ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Krankenhaus: Dauerhafte Überforderung
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. . . Der Einstieg in das Arbeitsleben als Assistenzarzt im Krankenhaus ist für viele eine große Herausforderung. Mein Gefühl und das vieler ehemaliger Kommilitonen in den ersten Monaten der Berufstätigkeit war eine dauerhafte Überforderung. Nach einigen Tagen der Einarbeitung findet man sich plötzlich in der Rolle des Stationsarztes und nach wenigen Wochen des diensthabenden Arztes wieder. Diese Rollen beinhalten ein kompliziertes Geflecht aus Anforderungen, die es möglichst gut zu erfüllen gilt, auf die man aber während des Medizinstudiums nicht vorbereitet worden ist.

An oberster Stelle steht für den noch hoch motivierten jungen Arzt die Patientenversorgung, mit der er aber oft überfordert ist. Das im Studium angehäufte theoretische Wissen erweist sich im klinischen Alltag als unbrauchbar, die pharmakologischen Kenntnisse als mehr als lückenhaft, und die dia-gnostischen Fähigkeiten sind noch ungeübt. Als Rettungsanker scheint es für jede Fragestellung eine gerade aktuell erarbeitete Leitlinie zu geben – diese nehmen aber im Zeitalter der Evidence based Medicine immer mehr den Platz von Diktaten ein, statt sich als Richtschnur im Hintergrund zu halten. So wird der Arzt zum ausführenden Organ statischer Vorgaben degradiert. Um diese mit Sinn und Verstand und nicht rein mechanisch umsetzen zu können, bräuchte man ein immenses Wissen und sehr viel Zeit, um immer die aktuelle Studienlage zu kennen und bewerten zu können. Dass dies nicht immer möglich ist, erzeugt wiederum oft ein Gefühl der Unzulänglichkeit und des Versagens gegenüber dem Patienten, dem man doch vertrauenswürdiger Partner sein möchte.

Die wichtigste Fähigkeit des Arztes, der Aufbau einer stabilen Arzt-Patienten-Beziehung, erfordert Zeit und Übung. Diese Zeit fehlt – denn es gilt auch die ökonomischen Belange des Krankenhauses zu bedenken. Dem Berufseinsteiger wird das Gefühl vermittelt, von seinen Fähigkeiten, die begrenzten Mittel (seien es nun diagnostische oder therapeutische Maßnahmen oder nur die Bettenbelegung) sinnvoll auszunutzen, hänge das wirtschaftliche Überleben des Krankenhauses ab. Eine Schulung in der Codierung für die DRGs gibt es nur in seltenen Fällen – und trotzdem obliegt dem Assistenzarzt diese Aufgabe. In die verschiedenen verwaltungstechnischen Bereiche wächst man durch Versuch und Irrtum nur nach und nach hinein.

Ein weiterer wichtiger Bereich im Alltagsleben eines jungen Stationsarztes ist die Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal. Der Stationsarzt hat hier die Aufgabe des Teamleiters, auch wenn er oft der jüngste Mitarbeiter mit der wenigsten Erfahrung ist. Es gilt, den Stationsalltag zu organisieren, die oft auch hoffnungslos überlasteten nicht ärztlichen Mitarbeiter zu motivieren und deren Arbeit zu überwachen (werden die Medikamente richtig gestellt, Anweisungen ausgeführt usw.). Wie oft scheitert eine Untersuchung daran, dass der Patient nicht nüchtern gelassen wurde, was zu einem weiteren Liegetag führt! . . . Dass die völlig unzureichende Vorbereitung durch das Medizinstudium zu einem Gefühl der Überforderung und Angst und damit zu Arbeitsunzufriedenheit führt, verwundert nicht. Diese führt dazu, dass immer mehr junge Ärzte in alternative Berufsfelder ausweichen und so der Ärzte- und Zeitmangel in den Krankenhäusern verschärft wird. Ein Patentrezept zur Erleichterung des Berufseinstieges und zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit habe ich nicht. Abgesehen von einer besseren Vorbereitung auf das praktische Arbeitsleben bereits im Studium erscheint es notwendig, dass der Berufseinstieg wieder als sensible Phase wahrgenommen wird. Gerade junge Mediziner müssen erst in die ärztliche Rolle hineinwachsen – und zwar mit Herz und Verstand. Und dafür braucht es Zeit und Anleitung durch erfahrene Kollegen. Wünschenswert wären strukturierte Einarbeitungskonzepte, die ein gut begleitetes Hineinwachsen in den Klinikalltag und die damit verbundenen Verantwortungsbereiche ermöglichen . . .
Anna-Magdalena Böcker, Knorrpromenade 3, 10245 Berlin

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