stunden nähern wir uns wieder Livingstone. Es ist Vollmond und der Himmel wolkenfrei. Am Horizont über dem Busch tauchen Rauchwolken auf. Bis zu 300 Meter steigt die Gischtwolke in der Regenzeit aus dem röhrenden Hexen - kessel empor. Mosi oa Tunya – der Rauch mit Donner, wie die Einheimischen die Victoriafälle nennen, begleitet uns auf den letzten Kilometern. Dann stößt die treue Dampflok ihren letzten Seufzer aus und hat Feierabend für die nächsten zwei Tage. So lange braucht sie zum Abkühlen. Das Holzgitter schließt sich, der rote Teppich wird eingerollt. Und wir freuen uns auf die nächsten Tage an einem der aufregendsten Plätze Afrikas. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Roland Motz

Informationen
Unterkunft: The Royal Livingstone ist unter anderem bei TUI, Airtours, Dertour oder im Internet unter www.suninternational.com buchbar. Das am Ufer des Sambesi innerhalb des Mosi-Oa-Tunya- Wildlife-Parks in Sambia liegende luxuriöse Hotel verfügt über 170 Zimmer im afrikanischen Kolonialstil. Auch das preiswerte Zambezi-Sun-Hotel gehört zu der südafrikanischen Hotelkette Sun International.

Zugfahrt: Der Royal Livingstone Express ist ein Gemeinschaftsprojekt von Sun International, Bushtracks Africa und der National Heritage Conservation Commission. Der Zug verkehrt viermal wöchentlich von 17.45 bis 22 Uhr. Der Preis für eine Fahrt beträgt 150 US-Dollar pro Person. Darin enthalten sind das komplette Menü einschließlich Getränke. Buchbar im Hotel oder im Internet: www.suninternational.com.
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