ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2009Medizinstudium: Falsche Frontstellung
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Herr Prof. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, warnt in seinem Artikel eindringlich vor der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in deutschen medizinischen Fakultäten und begründet dieses u. a. mit „Qualitätsverlust“, „geringerer Berufsqualifikation“, sinkender „Mobilität“ der Studierenden. Fazit: „Es darf keinen Bruch einer mehr als 800-jährigen Tradition mit einheitlichen und hochwertigen Studiengängen“ geben.

Er übernimmt damit die Argumente des Deutschen Ärztetags und des Medizinischen Fakultätentags, die beide die „Bologna-Abschlüsse“ rundum ablehnen, während die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz Druck ausüben, um eben die bisherigen Staatsexamensstudiengänge durch solche mit Bachelor- bzw. Masterabschluss zu ersetzen – ein Riss, der inzwischen große Verunsicherung schafft . . . Die Furcht und Verunsicherung auf deutscher Seite beruht auf der Tatsache, dass in der Medizin ein drei- bis 3,5-jähriger Bachelor eingeführt werden könnte (Inzwischen kursieren Schlagworte wie „Feldscher“, „Arzthelfer“ oder „Halbarzt“, die der Versachlichung der Debatte nicht eben dienlich sind). Schaut man sich das angelsächsische System, das Vorbild für Bologna, einmal genauer an, so stellt man fest, dass es sich bei unserer gegenwärtigen Debatte um eine falsche Frontstellung handelt, denn nicht etwa der Bachelor of Arts (BA) oder der Bachelor of Science (BSc) können Vorbild für das deutsche Medizinstudium sein, sondern allenfalls der angelsächsische medizinische Hochschulabschluss.

Es gibt in England, Schottland, Irland und den Commonwealth-Ländern wie Indien aber keine Ärzte mit nur dreijähriger Ausbildung. Das Medizinstudium ist dort grundsätzlich fünf- bis sechsjährig. Das Äquivalent des deutschen medizinischen Staatsexamens ist der MBBS, Medical Bachelor/Bachelor of Surgery. Medizin erfordert eben nicht einen einzelnen Bachelor-Degree, sondern einen doppelten mit fast doppelter Studienzeit (Der Master ist der Spezialisierung vorbehalten). Ergo: Das deutsche und das angelsächsische Studienmodell liegen eben gar nicht so weit auseinander, von einem Qualifikationsgefälle kann keine Rede sein. Im Wesentlichen geht es hier um eine „systemische“ Anpassung innerhalb der EU, die durchaus Vorteile mit sich bringt (u. a. das europäische ECTS- System, das auch Teilstudienleistungen vergleichbar macht und damit die europäische Mobilität fördert, letztlich natürlich auch zu einem Wettbewerb europäischer medizinischer Fakultäten untereinander führt, den die deutsche Seite nicht scheuen sollte und auch nicht zu scheuen braucht).

Würde die deutsche Debatte diesem Paradigma folgen und sich nicht auf die Diskussion unsinniger dreijähriger Medizinstudiengänge einlassen, die überhaupt nicht auf der Linie von „Bologna“ liegen, könnte man die Sache mit größerer Gelassenheit angehen.
Dr. med. Marianne Jansen, Dr. phil. Hans G. Jansen, Hamburger Straße 97, 28205 Bremen
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