ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1997Jahrestagung der HNO-Ärzte – Hörsturz: „Siebsystem“ der Diagnostik erforderlich

POLITIK: Medizinreport

Jahrestagung der HNO-Ärzte – Hörsturz: „Siebsystem“ der Diagnostik erforderlich

Herberhold, Cornelia

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LNSLNS "Streß" gilt noch immer als die wichtigste Ursache für einen Hörsturz. Gerade wenn jüngere, gesunde Patienten in die Praxis kommen, wird man daher versuchen, den Patienten "zur Ruhe" zu bringen, erklärte Prof. K. Seifert (Neumünster) auf der 68. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-OhrenHeilkunde in Nürnberg. Als erste Maßnahmen werden Bettruhe, Rauchverbot, bewußtes Maßhalten bei Essen und Trinken und eine orale medikamentöse Therapie empfohlen.
Diese Frühbehandlung ist auf wenige Tage begrenzt und entbindet nicht von der Verpflichtung einer Mindestdiagnostik. In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie (im Internet abrufbar über die Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Wis-senschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften "AWMF") hat man daher die Diagnostik in notwendige Untersuchungen und solche, die im Einzelfall nützlich sind, unterteilt.


Ableitung der Hirnstammpotentiale
Unverzichtbar sind eine audiometrische Untersuchung, die Prüfung der Mittelohrreflexe, die Ableitung der Hirnstammpotentiale und eine Gleichgewichtsprüfung. Zeigt eine der Untersuchungen einen pathologischen Befund, sollten auch ein Kernspintomogramm und eine komplette elektronystagmographische Gleichgewichtsprüfung durchgeführt werden. Diese Art "Siebsystem" der Diagnostik sollte unbedingt durchgeführt werden, damit möglichst kein anderes Krankheitsbild übersehen wird. Denn das klinische Bild des plötzlichen - meist unilateralen - Ausfalls des Gehörs kann verschiedene Ursachen haben. Die Palette reicht von Ohrenschmalz, Verletzungen der Schalleitungskette, Tubenfunktionsstörungen bis zu ernsthaften Erkrankungen wie Tumoren der Hör- oder Gleichgewichtsnerven. Auch viele junge Leute klagen heute nach lautem Musikkonsum über plötzliche Hörstörungen.
In Deutschland kommt etwa eine Erkrankung auf 2 600 Einwohner pro Jahr. Nach Berechnungen der AOK sind dies jährlich 27 000 bis 30 000 Hörstürze. Gerade beim Hörsturz sollte man sich nicht in Sicherheit wiegen, weil sich das Gehör, auch ohne Behandlung, zwischen 40 und 75 Prozent wieder erholt. "Jedes entzündliche Krankheitsbild, ob Appendizitis oder Herzinfarkt, hat eine Spontanremissionsrate, und keiner käme auf den Gedanken, den Patienten deshalb nicht zu behandeln", so Prof. W. Arnold (München) in Nürnberg. Der Verlust des Gehörs ist für die Betroffenen ein extremes Angsterlebnis. Ein therapeutischer Nihilismus sei nicht zu verantworten. Man muß tun, was nach augenblicklichem Kenntnisstand erfolgreich ist. Erfahrungsgemäß ist die Chance der Wiedererholung des Hörvermögens dann besonders gut, wenn möglichst frühzeitig mit den therapeutischen Möglichkeiten begonnen wird. Besonders gut ist die Erholungsfähigkeit bei Tieftonhörstürzen.

