SUPPLEMENT: Reisemagazin

Berliner Wandlungen: „Die Mauer muss weg“

Diemar, Claudia

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LNSLNS ..., skandierte es hier im Herbst 1989. Wo einst der Todesstreifen rund um West-Berlin verlief, ist heute der Mauerweg.

Fotos: dpa
Fotos: dpa
Sofort gültig!“ lautete die Aussage, die alle Dämme brach. Vor dem Dokumentationszentrum an der Bernauer Straße kann man den Wortlaut der Pressekonferenz vom 9. November 1989 an einer Audiosäule im Originalton hören. Wenige Stunden nach der Bekanntmachung neuer „Reisegesetze“ drängten damals die Menschen zu Tausenden über den nahen Grenzübergang Bornholmer Straße. Es gab kein Halten mehr.

Bernauer Straße: Nirgendwo spielten sich im August 1961 ähnlich dramatische Szenen ab. Menschen flohen aus den Fenstern der Häuser in den Westen, als anderswo alles schon dicht war. Die Gebäude wurden später abgerissen, die Erlöserkirche, die genau auf der Grenze lag, in die Luft gesprengt. Heute erhebt sich hier wieder eine schlichte Kapelle in der Grünanlage, die einst der Todesstreifen war. Nur ein paar Schritte sind es bis zur nahen Gedenkstätte für die Maueropfer. Blumen und Kränze liegen entlang einer Metallwand. Ein Stück echte Mauer erhebt sich schräg dahinter, perforiert von „Mauerspechten“. Wenn man durch die Lücken im Beton späht, schaut man direkt auf das Dokumentationszentrum Berliner Mauer. Im Erdgeschoss wird ein Film mit wenigen Kommentaren vorgeführt. Er zeigt den Blick aus einem Hubschrauber, der kurz nach der Wende den bis zu 150 Meter breiten Todesstreifen rund um West-Berlin abfliegt. Eine stille Bestandsaufnahme, die gerade deshalb berührt. Wie viele Straßen einfach durchgeschnitten waren, wortwörtlich ausweglos. Die Narbe der Teilung verwächst nicht spurenlos mit dem Gewebe normaler Urbanität. Was wächst, sind die Wildpflanzen auf den noch immer reichlich vorhandenen Brachen, manchmal schöner, als ein Gärtner walten könnte.

August 1961: Arbeiter erhöhen die Sektorensperre an der Bernauer Straße. Im selben Monat wird die Mauer gebaut – das Symbol deutsch-deutscher Teilung.
August 1961: Arbeiter erhöhen die Sektorensperre an der Bernauer Straße. Im selben Monat wird die Mauer gebaut – das Symbol deutsch-deutscher Teilung.
Statt die Narbe zu über­schminken, ist sie nun kenntlich gemacht. Seit Früh­jahr 2007 gibt es den Mauer­weg. Er ist deutlich aus­ge­wiesen, aber man muss den Blick heben. Die schlichten grauen Schilder hängen sehr weit oben an Laternen und Masten. 165 Kilo­meter misst der Mauer­weg insgesamt, knapp 50 Kilometer liegen mitten in der Stadt. Da, wo die Bernauer auf die Eberswalder Straße trifft, wurde der Todesstreifen durch den „Mauerpark“ ersetzt. Kinder spielen, wo einst der Schießbefehl galt. Von der Behmstraßen-Brücke sieht man bis zur Bornholmer Straße, da, wo alles anfing, in jener Nacht, in der man besinnungslos glücklich war. Für die West-Berliner bedeutete der Fall der Mauer die Rückgewinnung des grünen Umlands mit seinen Seen und Flüssen.

Draußen vor der Stadt idyllt der Mauerweg durch die Landschaft, verläuft über weite Strecken auf dem „Zollweg“ der Alliierten entlang der Grenze. Wer die Grand-Tour mit dem Fahrrad macht, kann unterwegs im „Relaxa Schlosshotel Cecilienhof“ übernachten, wo noch immer der Innenhof mit Blumen in Form eines roten Sterns bepflanzt ist, als wolle man ein wenig Väterchen Stalin huldigen, der hier beim Potsdamer Abkommen nicht schlecht gefahren ist. Im ehemaligen Todesstreifen wühlen am helllichten Tag die Wildsäue.

