ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2009Nilkreuzfahrt unter Segeln: Die Stille des Stroms

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Nilkreuzfahrt unter Segeln: Die Stille des Stroms

Schiller, Bernd

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LNSLNS
Fotos: Michael Peters
Fotos: Michael Peters
Auf klassischer Route unterwegs – und doch ganz anders: Zwischen Tempeln und Königsgräbern liegen Stunden der Muße.

Atif, der Rudergänger, schaut in die Ferne, über den Fluss hinweg und auf die Ufer, die rötlich-golden in der Nachmittagssonne schimmern. Ein sanfter Wind bläht die Segel der „Samira“. Er trägt die Geräusche von den Feldern und aus den Dörfern auf das Boot: die Schreie der Esel, das Lachen der Kinder, die Rufe des Muezzin. Mit dem rechten Fuß, der die Pinne umklammert, hält Atif ruhigen Kurs gegen den Strom. Sein linker Fuß ruht auf der Reling, eine Hand hält die Leine zum Mast, die andere eine Zigarette der Marke „Kleopatra“.

Atif trägt, wie alle Crewmitglieder, die Gelabiya, das lange, graue und luftige Traditionsgewand der Ägypter. Aber Atif ist, streng genommen, gar kein Ägypter. Er versteht sich als Nubier, Angehöriger der dunkelhäutigen Volksgruppe Oberägyptens. Auch sein Namensvetter Atif auf dem Schlepper, der uns zuweilen aus der Flaute zieht, stammt aus Nubien, so wie Achmed, der Kapitän, Arafa, der Mechaniker und Arbid, der fromme Koch.

„Ägypten ist ein Geschenk des Nil“: Das Leben richtet sich noch immer nach seinen Vorgaben.
„Ägypten ist ein Geschenk des Nil“: Das Leben richtet sich noch immer nach seinen Vorgaben.
Sie alle sind auf Elephantine geboren, der großen, grünen Nilinsel vor Assuan, sie alle sprechen untereinander eine nilotische Mundart und freuen sich, wenn wir uns bei ihnen mit „Gassereh Komh“ bedanken und nicht mit dem arabischen „Schukran“. Kapitän Achmed, der erst 23 Jahre alt ist und den sie an Bord doch schon den Rais nennen, den Chef, den Führer, erzählt von seinem Vater, seinem Großvater und dessen Vorfahren. Sie alle haben den Nil befahren, haben Feluken und Dahabeyas gesteuert, immer schon, vielleicht sogar seit den Zeiten der Pharaonen.

Die „Samira“ ist ihnen Heimat auf Monate. Ihre Familien in Assuan sehen sie meistens nur einmal in der Woche, und dann auch nur für ein paar Stunden. Wir hingegen sind gerade mal fünf Tage lang unterwegs auf diesem nostalgischen Segelschiff vom Typ Dahabeya, das heißt Goldenes Boot. Die Sultane und Paschas früherer Jahrhunderte haben solche Zweimaster einst aus den Feluken der Fischer und Bauern entwickelt, sie golden bemalt und mit dem üppigen Prunk des Orients ausstatten lassen.

Später, mit dem Beginn des Tourismus, kreuzten die Reichen und die Schönen aus Europa und Amerika mit Dahabeyas von einem Tempel zum anderen, ließen das Leben am Fluss an sich vorübergleiten und gaben sich der Wasserpfeife, dem starken Kaffee und dem Müßiggang hin.

Vorgestern sind wir in Esna an Bord gegangen, haben eine der acht geräumigen und gemütlich eingerichteten Doppelkabinen bezogen, haben zugeschaut, wie mit ein paar Hammerschlägen die Pflöcke gelöst und die Leinen auf das Deck geworfen wurden. Kinder sprangen ins Wasser und schwammen die ersten Meter neben uns. Der Schlepper, der uns auch an den nächsten Tagen zuweilen begleiten sollte, zog uns in den breiten Strom, bis irgendwann der Wind stark genug war, um die Segel zu setzen. Die „Samira“ selbst hat, wie alle Dahabeyas von früher und heute, keinen Motor.

Zeitreise zwischen Göttern und Gräbern: Der Tempel von Luxor, dem Gott Amun, seiner Gemahlin Mut und dem gemeinsamen Sohn Chons geweiht, flößt dem Betrachter auch heute noch Ehrfurcht ein.
Zeitreise zwischen Göttern und Gräbern: Der Tempel von Luxor, dem Gott Amun, seiner Gemahlin Mut und dem gemeinsamen Sohn Chons geweiht, flößt dem Betrachter auch heute noch Ehrfurcht ein.
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Luxor, Karnak und Theben-West mit dem Tal der Könige und den Gräbern der Noblen hatten wir zuvor gesehen, hatten zwischen den Säulen Heerscharen kleiner Spatzen zwitschern hören. Ehrfürchtig und geradezu demütig waren wir durch die Schatzkammern der Pharaonen gelaufen, zum wiederholten Mal schon und doch immer wieder sprachlos ausgeliefert den gigantischen Zeugnissen aus 34 Jahrhunderten.

