ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Hausärztliche Versorgung: Am Lotsen führt kein Weg vorbei

POLITIK

Hausärztliche Versorgung: Am Lotsen führt kein Weg vorbei

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Dem Hausarzt als Koordinator der Gesundheitsleistungen gehört die Zukunft. Das sieht neben dem Deutschen Hausärzteverband auch der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen so.

Der Hausarzt als Lotse durch das Gesundheitssystem – seit Jahren werben Vertreter der Hausärzte, Politiker und Gesundheitsexperten für ein Versorgungsmodell, in dem qualifizierte Allgemeinärzte die Behandlung ihrer Patienten koordinieren. Denn, so die Argumentation, eine sinnvolle Steuerung der Patienten durch das Gesundheitssystem verspreche nicht nur bessere Behandlungsergebnisse, sondern auch eine wirtschaftlichere Versorgung. Doch trotz zahlreicher Gesetzesinitiativen zur Förderung sowohl des hausärztlichen Nachwuchses als auch der hausarztzentrierten Versorgung hat sich an den Strukturen bislang wenig verändert.

„Mit den Selektivverträgen ist endlich mal was passiert“
Auf die Frage „warum“ hat Rolf Hoberg eine klare Antwort. Alle bisherigen Hausarztverträge seien auf die Kollektivverträge aufgesattelt worden, ohne dass sich strukturell etwas verändert hätte. „Add-on- Verträge bringen nichts“, sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg. „Solche Verträge kosten nur Geld“, meinte der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt. Beide sprachen beim Symposium „Hausärztliche Versorgung – Bestandsaufnahme und Perspektiven“, zu dem die AOK, der Hausärzteverband und die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin am 7. Oktober in Berlin geladen hatten. Ihnen ging es vor allem darum, ihr eigenes Alternativmodell zu propagieren: den ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung, den die AOK Baden-Württemberg im vergangenen Jahr an der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung vorbei mit dem Hausärzteverband und dem Medi-Verbund geschlossen hatte. Damit wurde erstmals ein Teil der Versorgung aus dem Kollektivvertrag ausgegliedert. „Mit den Selektivverträgen ist endlich mal was passiert“, betonte Hoberg. „Wir haben in dem einen Jahr gute Erfahrungen gemacht.“ Inzwischen seien circa 3 100 Hausärzte und 650 000 Versicherte in das Hausarztprogramm eingeschrieben.

Nach Ansicht von Hausärzte-Chef Weigeldt besticht der AOK-Vertrag auch wegen seines einfachen Honorarsystems: Die Hausärzte erhalten Pauschalen mit wenigen qualitätsgebundenen Zuschlägen – ohne Abstaffelungen und Quotierungen. Damit könnten sie sich wieder auf die Versorgung ihrer Patienten konzentrieren, und zwar ungestört durch Abrechnungsregularien und andere bürokratische Hindernisse. „Arzt und Patient müssen endlich raus aus dem Hamsterrad der Fünfminutenmedizin“, sagte Weigeldt.

Der so gelobte Selektivvertrag hat allerdings viele Gegner – allen voran die Kassenärztlichen Vereinigungen, die um die einheitliche flächendeckende Versorgung der Bevölkerung fürchten. Doch mit Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, hat er auch einen gewichtigen Fürsprecher. Insbesondere angesichts einer alternden Gesellschaft müssten die Koordination und die Integration von Leistungen in den Mittelpunkt gerückt werden“, erklärte Gerlach, der zugleich Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main ist. „Der Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg weist hier beispielhaft in die richtige Richtung.“

In einem Gutachten aus diesem Jahr kommt der Sachverständigenrat zu dem Schluss, dass sich die hausärztliche Versorgung grundlegend ändern muss, um angemessen auf den demografischen Wandel und zunehmende chronische Erkrankungen reagieren zu können. Gerlach zufolge hat in Deutschland jeder Bürger durchschnittlich 17,9 Arztkontakte pro Jahr. „Das ist weltweit einzigartig“, sagte der Allgemeinmediziner. In Schweden seien es gerade einmal 2,8 und im europäischen Durchschnitt sieben Kontakte.

Sachverständige wollen kein Primärarztsystem
Einer der Eckpunkte des Zukunftskonzepts des Sachverständigenrats ist deshalb eine qualitativ hochwertige, vor allem aber koordinierte Primärversorgung (www.svr-gesundheit.de). Sie bringe gesundheitliche und ökonomische Vorteile für Patienten und das Gesundheitssystem insgesamt. „Je komplexer die Probleme, je differenzierter die Leistungsangebote, umso notwendiger ist ein Koordinator, der den Überblick behält“, bekräftigte Gerlach. Er betonte jedoch zugleich, dass sich der Sachverständigenrat nicht für ein Primärarztsystem ausspricht: „Wir wollen gatekeeping, aber nur als Teil eines umfassenden Versorgungskonzepts.“

Was nun den Erfolg des AOK-Hausarztvertrags in Baden-Württemberg betrifft, hielten sich die Aussagen eher im Allgemeinen. „Die Ausgaben liegen unterhalb derer der Regelstrukturen“, erklärte AOK-Chef Hoberg auf Nachfrage. Das Projekt werde aber evaluiert. Unter anderem soll das Meinungsforschungsinstitut Prognos diejenigen Versicherten zu ihrer Zufriedenheit befragen, die am längsten, nämlich inzwischen seit einem Jahr, in den Hausarztvertrag eingeschrieben sind.
Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema