POLITIK: Die Glosse

Moral von oben

Dtsch Arztebl 1997; 94(23): A-1549 / B-1305 / C-1221

Knapp, Heinz

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LNSLNS Die Adresse des lieben Gottes scheint ungewiß. Manche meinen, er wohne in den Herzen der Menschen und in ihrem geistigen Bemühen; deshalb müsse man sich über das moralisch Richtige durch Aussprache verständigen. Dem ist aber nicht so. Der liebe Gott ist hiesig, er wohnt derzeit in Köln, "c/o Erzbischöfliches Palais". Eine amtskirchliche Stellungsnahme von dort hat aus diesem Grund erleuchtenden Charakter. Nicht etwa, daß es Erzbischöfe als Menschen an sich besser wissen. Doch wenn sie der liebe Gott befällt, dann können sie der Welt schon mal die Leviten lesen; Wahrheit und gute Folgen sind garantiert, wie wahr dies wiederum ist, zeigt die Kirchengeschichte. Es ist dann nicht der schwache Mensch, der redet, sondern das orientierende Wort kommt direkt von oben. So widerfuhr es dem Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, Ende Feber des annums: er wurde von heftiger Inspiration überfallen. Worauf er mit aller Kraft zur Feder griff und über ein Medium der civitas terrena, genannt FAZ, kundtat, warum die gewöhnliche Moral der Mediziner falsch ist und warum sie in ihrer Hoffahrt niedergetreten und gedemütigt werden muß, auf daß triumphiere in aeternis die höhere Moral und vom Dogma kein Jota abhanden komme.
Es geht um die Frage, wann der Mensch tot ist. Der Konsens der bundesdeutschen Medizin in der Transplantationsdebatte, uninspiriert, aber vernünftig und einfühlsam (immerhin erschien er der Mehrheit der deutschen Bischöfe akzeptabel), ging dahin, daß die spezifische Seinsweise als Mensch ende, wenn das Gehirn - Großhirn und Stammhirn - irreversibel seine Funktion eingestellt hat. Die höhere Moral aus Köln zitiert dagegen mit gewaltiger Zunge die "Fleischwerdung Gottes". Man muß sich das offenbar, à la Cologne, so vorstellen, daß Gott "Fleisch" in einem ganz vordergründigen Sinn geworden ist, Muskel, Bindegewebe, Sehnen. Und weil er "Fleisch" in diesem Sinne ward, nicht Gehirn - sonst hieße es ja Gehirnwerdung Gottes -, ist abzuleiten, daß auch die menschliche Seele das Fleisch bewohnt. Ihre Befindlichkeit ist dabei, wie das FAZHirtenwort lehrt, unbeschadet ihrer Substanzlosigkeit, die einer festen Verklebung mit dem "Organismus in seiner funktionellen Ganzheit". Und weil dies so ist, kann man weitere Schlüsse ableiten, was Meisner prompt tut: vor allem den, daß die maschinenbetriebene "Ganzheit" auch ohne Hirn, ohne ihr Repräsentationsorgan also, einen, jawohl, lebendigen, Menschen im vollen Sinne darstellt - wenn derselbe auch nicht gerade bei voller Gesundheit sein mag. Sterbend sei er, sagt der Kardinal, aber lebend. Die Meisnersche Seele wird damit selbst Anhängsel der Maschinerie; sie kann erst Abschied nehmen, wenn die Apparate abgeschaltet werden.


Warum die Meisnersche Intervention nötig wurde, kann man dichterisch mit Morgenstern so ausdrükken: die Inspiration war nötig, weil "nicht sein kann, was nicht sein darf". Die Qualität des Menschseins kann nicht von der Gehirnfunktion abhängig sein, weil sonst die Gefahr droht, daß die unsterbliche Seele allzusehr mit dem Gehirn identifiziert wird. Und das wiederum paßt einfach nicht in gewisse ehrwürdige Prokrustes-Betten hinein. Vor allem nicht in die Lehre von der Seelenimplantation. Die Seele wird nämlich, so soll und muß jeder innig glauben, der ihr drüben einen angenehmen Aufenthalt sichern will, im Menschen nicht entwickelt, sondern - den Evolutionisten zu Trutz und Spott - als Ganzes vom lieben Gott eingepflanzt, mitten hinein in die gerade befruchtete Eizelle: Vorher ein unbeachtliches mikroskopisches Schleimtröpfchen - nachher Mensch, voller Mensch, "Mensch von Anfang an" - alle erbaulichen Schriften landauf, landab bestätigen es, und die organisierte Akklamation beweist die Behauptung. Damit ist aber auch klar, was nicht sein kann und warum’s nicht sein darf: die Seele, lange vor dem Gehirn derart ins Plasma eingebettet, ist nicht auf das Gehirn angewiesen und kann deshalb auch nicht darauf angewiesen sein, wenn’s ums Absterben geht.
Diese mahnenden Worte werden in Zukunft über jeder maschinenbetriebenen Leiche schweben. Und werden sie wundersam lebendig machen. Mit allerdings bösen Konsequenzen - wie sie immer eintreten, wenn das absolut Gute von oben eingeschwebt wird. Etwas pointiert, aber durchaus kirchensprachlich stilrichtig ausgedrückt, wird nämlich in Zukunft massenhafter Mord einsetzen: man wird Maschinen abschalten und dadurch die im Körper noch durchaus haftende, lebenspendende Seele austreiben, man wird sogar in lebendige, weil nach dem criterium meisnerianum "beseelte" Körper hineinschneiden, um Organe zu entnehmen, und wird dadurch das Leben terminieren. Der Kardinal, bei aller dogmatischen Besorgtheit doch irgendwie praktisch veranlagt, empfiehlt das sogar, indem er solche Mortifikation als bloße Abkürzung des Sterbens interpretiert, ohne allerdings zu verraten, was diesen Sterbezustand so tot macht; er würde ja sonst wieder beim Hirntod als Unterscheidungsmerkmal landen. Und damit beim Bekenntnis zu einer verwirrenden dogmatistischen Wortfechterei. Die aktive Lebensaus- und abtreibung jedenfalls, in seinem Sinne, genehmigt er diesmal mit feinsinnigen Worten: die Organentnahme (aus dem lebenden Menschen) könne, im Zustimmungsfall, ein "Akt hoher christlicher Nächstenliebe" sein. Das ist ecclesialer Engelsgesang, belcanto aus dem Über-Ich, inhaltlich jedoch die Lizenz zum Töten zum Zweck der Transplantation. Freilich, zugegeben, eine geheiligte Lizenz. Man darf insofern mit dem bereits zitierten Morgenstern schließen, bei dem ja auch die Katastrophe mit zahlreichen Kadavern zum Schluß eine gesegnete wird: "Doch Sankt Anton, herbeigerufen eilig, /sprach nichts als: "Heilig, heilig, heilig." Heinz Knapp

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