Es ist heiß geworden an Deck, und manchmal weht Sand aus der Libyschen Wüste über das Schiff. Die Luft flimmert über dem breiten Strom. Fischer werfen ihre Netze im Halbrund aus, schlagen mit Stöcken auf das Wasser und treiben so die Fische in die Falle. In Karnak haben wir diese Szene schon einmal gesehen, auf einem Relief aus den Anfängen menschlicher Hochkultur. Und den Bauern dort drüben, der mit dem Holzpflug den trockenen Boden aufreißt, den kennen wir auch; vor fast 5 000 Jahren wurde sein Ebenbild in Saqqara, der Pyramidenstadt südlich von Kairo, in Stein gehauen.

Nahezu alles an den Ufern und auf dem Strom, so scheint es, ist geblieben, wie es immer war. Das Leben am Nil richtet sich nach den Vorgaben dieses mächtigen Flusses, sein Schlamm düngt seit Jahrtausenden die Felder rechts und links im schmalen Niltal. Der Satz des altgriechischen Geschichtsschreibers Herodot, „Ägypten ist ein Geschenk des Nil“, gilt bis heute. Der längste Strom der Erde ist der Lebenslauf dieses Landes, er ist der „König aller Flüsse“, wie ihn der arabische Geograf Masudi vor mehr als 1 000 Jahren genannt hat, und schlicht „ein Wunder“.

Die heimlichen „Wächter“ der Tempel: Gegen ein geringes Entgelt begleiten private Führer die Touristen auf ihrer Reise durch die Jahrtausende.
Die heimlichen „Wächter“ der Tempel: Gegen ein geringes Entgelt begleiten private Führer die Touristen auf ihrer Reise durch die Jahrtausende.
Der langsame Törn mit der „Samira“ oder ihrem Schwesterschiff „Jasmina“ ist wie keine andere Art einer Nilkreuzfahrt geeignet, sich diesem Wunder in seinen vielfältigen Formen zu nähern. Da sind die kleinen Wunder des Alltags und der Natur, die fast zum Greifen nah vorbeigleiten, die schwimmenden Beete der roten Wasserhyazinthen, die „Sandhügel aus Goldstaub“, wie Gustave Flaubert die Wüstenränder genannt hat, die bis an den Fluss reichen, da ist der Kuhhirte, der seine Rinder vom Boot aus mit einem Stock durchs flache Wasser treibt, und da sind die Kulissen aus 1001 Nacht, die Moscheen und Minarette, die hinter dem Schilfgrün die Ufer säumen.

Und dann sind da die Wunder aus alter Zeit, in deren Nähe wir an fast jedem Tag festmachen: Silsila, der Steinbruch, aus dem sich die Baumeister von Theben, Esna und Edfu, bedient haben. Echnaton hat hier den Obelisken für den Sonnentempel von Karnak aus dem Fels brechen lassen. Unvergesslich auch Komb Ombo, der Tempel der Sonnengötter Sobek und Haroeris, den wir, weil wir vor allen anderen Kreuzfahrern da sind, stundenlang für uns allein haben. Schließlich der Philae-Tempel auf der Insel Agilkia bei Assuan.

Dazwischen liegen Stunden der Muße, lesend und dösend auf der orientalischen Kissenlandschaft verbracht oder beim Essen unter dem Sonnensegel. Gesunde ägyptische Hausmannskost wird geboten: zum Beispiel Feigenmarmelade und frisches, duftendes Fladenbrot zum Frühstück oder Tachina, ein Püree aus Kichererbsen, mittags Fuul, das landesweit beliebte Bohnengericht, oder Felafel, die Gemüsefrikadellen, abends gibt es Fisch, scharfe Hackbällchen oder gut gewürztes Hühnchen. Kein einziger der 16 Passagiere hat auf der „Samira“ unter der berüchtigten Rache des Pharaos leiden müssen.

Fünf Tage nur waren wir unterwegs zwischen Esna und Assuan, eine Zeitreise zwischen Göttern und Gräbern, zwischen der Stille am Strom und dem lauten Treiben auf Märkten und in Basaren. Auf der Insel Bisau, mitten im Strom, sind wir einen halben Tag lang durch ein armseliges Dorf gewandert, eine Schar rotznasiger Kinder vor, neben und hinter uns. Es waren eindrucksvolle, aber letztlich eher hilflose Versuche einer Begegnung.

Bis tief in die Nacht haben wir bei einem Picknick mit der Mannschaft gefeiert, auf einem sandigen Uferstück, weit weg von den touristischen Brennpunkten. Es war der Abschied von einer Reise durch die Jahrtausende. Und der heftige Sandsturm vom Vortag, der uns erstmals zum Mittagessen unter Deck getrieben hatte, war ohnehin längst vergessen: „El hamdu lillah . . . Allah sei Dank.“ Bernd Schiller

Informationen:
„Dahabeyas“: Nilfahrten mit Kabinenkreuzern unter Segeln werden unter anderem vom Ägypten-Spezialisten Oft-Reisen angeboten. Telefon: 0 71 56/16 11-0, Internet: www.oft-reisen.de.

Reiseliteratur: Die besten Reiseführer: „Ägypten, das Niltal“ von Will Tondok (Reise Know-How, 16,90 Euro) und „Ägypten“ von Michel Rauch (DuMont Richtig Reisen, 22,95 Euro); ideale Bordlektüre: „Der Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie (Fischer, 7,95 Euro).

Sicherheit: Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in entlegene Wüstenregionen der Sahara und des Sinai und empfiehlt generell, sich von großen Menschenansammlungen fernzuhalten.

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