ArchivDeutsches Ärzteblatt42/200917. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: Die besondere Begabung der Neurologen

SCHACH

17. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: Die besondere Begabung der Neurologen

Pfleger, Helmut

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Volle Konzentration auf den nächsten Zug. Mehr als 150 Ärztinnen und Ärzte spielten im Kurhaus von Bad Neuenahr um Ruhm und Punkte – oder auch nur aus Freude am Spiel. Fotos: Josef Maus
Volle Konzentration auf den nächsten Zug. Mehr als 150 Ärztinnen und Ärzte spielten im Kurhaus von Bad Neuenahr um Ruhm und Punkte – oder auch nur aus Freude am Spiel. Fotos: Josef Maus
Der Arzt und internationale Schachgroßmeister Helmut Pfleger über das traditionelle Ärzteturnier in Bad Neuenahr

Jeder möchte gerne wahrgenommen werden. Da sind die Schach spielenden Ärzte keine Ausnahme. Allerdings bin ich mir alles andere als sicher, ob die Kunde von der Schachmeisterschaft für Ärzte einen gewissen Widerhall im Kommentar des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Dr. med. Axel Munte, im Bayerischen Ärzteblatt fand: „Wie sollen nun die standhaften, tief verwurzelten und dadurch weniger flexiblen ,Türme‘, die KVen, reagieren? Meine Antwort mag Sie überraschen: Nach den Spielregeln im Schach – geradlinig, mit einer festen Überzeugung, ohne eine starre Abwehrhaltung und ohne Jammern nach verlorenen Besitzständen.“

Die besten Fünf von 150 von links nach rechts – Alexandru Patrascu (4. Platz), Adrian Moise (5. Platz), Peter Krauseneck (2. Platz), Patrick Stiller (Ärztemeister 2009) und Tsevetomir Loukanov (3. Platz)
Die besten Fünf von 150 von links nach rechts – Alexandru Patrascu (4. Platz), Adrian Moise (5. Platz), Peter Krauseneck (2. Platz), Patrick Stiller (Ärztemeister 2009) und Tsevetomir Loukanov (3. Platz)
Im Bundesfinanzministerium jedenfalls scheinen Berichte vom Ärzteturnier nicht oberste Priorität zu haben, denn der vorzüglich Schach spielende Minister Peer Steinbrück schrieb mir kürzlich: „Absolut neu war mir, dass es ein spezielles ,Ärzteschach‘ gibt, worunter ich mir bisher eher besonders ausgeklügelte, hirnzermarternde Strategien und Taktiken bei den üblichen Verhandlungen mit den Krankenkassen oder meiner Kollegin Ulla Schmidt vorgestellt hätte.“

Nein, bei dieser Art des Ärzteschachs, zu der sich wiederum gut 150 Ärzte in Bad Neuenahr eingefunden hatten, hätte die „Kollegin“ Ulla Schmidt mangels Approbation allenfalls als Kiebitz, sprich Zuschauerin, ihren Senf dazugeben können. Drei Kolleginnen waren freilich mittenmang dabei: angeführt von der „aufrechten Streiterin“ Dr. med Utta Recknagel traten Dr. med. Bergit Brendel und Dr. med. Andrea Huppertz in die ansonsten (leider) rein männliche Arena. Und wie sie ihren „Mann standen“! Am ersten Tag „wütete“ Bergit Brendel, der nichts lieber als verwickelte Stellungen und gewagte Kombinationen sind, unter ihren Gegnern und führte nach sechs Runden das Feld an. Bis der Neurologe Prof. Dr. med. Peter Krauseneck kam, der noch ein Hühnchen vom Vorjahr mit ihr zu rupfen hatte, als sie ihn unter Opfern wunderschön besiegte. Neun Sekunden mehr auf der Schachuhr, die unerbittlich tickt und gar nicht selten den Eustress einer guten Stellung in Disstress der Zeitüberschreitung verwandeln kann, nichts für schwache Nerven, sollten schließlich den Ausschlag geben.

