ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Arztgeschichte: Ein vermeintlicher Schreibfehler

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Ein vermeintlicher Schreibfehler

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): [108]

Bertram, M. C.

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LNSLNS „Als der junge Mann vom Aufwachraum auf die Intensivstation verlegt werden sollte, fand sich unter dem Namen ,Harmsen‘ schon ein reserviertes Bett.“

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
Auf dem Gang, der zum Operationssaal führt, werden ihre Namen mit Kreide an eine große grüne Tafel geschrieben. Unter dem Tagesdatum nennt eine eigene Spalte für jeden Eingriff die Stunde, den Namen des Patienten, die betroffene Station, und mit einem Kürzel aus den Anfangsbuchstaben werden der Operateur und seine Assistenten verzeichnet. So weit war gar nichts ungewöhnlich. Doch nach einer dramatischen telefonischen Vorankündigung wurde der erwartete Patient notfallmäßig mit dem Rettungshubschrauber eingeflogen. Die leitende OP-Schwester äußerte sich irritiert, als das bewusstlose Unfallopfer auf einer Trage liegend pünktlich in den OP geschoben wurde und die Anästhesisten herbeistürzten.

Es gab keine Zeit zu verlieren. Wegen innerer Blutungen nach einem Verkehrsunfall musste die Milz entnommen werden. Eine Eigenblutkonserve unter seinem Namen „Harmsen“ lag bereit. Erwartungsgemäß verlief der Kreuztest unproblematisch. Das rettete sein Leben, denn der verunglückte Teenager hatte schon zu viel Blut verloren auf dem Weg ins Krankenhaus. Er kam durch, aber es war knapp. Als der junge Mann vom Aufwachraum auf die Intensivstation verlegt werden sollte, fand sich unter dem Namen „Harmsen“ schon ein reserviertes Bett. Nur das Geburtsdatum lag um Jahrzehnte zurück. Aber da auch die Adresse stimmte, glaubte man zunächst an einen Schreibfehler. Die OP-Schwester forschte nach, weil sie ihre stets perfekte Organisation vom Zufall übertroffen fand. Und so hatte es sich zugetragen:

Der Großvater wurde am Tag zuvor auf eine Operation vorbereitet. Nach reiflicher Überlegung unterschrieb er zunächst das Aufklärungsformular, überlegte es sich dann aber anders. Eigentlich habe er den Eingriff nicht gefürchtet, sagte er später zu seiner Ehefrau. Aber eine zunehmende Unruhe habe ihn ergriffen, und in seinem Alter könne man doch nie wissen. Er hatte sich von seinem Enkel nicht richtig verabschieden können, weil der sich unterwegs auf einem Ausflug befand. Jetzt beschloss er, ihm seine Armbanduhr zu vermachen. Heimlich stand Harmsen senior auf, zog sich an und schlich in der Dämmerung davon, wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Daheim wunderte sich seine Ehefrau über diese Wankelmütigkeit. Der Enkel, der von einer Fahrradtour zurückerwartet wurde, war noch nicht eingetroffen. Die Nachricht von seinem Unfall ereilte das Ehepaar, als es beim Frühstück saß. Ihre Tochter stand verstört in der Tür und bat darum, ins Krankenhaus gefahren zu werden: Sie sei viel zu aufgeregt, um einen Wagen zu steuern.

Als die Familie eintraf, lag der Junge noch in der Narkose. Sie wachten abwechselnd bei ihm, bis sein Zustand als stabil angesehen werden konnte. Der Großvater war jetzt stolz darauf, dass seine Blutgruppe mit der des Enkels übereinstimmte. Frau Harmsen äußerte sich erleichtert dar über, ihrem Mann keine Vorwürfe gemacht zu haben. „Noch nie ist er vor etwas davongelaufen“, sagte sie. „Was weiß man denn, was für einen Menschen richtig ist!“ M. C. Bertram
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