SUPPLEMENT: Reisemagazin

Singapur: Grenzenlos im Wandel

Mölck-Del Giudice, Sigrid

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Moderne und Tradition: In weniger als einem halben Jahrhundert hat Singapur sich vom kolonialen Entwicklungsland zu einem der bedeutendsten Geschäftszentren Asiens gewandelt. Foto: dpa
Moderne und Tradition: In weniger als einem halben Jahrhundert hat Singapur sich vom kolonialen Entwicklungsland zu einem der bedeutendsten Geschäftszentren Asiens gewandelt. Foto: dpa
In weniger als einem halben Jahrhundert hat sich der Stadtstaat vom kolonialen Entwicklungsland zum bedeutendsten Handelszentrum Asiens katapultiert.

Gelangweilt staubt Gho Chias Soon in einem neonbeleuchteten, schmalen Raum in Chinatown Berge von Souvenirs ab. Bunten Schnickschnack, made in Taiwan, Malaysia und Indien, wie er in Dutzenden Läden feilgeboten wird. Bis vor ein paar Jahren, erzählt der 76-Jährige, verdiente er seinen Lebensunterhalt im Schatten der Passagen der traditionellen Shoppinghouses als Handleser und Kalligraf. Die Kunden, oft auch westliche Touristen, schauten ihm bei der Anfertigung der Glücksrollen zu, ohne die verschnörkelten Schriftzeichen zu verstehen. Aber das war unwichtig. Die Attraktion lag im Zauber des Geheimnisvollen. „Doch dann wurde auch Chinatown vom Sanierungsraptus der Stadtväter erwischt.“ Gho Chias Soon musste, wie die meisten Künstler, Klappstuhl, Farben und Pinsel einpacken – und verschwand. Jetzt geht er seinem Sohn beim „Verkauf seelenloser Gegenstände“ zur Hand. „Der exotische Charme Chinatowns,“ resümiert der alte Mann achselzuckend, „gehört für immer der Vergangenheit an.“

Singapur ist zweifellos die erstaunlichste Metropole Südostasiens. Eine Stadt in permanentem Wandel, der keine Grenzen zu kennen scheint. Seit seiner Unabhängigkeit 1965 hat sich der Stadtstaat am Ende der malaiischen Halbinsel vom kolonialen Entwicklungsland zum bedeutendsten Handels- und Dienstleistungszentrum des Kontinents katapultiert. In Asien geht es nur noch den Japanern besser.

Der Wohlstand der inzwischen knapp fünf Millionen Einwohner ist auf Schritt und Tritt zu sehen. In den exklusiven Wohnvierteln, wo die Botschafter und Topmanager residieren, in den Eliterestaurants und Winebars am Stadtrand und vor allem in der Orchard- und Scotts-Road, Singapurs brodelnden Shopping- und Flaniermeilen, wo es in gigantischen, klimatisierten Malls alles gibt, was die Welt zu bieten hat. Denn die „Löwenstadt“ produziert nichts selbst. Sie lebt vom Handel. Gucci, Armani, Vuitton, Ver - sace, Rolex, aber auch die zahlreichen Hi-Fi-, PC- und Foto - geschäfte – sie scheinen der Wirtschaftskrise zu trotzen, die auch die Tigerstaaten ergriffen hat.

Zum „Tigerstaat“ wurde Singapur von Lee Kuan Yew, von 1959 bis 1990 amtierender Premierminister, gemacht. Als der Urenkel eines chinesischen Kulis und in Cambridge ausgebildete Jurist die politischen Zügel in die Hand nahm, herrschten auf der Händlerinsel verheerende hygienische Zustände. Mehr als 80 Prozent der Familien hausten damals in schmuddeligen Unterkünften in nur einem Zimmer oder sogar nur einem Zimmeranteil. Lee Kuan Yew setzte sich mit diktatorischer Strenge für eine neue Gesellschaft ohne Slums, Epidemien und Kriminalität ein, für Schulbildung und Arbeit für jedermann. Presse- und Meinungsfreiheit wurden rigoros gekappt und zum Teil drakonische Strafen für vergleichsweise geringe Vergehen eingeführt. So muss 50 Euro zahlen, wer Unrat auf die Straßen wirft, die Toilettenspülung nicht betätigt oder in geschlossenen Räumen raucht. Drogenhandel oder der Besitz von nur 15 Gramm Rauschgift genügen für ein Todesurteil.