Großmeister Vlastimil Hort faszinierte nicht nur beim Simultanschach gegen mehr als 30 Ärzte, sondern auch mit gekonnten Demonstrationen während der Turnierpausen.
Großmeister Vlastimil Hort faszinierte nicht nur beim Simultanschach gegen mehr als 30 Ärzte, sondern auch mit gekonnten Demonstrationen während der Turnierpausen.
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Wollen Sie sein Geheimnis wissen, das ihn auch dieses Mal wieder zum guten Schluss den zweiten Platz belegen ließ? Ich habe mich an dieser Stelle schon einige Mal, wenn auch nie in irgendeiner Weise erhellend, über die besondere Begabung der Neurologen fürs Schachspiel ausgelassen, doch es scheint alles viel einfacher zu sein. Das Mineralwasser macht’s! Zumindest wenn man dem Matador selbst glauben darf – es rege die Neuronen an. Der Radiologe Dr. med. Kurt Baum hingegen schwört auf Kaugummi, auch mit gutem Erfolg.

Aber vielleicht ist ja Mineralwasser, Kaugummi et cetera alles ziemlich schnuppe, wenn man nur vom Schach etwas versteht?! Wie der junge Kardiologe Dr. med. Patrick Stiller von der Universität Ulm, der zum zweiten Mal dieses Turnier souverän gewann und mich mit seinen Kenntnissen des Vorhofflimmerns ebenso wie mit seiner feinen Schachstrategie überzeugte.

Wohl aber auch dem, der noch andere Waffen als Springergabeln, Läuferfesselungen, Königsüberfälle aus scheinbar heiterem Himmel oder hinterlistige Damenfänge im Arsenal hat! Wie Dr. med. Matthias Birke, der ein furchterregendes Zigarrenetui zückt. Zwar birgt dieses, dem Scheine zum Trotz, nur eine harmlose Brille, aber dem geschichtskundigen Schachspieler ist der Schrecken schon in die Glieder gefahren; schließlich beklagte sich einst der große, aber auch sehr sensible und vor allem äußerst rauchempfindliche Meister Nimzowitsch beim Schiedsrichter, dass sein Gegner Bogoljubow eine dicke Zigarre neben das Brett gelegt habe. Schiedsrichter: „Aber er raucht doch gar nicht.“ Darauf Nimzowitsch: „Aber er droht zu rauchen. Und die Drohung ist schlimmer als die Ausführung!“

Mentor und Spiritus Rector des Turniers: Helmut Pfleger hat die Ärztemeisterschaft im Schach aus der Taufe gehoben und sie seither 17 Jahre lang immer wieder inspiriert.
Mentor und Spiritus Rector des Turniers: Helmut Pfleger hat die Ärztemeisterschaft im Schach aus der Taufe gehoben und sie seither 17 Jahre lang immer wieder inspiriert.
Dr. med. Christian Bordasch aus Hamburg brachte auch dieses Mal wieder Frau, Kinder und Enkelkinder mit in die Schlacht, wobei vor allem der 11-jährige Enkel Enrico aus Zürich ein großartiger Sekundant war. „Opa, du spielst an Brett 46“, schallte es vor der zweiten Runde durch den Saal. Keine Frage: vom Schachbazillus infiziert, genauso wie der erstmals teilnehmende Humangenetiker Prof. Dr. med. E. Schwinger aus Lübeck, der vor lauter Begeisterung nächstes Jahr auch noch zwei Kollegen mitbringen will.

Was gab’s sonst noch? Beim Schachstand Mädler wurde dieses Jahr der ewige Ladenhüter „Der Arzt im Schachspiel“ gleich zweimal verkauft. Bei Dr. med. Jan Prochazka hatte ich aufgrund seiner äußerlichen Ähnlichkeit ein Déjà-vu-Erlebnis und wunderte mich, dass plötzlich der gerade entthronte russische Weltmeister Kramnik sich unter die Ärzte gemischt hatte, zumal Dr. Prochazka ein Endspiel vielleicht nicht ganz so fein wie dieser, aber doch recht gut führte. Natürlich wurden wieder neben herrlichen Geistesblitzen, die in künftigen Schachspalten im Deutschen Ärzteblatt zu ihrem Recht kommen sollen, auch manche Böcke geschossen. Wie im richtigen Leben, wie im ärztlichen Dasein.

Und sofern Gott, das Deutsche Ärzteblatt und die unterstützende Deutsche Apotheker- und Ärztebank auch weiterhin ihre schützende Hand über das Turnier halten, welches immerhin bereits zum 17. Mal ausgetragen wurde, wird es uns noch alle überleben. Etliche andere Berufsstände jedenfalls schauen hier neidisch auf die Ärzte.

Dr. med. Helmut Pfleger

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