ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2009Bulgarien: Um die Wette mit Eseln und Autos ...

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Bulgarien: Um die Wette mit Eseln und Autos ...

Goddemeier, Christof

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LNSLNS ... oder die Einzigartigkeit einer Fahrradreise

Geheimtipp Sozopol / Iskardurchbruch im Balkangebirge / Bedeutend: das Rila-Kloster / Beliebtes Transportmittel: Eselskarren. Fotos: Caro, mauritius images, picture-alliance, dpa
Geheimtipp Sozopol / Iskardurchbruch im Balkangebirge / Bedeutend: das Rila-Kloster / Beliebtes Transportmittel: Eselskarren. Fotos: Caro, mauritius images, picture-alliance, dpa
Mit dem Fahrrad durch Bulgarien? Der HB-Atlas rät ab: Längere Radtouren könnten nicht empfohlen werden, da die Bulgaren keine Rücksicht auf Radfahrer nähmen. „Da werden Sie die Einzigen sein“, schmunzelt der freundliche Schweizer im Flugzeug nach Sofia. Er ist mit einer Bulgarin verheiratet und schwärmt von Straßen, „breit wie Autobahnen und kaum befahren“.

Mit 110 000 Quadratkilometern ist Bulgarien so groß wie Bayern und Baden-Württemberg. Der Balkan teilt es in zwei Teile. Südlich des Balkans ist es milder, doch die Rhodopen bilden eine natürliche Schranke gegenüber dem Mittelmeerklima. In der Donauebene herrscht mitteleuropäisches Wetter. Wir umfahren den Vitoscha, Sofias Hausberg, und radeln durch das grüne Tal des Iskarflusses nach Samokov. Hier befand sich im 18./19. Jahrhundert eine der drei großen Schulen, die die Fresken- und Ikonenmalerei des Landes prägten – Malerfamilien, die ihre Kunstfertigkeit von Generation zu Generation weitergaben. Nach einem Besuch des Rila-Klosters, des größten und bedeutendsten Klosters Bulgariens, geht es stetig bergan. Unser Etappenziel heißt Bansko am Fuß des Piringebirges. Mächtige Felsmassive ragen über den Dächern empor. Im Sommer kann man von Bansko aus ausgedehnte Wanderungen im Nationalpark unternehmen. Von den knapp 800 Braunbären, die Bulgarien heute beherbergt, leben die meisten im größten Naturschutzgebiet des Landes, das die UNESCO 1983 zum Weltnaturerbe erklärt hat. Ein paar von ihnen sind ehemalige „Tanzbären“, die man nach dem Verbot 1993 behutsam an die Freiheit gewöhnte. Im Winter gehören die Banskoer Skipisten zu den schneesichersten des Landes.

Bis 1989 regierte KP-Chef Todor Shivkov das Land 35 Jahre lang wie ein Sonnenkönig. Zwar war Bulgarien das exotischste Urlaubsland, das von DDR-Bürgern legal bereist werden durfte, doch der Eiserne Vorhang war damit nur verschoben, nicht aufgehoben. 1992 bestätigte der bulgarische Verteidigungsminister, dass 339 Bulgaren und 36 Ausländer – überwiegend Urlauber aus der DDR – beim Versuch der „Republikflucht“ erschossen wurden. In Sofia erinnert ein Denkmal an die, die „durch das kommunistische Terrorregime starben“. 20 Jahre später ist Bulgarien EU-Mitglied. Viele Straßen werden renoviert. Mit dem EU-Symbol versehene Schilder informieren auf den Euro genau, wie viel Geld Brüssel zum Straßenbau beisteuert. Mehrmals am Tag liefern wir uns ein Wettrennen mit einem Esel, der einen Karren hinter sich herzieht. Eselfuhrwerke rollen in Bulgarien auch auf Schnellstraßen, ohne dass sich jemand darüber aufregt. Meistens gewinnen wir. Man nimmt es gelassen und winkt uns freundlich zu. Der Schweizer sollte recht behalten. In mehr als drei Wochen begegnet uns niemand, der das Land mit dem Rad bereist. Doch von mangelnder Rücksicht kann keine Rede sein. Wir streifen Batak, eine Kleinstadt am Nordwestrand der Rhodopen. 1876 erhoben seine Einwohner sich gegen die Türken. Die Osmanen brannten die Stadt nieder und töteten fast die gesamte Bevölkerung. Das Blutbad erregte international großes Auf sehen und löste ein Jahr später den Russisch-Türkischen Krieg aus – Anfang vom Ende der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft in Bulgarien. Von Batak geht die Fahrt steil bergab in die Thrakische Tiefebene, die im Osten bis zur Schwarzmeerküste reicht.