Architektonische Vielfalt: Auf der Koon Seng Road mischen sich chinesische, malaiische und westliche Stilelemente. Foto: Sigrid Mölck-Del Giudice
Architektonische Vielfalt: Auf der Koon Seng Road mischen sich chinesische, malaiische und westliche Stilelemente. Foto: Sigrid Mölck-Del Giudice
Singapur – das ist wie ganz Asien auf 640 Quadratkilometer komprimiert. Die Vielfalt der Kulturen und Lebens - gewohnheiten spiegelt sich besonders in den Foodcentern wider. Kaum sonstwo in Südostasien mischen sich so viele Länderküchen. Im „Maxwell Food Center“ in Chinatown oder im „Lau Pa Sat Festival Market“, einer Markthalle aus der viktorianischen Epoche im Bankenviertel, wird an zahllosen Ständen rund um die Uhr chinesisch, indonesisch, thailändisch, malaiisch, koreanisch und auch europäisch gekocht: „Laksa“, „Chicken Rice“, „Satay“, „Prawn Mee“, „Fishball Noodles“ oder gebratener Karottenkuchen, alles frisch zubereitet. Spicy-Curry- und Couscous-Fans zieht es in die ethnischen Viertel Little India und Kampong Glam mit ihren Tempeln und Moscheen – und traditionellen Gewürzmärkten. Abends laden in Clarke Quay am Singapore River kleine Lokale und Bars ein. Aus den einstigen Lagerhäusern, die sich zu Füßen der Wolkenkratzer wie eine Filmkulisse ausnehmen, dröhnt ein Potpourri aus Salsa, Pop und Rebab-Melodien.

Singapur boomt und baut ohne Unterlass – denn es will Modellstadt bleiben. Neue Wolkenkratzer, ein weiteres Shoppingcenter und aufwendige Kulturstätten, wie zum Beispiel der gigantische Buddha- Zahn-Relikt-Tempel und das Peranakan- Museum, das einen interessanten Einblick in die Mischkultur der malaiischen Ureinwohner und chinesischen Zuwanderer bietet, sind entstanden. Unter den Vorzeigeprojekten steht als nächstes die Einweihung des ersten Kasinos der Stadt auf dem Programm, das mit der Fertigstellung des gigantischen Hotels „Marina Bay Sands“ Ende des Jahres eröffnen wird.

Wie die Stadt in ein paar Jahren aussehen soll, wird anhand eines großflächigen Stadtmodells in der City Gallery demonstriert. Erlebnisreicher ist jedoch eine für jeden Touristen sozusagen obligatorische Fahrt mit dem Singapore Flyer, mit 165 Metern das höchste Riesenrad der Welt. Die glitzernde Stadt unter sich, geht der Blick bis hinüber nach Malaysia. Doch weder die imposante Skyline noch der wasserspeiende Merlion, halb Löwe, halb Fisch und offizielles Wahrzeichen, verkörpern den Esprit der Metropole. Zumindest für Urlaubsreisende bleibt ihr Symbol das 1887 eröffnete „Raffles Hotel“, die nostalgische Luxusherberge der Weltenbummler, die Literaten wie Somerset Maugham, Joseph Conrad oder den Dschungelautor Rudyard Kipling zur Legende gemacht haben. Obwohl das einstige Flair mit einer über 50 Millionen Euro teuren Schönheitsoperation weitgehend wegsaniert wurde, ist ein „Singapore-Sling“ in der berühmten „Long Bar“ noch immer ein besonderes Erlebnis. Sigrid Mölck-Del Giudice

Informationen
Hotel: Park-Hotel Clarke Quay, vier Sterne, zentral gelegen, Doppelzimmer ab 100 Euro inklusive Frühstück, E-Mail: rsvn.phcq@parkhotelgroup.com.

Interessante Restaurants: Long Beach, Terrassenrestaurant, 25 Dempsey Road (Diplomatenviertel, gegenüber dem Botanischen Garten), E-Mail: longbeach1@pacific.net.sg, Oosh, 22 Dempsey Road, elegant-originelles Restaurant, erlesene internationale Weine, E-Mail: charmaine.lin@oosh.sg, Banyan Tree-Ressort, Bintan/Indonesien, E-Mail: reservations@ banyantree.com, E-Mail: peter.scholz@banyantree.com.

Auskunft: Singapore Tourism Board, Frankfurt, Telefon: 0 69/92 07 70–0, Internet: www.visit singapore.com.
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