ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2009Von schräg unten: Neues Gerät

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Neues Gerät

Böhmeke, Thomas

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Die Krise treibt uns in den Untergang, krakengleich wird die Bevölkerung durch Armut erdrückt, bleischwer legt sich ein allumfassender Pessimismus über das Land. Die Zukunft kann nur noch in schwarzer Farbe gemalt werden, möchte man meinen. Verkriechen sollte man sich, seine gesparten Cent in der Matratze bunkern und in den wirtschaftlichen Winterschlaf fallen. So ist der gefühlte Zustand in unserem schönen Land, so fatalistisch äußern sich die Menschen. Das dürfen wir Ärzte nicht hinnehmen, sondern wir sollten Mut und Optimismus verbreiten, mit gutem Beispiel vorangehen und Signale für den Fortschritt und den Glauben in die Zukunft setzen. Wie könnte ich dies besser, so denke ich mir, als mein Ultraschallgerät zu erneuern? Ein Gerät der Premiumklasse soll es sein, das gibt sogar mein Regelleistungsvolumen her. Damit kann ich meinen Schutzbefohlenen nicht nur feinste Diagnostik bieten, sondern auch ein Zeichen setzen für den Sinn von Investitionen; für die Bereitschaft, Großes zu wagen, um mehr zu gewinnen. Nun, mein großer Tag ist heute, das Gerät ist gekommen, das Bankkonto geleert, ich platze vor Stolz. Schon beim ersten Patienten kann ich mich nicht zurückhalten; ich preise in Superlativen die Maschine als ein System der Oberklasse, als Wunder der Technik, das keine Wünsche offenlässt. Misstrauisch werden ich und die Maschine beäugt: „Da bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob Sie mit den Kassen korrekt abrechnen!“ Ich bin perplex. Na schön, es gibt immer den einen oder anderen, der an allem etwas auszusetzen hat. Beim nächsten Patienten bin ich etwas vorsichtiger, ich lobe das Gerät mit seinen vielen neuen Programmen. Die Menüführung ist noch etwas ungewohnt, meine Finger hakeln über die Tastatur. „Jaja, jede neue Technik hat ihre Kinderkrankheiten, nicht wahr?“ Meine Unsicherheit wird immer größer. Der Nächste, bitte. Auf das neue Gerät angesprochen, meine ich, dass die Technik nun mal voranschreite, man könne mit der aktuellen Generation von Ultraschallgeräten etwas feinere Diagnosen stellen. „Das ist ja schön, dass Sie jetzt mehr Diagnosen hinkriegen. Aber wehe, Sie weisen mich dann in irgendeine Klinik ein, von der Sie Bestechungen kassieren!“

Ich sollte das mit dem Fortschritt nicht so blauäugig sehen. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, eine neue Kaffeemaschine ins Wartezimmer zu stellen.
Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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