ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2009Ärztinnen: Mehr als nur Lückenbüßerinnen

POLITIK: Kommentar

Ärztinnen: Mehr als nur Lückenbüßerinnen

Bühren, Astrid

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Ärztinnen wird in jüngster Zeit vermehrt die Verantwortung dafür zugeschoben, dass dem deutschen Gesundheitswesen der Nachwuchs fehlt – so auch beim Symposium der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) „Demographischer Wandel und ärztliche Versorgung in Deutschland“ Ende August in Berlin. Dies fand seinen Niederschlag auch in den Berichten der Tageszeitungen: „Der Arztberuf wird zum Frauenberuf. Ärztinnen arbeiten aber weniger als Ärzte, weil sie mehr Zeit für ihre Familie haben wollen“, nannte beispielsweise die „Berliner Morgenpost“ als „einen wichtigen Grund“ für den Ärztemangel. Der „Bonner Generalanzeiger“ schrieb: „Der Anteil der Frauen unter den Medizinern ist in 17 Jahren von gut 33 auf über 41 Prozent gestiegen, sie wollen aber oft Familie und Beruf unter einen Hut bringen und sind deshalb häufiger nur in Teilzeit tätig.“ BÄK-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe sprach sich bei dem Symposium auch dafür aus, statt Abiturnoten das Los über die Zulassung zum Medizinstudium entscheiden zu lassen.

Die Teilzeitarbeit wird oft als wesentlicher Faktor dafür genannt, dass das Gesundheitswesen mit den Ärztinnen kapazitätsmäßig schlechter fährt. Aus einer Studie im Deutschen Ärzteblatt (Heft 36/2007) geht hervor, dass überhaupt insgesamt nur zehn Prozent der Ärzte und Ärztinnen in Deutschland in Teilzeit beschäftigt sind. Tatsache ist, dass nur Ärztinnen schwanger werden, dass nur sie den gesetzlichen Mutterschutz in Anspruch nehmen können und dass sie häufiger die Erziehungsarbeit sowie die private Haushaltsführung leisten (müssen). Aber muss Teilzeit zwangsläufig als Defizit angesehen werden? Erfahrungen zeigen, dass gerade in Teilzeit meist hoch motiviert und effizient gearbeitet wird. Es gibt viele Ärztinnen (mit und ohne Kinder), die mindestens genauso viele Arbeitsstunden leisten wie Ärzte.

Die zeitgemäß veränderte Einstellung der nachwachsenden männlichen und weiblichen Ärztegeneration zur Work-Life Balance ist schon länger evident. Besonders für die Ärztinnen ist es wegen des seit 2008 veränderten Unterhaltsrechts geradezu notwendig, dass die beruflichen Rahmenbedingungen familienfreundlich sind (wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern). Auch mit der Verantwortung für Kindererziehung und privater Haushaltsführung muss es allen möglich sein, ein adäquates Einkommen für die Lebensführung zu haben und sich eine ausreichende Altersvorsorge aufzubauen.

Die Ärztekammern sollten es als Verantwortung ansehen, dass ihre zahlenden Pflichtmitglieder nach dem sechsjährigen Studium möglichst alle unbelastet von privater Logistik klinisch tätig werden können. Die Presseveröffentlichungen legen jedoch den Schluss nahe, dass leistungsstarke junge Frauen – als nicht voll einsatzbereit deklariert – vom Medizinstudium möglichst ferngehalten werden sollen, indem künftig durch einen reduzierten Numerus clausus mehr jungen Männern mit schlechteren Abiturnoten der Studienzugang erleichtert wird.

Unter den zum BÄK-Symposium geladenen 13 Referenten war nur eine Frau. Zugegen, um die Sichtweise der Studierenden zu transportieren, war ein Student – aber keine Vertreterin der weiblichen Mehrheit unter den Studierenden. Der Begriff der Feminisierung wurde in mehreren Beiträgen dieses Symposiums eklatant in einer defizitären Bedeutung benutzt; entschuldigend wurde hinzugefügt, man habe leider keinen besseren Begriff. Einzig Dr. med. Otmar Kloiber, Generalsekretär des Weltärztebundes, verwendete den Begriff „Feminisierung“ bewusst nicht, weil darin eine Sündenbockfunktion der Frauen zum Ausdruck komme – und damit hat er recht. Diese Verwendung des Begriffs „Feminisierung der Medizin“, insbesondere mit Blick auf den Ärztemangel, sollte künftig obsolet sein. Was wir derzeit erleben, ist ein Normalisierungsprozess weg von der Maskulinisierung der Medizin hin zur Erlangung eines überfälligen und auch notwendigen zahlenmäßigen Gleichgewichts von Ärztinnen und Ärzten.

Die jungen Frauen sind hoch motiviert und leistungsbereit, im Geschlechtervergleich haben sie die besseren Abiturnoten. Nach jahrzehntelanger Anwendung des durchaus hinterfragbaren Numerus clausus wird nun plötzlich die Frage gestellt, ob hervorragende Abiturnoten tatsächlich die geeignete Vor-aussetzung für den ärztlichen Beruf seien. Diese Diskussion des Numerus clausus im Zusammenhang mit der „Feminisierung“, also dem Eintritt von mehr Medizinstudentinnen als Medizinstudenten in die ärztliche Laufbahn, erweckt mehr als nur den Anschein einer Diskriminierung. Tatsächlich ist es so, dass genügend männliche und weibliche Erstsemester antreten, aber eben zu wenige das Studium beenden und noch weniger in deutschen Krankenhäusern und Praxen tätig werden wollen. Die Gründe hierfür sind bekannt: Die derzeitigen Rahmenbedingungen ärztlicher Arbeit sind sowohl für Männer wie für Frauen hinsichtlich Zeitaufwand, Bürokratie, Gehalt, Gestaltungsmöglichkeiten und der Erlangung von Lebenszeitpositionen unattraktiv. Hinzu kommt: Die biologische Besonderheit von Frauen, die Mutterschaft, wird in Deutschland nicht adäquat wertgeschätzt und unterstützt. Mehr noch, es gibt gesetzliche Mutterschutzbestimmungen, die pauschale Tätigkeitsverbote verordnen und keine individuellen Risikoreduktionen zulassen.

Dr. med. Astrid Bühren, Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes
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