Mehr Komplikationen beobachtet
Die klassische Behandlung ist eine Verbesserung der Durchblutung, obwohl bekannt ist, daß die Durchblutung per se nicht die Ursache für den Hörsturz ist. Dazu Arnold: "Unsere Therapie ist polypragmatisch. Wir geben verschiedene Medikamente in der Hoffnung, daß eine Komponente wirkt." Zu diesem polypragmatischen Spektrum gehören nach wie vor Medikamente, die die Durchblutung und Sauerstoffversorgung verbessern, und Kortison, dessen entzündungshemmende und antiödematöse Wirkung bei bestimmten Formen des Hörsturzes sehr wirkungsvoll ist.
In den meisten Kliniken werden die Patienten nach wie vor an den "Tropf" gehängt, der für vier bis sechs Stunden mit der Beigabe von Kortison laufen sollte. Bei Patienten, die zeitlich unter Druck stehen, verabreicht man Kortison intravenös.
Die Sinusitis, lästige Begleiterscheinung fast jedes stärkeren Schnupfens, läßt sich normalerweise gut behandeln. Seit zwei Jahren beobachtet man an großen HNO-Kliniken aber eine Zunahme an Komplikationen. Eine Antibiotikaresistenz der Erreger scheint dafür nicht die Ursache zu sein. Eher glaubt Prof. U. Ganzer (Düsseldorf), daß die Sinusitis oft zu lange falsch und unzureichend mit Homöopathie oder Naturheilverfahren behandelt oder nicht lange genug mit Antibiotika therapiert wird.
Bei den chronischen Formen der Nasennebenhöhlenerkrankungen steht fast immer ein operativer Eingriff am Beginn der Therapie. Die Operation wird heute schonend minimal invasiv durchgeführt. Auch die chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen bedarf unter Umständen der konservativen Therapie, die lebenslang sein muß, wenn sie auf Grundlage einer Allergie entstanden ist. Im Kindesalter wird heute besonderer Wert auf Prävention gelegt und intensiv Therapie betrieben, oft auch "gegen den Wunsch anderer Fachgruppen", meinte Ganzer.
Begünstigender Faktor für Nasennebenhöhlenentzündungen im Kindesalter ist die vergrößerte Rachenmandel. Weiter zählen dazu Engstellen der Nase wie Verbiegungen der Nasenscheidewand, nicht mehr rückbildungsfähige Nasenmuscheln oder Engstellen im Siebbeinsystem.


Implantierbare Hörgeräte
Die größte Gruppe der Schwerhörigen in Deutschland ist auf Hörgeräte angewiesen. Hörgeräte wurden in der Vergangenheit gezielt verbessert und sind heute Hochleistungscomputer. Dennoch besitzen sie grundsätzliche Nachteile, die nicht zu beheben sind. Dazu zählt der sehr kleine Lautsprecher, der den Schall, der auf das Trommelfell trifft, verzerrt. Selbst die besten Hörgeräte sind wegen dieser Verzerrung nicht in der Lage, Tonhöhen von 4 000 Hertz vernünftig zu übertragen. Seit Jahrzehnten wurde daher an der Idee gearbeitet, Hörgeräte ähnlich wie Herzschrittmacher zu implantieren.
Nun ist man bei der Entwicklung einen entscheidenden Schritt weitergekommen. In Nürnberg wurde von Prof. H.-P. Zenner (Tübingen) das erste teilimplantierbare Hörgerät vorgestellt. Erstmals besitzt dieses ein implantierbares Mikrophon, das neben dem Trommelfell unter die Haut des Gehörgangs eingepflanzt wird. Dies nimmt den Schall auf und überträgt ihn als Vibration - über einen Wandler verstärkt - auf das Innenohr. "Während das normale Hörgerät den Schall eher quakend wiedergibt, sind hier die Töne schwebend und transparent", berichtet Zenner über einen Selbstversuch. Über einen gleichmäßigen Frequenzgang können bis zu zehn kHz verzerrungsfrei übertragen werden.
Entscheidend ist außerdem der extrem niedrige Energieverbrauch. Bisher wurden fünf Patienten in klinischen Studien versorgt. Das Gerät soll nun zu einem vollständig implantierbaren Hörgerät weiterentwickelt werden. Auch Batterie und Steuerungselektronik sollen in Zukunft eingepflanzt werden. Zenner rechnet im übernächsten Jahr mit der vollständig implantierbaren Form. Das Implantat wird von außen durch die Haut ansteuerbar sein, so daß es lebenslang eingestellt werden kann, falls sich das Hörvermögen verändert. Die Batterien sollen über einen Kopfhörer wiederaufladbar sein.
Dr. med. Cornelia Herberhold

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