„Nalyavo – nach links?“ frage ich an einer Kreuzung einen Mann. Er lächelt freundlich und schüttelt den Kopf: „Da – ja.“ Gut zu wissen: Die Bulgaren nicken, wenn sie „nein“ meinen. Schütteln sie den Kopf, bedeutet das „ja“.

Plovdiv im Westen der Thrakischen Tiefebene ist die zweitgrößte Stadt des Landes und hat eine jahrtausendealte Vergangenheit: Um 2000 v. Chr. siedelten hier die Thraker, unter dem Vater Alexanders des Großen hieß die Stadt Philippopolis. Die Römer bauten Straßen und Aquädukte und nannten den Ort Trimontium. Seit 865 ist das orthodoxe Christentum offizielle Religion des Landes – die meisten Bulgaren bekennen sich dazu. Stühle gibt es in der Kirche Sveta Nikolai nicht, während des Gottesdienstes stehen die Gläubigen. Die reich verzierte Ikonostase trennt Altar- und Gemeinderaum. Ein kleines Fenster ermöglicht einen eingeschränkten Blick auf das Geschehen am Altar; am Ende des Festakts wird es wieder geschlossen.

Bulgariens Schwarzmeerküste ist fast 400 Kilometer lang. Wir meiden das überlaufene Nessebar und quartieren uns in Sozopol (= Stadt des Heils) südlich von Burgas ein. Typische Schwarzmeerhäuser säumen die engen Gassen – auf einem steinernen Erdgeschoss ruht ein überhängendes hölzernes Obergeschoss. Viele Hausbesitzer bemalen ihre Erker und lassen ihre Terrassen von Wein umranken; Holzschnitzereien runden das Bild ab. Am Hauptplatz verkauft Christo seine köstlichen banitsas – käsegefüllte Blätterteigtaschen, die von den Bulgaren zum Frühstück und als kleine Mahlzeit zwischendurch verspeist werden. Ein paar Meter weiter zeigt der Wirt einer kleinen mehana (Taverne) sein ganzes Können. Als Aperitif nimmt man einen rakija. Der Trauben- oder Pflaumenschnaps ist das Nationalgetränk Bulgariens. Beliebt sind schopska salata und bob, eine Bohnensuppe mit Gemüse der Saison. Tarator, eine kalte Suppe aus Gurken, Joghurt und Gewürzen, erinnert an spanischen Gazpacho. Als Hauptgericht munden kavarma, im Tontopf gekochtes Gulasch mit Gemüse, und misch-masch, ein Pfannengericht mit Paprika, Zwiebeln, Tomaten und Käse. Wer mag, bekommt Deftiges, etwa schkembe tschorba, eine Suppe mit Innereien; auch Hirn und Zunge werden serviert. Die Rückreise führt uns durch den Balkan nach Veliko Tarnovo in der Mitte Bulgariens. Malerisch schmiegt sich die Stadt der Zaren an die Hänge der Schlucht, durch die sich der Yantrafluss windet. Das Stadtbild prägen vor allem junge Leute – in Veliko Tarnovo befindet sich die renommierteste Universität des Landes. Christof Goddemeier

Informationen
Reiseliteratur: Lonely Planet: Bulgarien, deutsch, 2006. DuMont- Reisetaschenbuch: Bulgarien, 2004. BikeBuch Europa, Reise Know-How Verlag, 2003.

Karten: freytag & berndt, 1:400 000, Ortsnamen in kyrillischer und lateinischer Schrift.
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