ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Medizinische Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung: Ungeliebt, aber geachtet

POLITIK

Medizinische Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung: Ungeliebt, aber geachtet

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): A-2138 / B-1831 / C-1792

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die Medizinischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) begehen ihr 20-jähriges Jubiläum. Für die meisten Ärztinnen und Ärzte ist dies kein Anlass zum Feiern.

Fragt man Krankenhausärzte, worüber sie sich im Arbeitsalltag am meisten ärgern, so fällt in der Regel schnell das Kürzel MDK. Die zahlreichen Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung – ob die Abrechnungen korrekt sind oder ob überhaupt eine stationäre Leistungserbringung notwendig war – empfinden viele von ihnen als Schikane.

Das weiß auch Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Dennoch dankte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer und der Ärztekammer Nordrhein den Verantwortlichen des MDK Nordrhein bei der Festveranstaltung am 8. Oktober in Düsseldorf ausdrücklich „für 20 Jahre gute Zusammenarbeit“. Die Medizinischen Dienste seien 1989 eben nicht als Interessenvertretungen der Krankenkassen gegen die Ärzteschaft gegründet worden, sondern als gemeinsame Einrichtung des Gesamtsystems, um Fehlentwicklungen zu begegnen: „Und ich denke, im Großen und Ganzen hat es sich auch so entwickelt.“ Die Klinikärzte störten sich vor allem an der schrecklichen Bürokratie im Arbeitsalltag, sagte Hoppe: „Dazu trägt der Medizinische Dienst als Teilmenge zwar bei, aber das ist ja nicht seine Schuld.“

Wider die Fehlentwicklungen und Unwirtschaftlichkeiten
Die Medizinischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung gingen aus dem „Vertrauensärztlichen Dienst“ hervor, der von den Krankenkassen immer wieder als verlängerter Arm der Ärzteschaft kritisiert worden war. Der damals zuständige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) hat die Einführung der Medizinischen Dienste im Zuge des Gesundheitsreformgesetzes von 1989 damit erklärt, „dass die bisherige Monopolstellung der Leistungserbringer – insbesondere auch der Krankenhäuser – bei der Definition des medizinisch Notwendigen in der Vergangenheit Fehlentwicklungen und Unwirtschaftlichkeit begünstigt hat“. Die Krankenkassen gründeten daraufhin in jedem Bundesland eine gemeinsam getragene Arbeitsgemeinschaft „MDK“ (Ausnahmen sind Nordrhein-Westfalen mit zwei Arbeitsgemeinschaften und Berlin-Brandenburg, wo es eine länderübergreifende Arbeitsgemeinschaft gibt).

Bei der Gründung des MDK Nordrhein 1989 habe noch die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit von Versicherten den Schwerpunkt der Beauftragungen gebildet, berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Heinz Paul Buszello, Ärztlicher Direktor des MDK Nordrhein. Dazu muss man wissen, dass die Medizinischen Dienste nur auf Auftrag der Krankenkassen tätig werden. In den folgenden Jahren kamen dann eine Reihe weiterer Begutachtungsfelder hinzu. Zu nennen sind hier Fragen der Vorsorge und Rehabilitation, der Hilfsmittelversorgung sowie die Bewertung von neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) in Diagnostik und Therapie.

Mit Einführung der Pflegeversicherung 1995 erhielten die MDK dann ein weiteres, in der Bevölkerung sehr deutlich wahrgenommenes Betätigungsfeld: die Beurteilung des Hilfebedarfs der Versicherten, aus der sich die Pflegestufen und somit letztlich auch die Sach- und Geldleistungen ergeben. Seit dem 1. Juli dieses Jahres prüfen die MDK auch die Qualität der Pflegeheime und verteilen dafür Pflegenoten.

Die aus ärztlicher Sicht bedeutendste Weiterentwicklung des Aufgabenspektrums der MDK ergab sich dann 2003 aus der Umstellung des Entgeltsystems im Krankenhaus. Seit 2003 sind nicht mehr -tagesgleiche Pflegesätze für die Finanzierung der Krankenhausbehandlung relevant, sondern die Dia-gnosen. Im DRG-System (DRG = Diagnosis Related Groups) wird jeder Fall in eine Kategorie mit einem zusätzlichem Schweregrad eingeordnet, aus der sich der Rechnungsbetrag je Fall ergibt. Viele dieser Einzelfälle werden den MDK zur inhaltlichen Überprüfung vorgelegt, wodurch sich ein eigenständiger Begutachtungsbereich entwickelt hat. Inzwischen bezieht sich beim MDK Nordrhein etwa ein Drittel der Aufträge auf die Überprüfung von DRG-Abrechnungen.

Der Fachärztemangel trifft auch den MDK
Neben der sozialmedizinisch korrekten Bewertung des Einzelfalles werde gerade im NUB-Bereich oder auch im DRG-Bereich hohe medizinisch-fachliche Kompetenz immer wichtiger, betonte Buszello: „Heute ist nicht mehr der pluripotente Tausendsassa beim MDK gefragt, sondern der spezialisierte Arzt, der in seinem Bereich auf Augenhöhe mit dem Krankenhausarzt beurteilt, ob die DRG-Abrechnung des Einzelfalles korrekt war, oder aber, ob bei der Verordnung eines niedergelassenen Arztes die entsprechende Versorgung ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich war.“ Daraus ergibt sich, dass auch der MDK Nordrhein auf der Suche nach Fachärzten ist: Etwa zehn von 216 ärztlichen Stellen können derzeit nicht besetzt werden. Buszello: „Dabei bieten wir eine ordentliche Vergütung nach unserem eigenen Tarifvertrag und eine 38,5-Stunden-Woche.“
Jens Flintrop
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