Vor den Toren Berlins scheint die Erinnerung fast getilgt. Auch im Stadtgebiet sind nur noch wenige Reste der Mauer vorhanden. Das längste Stück zieht sich entlang der Spree zwischen „Oststrand“ und Oberbaumbrücke: 1,3 Kilometer Beton in Bunt. 1990 wurde die „East Side Gallery“ von Künstlern aus der ganzen Welt bemalt, im Jahr 2000 restauriert. An der davor liegenden Mühlenstraße halten im Minutentakt die Reisebusse.

Zwei Reihen Pflastersteine kennzeichnen im Stadtgebiet den Verlauf der Mauer. Ein schmales Band nur, aber eine deutliche Spur. Jeder kann ihr folgen. Manchmal tun das sogar Berliner, wie das junge Paar, das unweit vom ehemaligen Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße mit Tagesrucksäcken unterwegs ist. Sie haben sich vorgenommen, den ganzen Mauerweg in Etappen zwischen 20 und 30 Kilometern an den Wochenenden abzulaufen. Die Hälfte der Strecke haben sie schon geschafft.

Den Wert des Mauerwegs als Ensemble erkennt man spätestens am Checkpoint Charlie. Dort ist das Drama der Teilung zum Disneyland verkommen. „In 15 Minuten wieder hier am Bus“, kommandiert ein Reiseleiter seine Schutzbefohlenen. Das Foto vor mit Beton gefüllten „Sandsäcken“ und der Kopie der einstigen Kontrollbaracke mit einem in US-Uniform kostümierten Schauspieler kostet einen Euro. Ambulante Händler verkaufen DDR-Nostalgika und Sowjet-Accessoires gleich neben dem Mauermuseum. Menschenmassen schieben sich durch das verwinkelte Haus, das an ein Kuriositätenkabinett denken lässt. Die Räume sind vollgestopft. Gandhis Sandalen und die Schreibmaschine der Charta 77 haben Platz zwischen allerlei Fluchtgerät gefunden. Das Mahnmal für Peter Fechter, der im Todesstreifen verblutete, weil weder von Ost noch von West jemand ihn bergen wollte oder zu bergen wagte, liegt nur ein paar Schritte entfernt in der Axel-Springer-Straße. Doch kaum jemand findet den Weg dorthin. In unmittelbarer Nähe des einstigen Checkpoints, an der Kreuzung Friedrichstraße/Zimmerstraße, findet man eine Tafel der „Geschichtsmeile Berliner Mauer“. Sie ist der einzige Akzent, der Ruhe in den Checkpoint-Rummelplatz bringt. Denn manchmal sind auch Bilder beredt. Wie das von den US-amerikanischen und sowjetischen Panzern, die sich hier im Herbst 1961 unmittelbar gegenüberstanden. Für einen Moment hält man noch heute beim Betrachten den Atem an. Claudia Diemar

Informationen
Unterkunft: Gediegen und ruhig wohnt man am Prenzlauer Berg in „Myer’s Hotel“, Telefon: 0 30/4 40 14-0, Fax: -104, Internet: www. myershotel.de. Übernachtung im Doppelzimmer mit reichhaltigem Frühstücksbuffet ab circa 60 Euro pro Person. Im „Artist Riverside Hotel & Spa“ in Berlin-Mitte gibt es 1- bis 5-Sterne-Zimmer, in der Variante Komfort ab circa 70 Euro pro Person im Doppelzimmer, Telefon: 0 30/28 49 00, Internet: www.tolles-hotel.de.

Radverleih: Kurzurlauber erleben den Mauerweg am besten per Velo. „Berlin on Bike!“ in der „Kulturbrauerei“ veranstaltet Thementouren und verleiht gute Räder (24 Stunden zum Preis von zehn Euro), Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Telefon: 0 30/44 04 83 00.

Literatur und Karten: Für das Stadtgebiet nützlich ist der Pharus- Plan (1:16 000) „Wo die Mauer war“; es gibt ihn für drei Euro im Haus am Checkpoint Charlie.

Auskünfte: Berlin Tourismus Marketing GmbH, Am Karlsbad 11, 10785 Berlin, Telefon: 0 30/25 00 25, Internet: www.visitberlin. de und www.mauerfall09.de.
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