ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Sucht: Nicht alle sind gleich
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Ich habe selbst mehrere Jahre als Therapeutin in einer Entwöhnungsklinik für Suchtkranke gearbeitet. Beim Lesen des Artikels kam mir der Gedanke, dass vieles, was dort steht, zweifellos richtig ist. Zwei Punkte möchte ich dennoch anmerken:

1. Die Entwicklung von Krankheitseinsicht als Voraussetzung zur eigentlichen Therapie ist generell für betroffene Menschen sehr schwierig. Wie oft habe ich beobachtet, dass Patienten fast die gesamte Therapiezeit ausschließlich für die Entwicklung der Erkenntnis benötigt haben, dass sie abhängigkeitskrank sind! Dieses Phänomen mag auf Ärzte zutreffen; es betrifft aber auch Bauarbeiter, Lehrerinnen, Kraftfahrer, Sekretärinnen, Polizisten, Eisenbahner, Verkäuferinnen, Industriearbeiter, Gastwirte usw. Wozu also diese Extrawurst?

2. Wenn, wie in der beschriebenen Klinik, auf 50 Patienten 25 Ärzte und Psychotherapeuten kommen, dann fragt man sich als „Normalsterblicher“ schon, wie dieses Wunder zustandekommen kann. In der Klinik, in der ich arbeitete, war ein Therapeut allein für eine Gruppe von zwölf Patienten, kurzzeitig auch mehr, verantwortlich. Hinzu kam für jeweils vier Gruppen ein Arzt. In – manchmal mehrmonatigen – Vertretungszeiten war ich für zwei Gruppen allein zuständig, bzw. der zuständige Arzt für acht Gruppen. Unter diesen Voraussetzungen ist es beim besten Willen nicht möglich, jedem Patienten täglich ein Einzelgespräch zu ermöglichen. Im Durchschnitt konnten wir jedem Patienten etwa ein Gespräch alle drei bis vier Wochen anbieten (natürlich nicht bei jedem Patienten gleich, der Bedarf schwankte ja auch). Ich kann mich noch sehr gut an die tägliche Gewissensfrage erinnern, ob ich heute wieder mir schade, indem ich erst spätabends nach Hause gehe oder meinen Patienten, indem ich ihnen notwendige Gespräche vorenthalte. Dieses Gefühl dürfte vielen Kollegen bekannt vorkommen.

Eine Suchtklinik, in der solche traumhaften Bedingungen, wie in Ihrem Artikel beschrieben, existieren, ist bestimmt nicht nur von den normalen Versicherungsträgern finanziert. Es mag ja inhaltlich Vorteile haben, wenn Ärzte unter sich bleiben in der Behandlung; dass hier eine Zweiklassenmedizin veranstaltet wird, ist aber nicht in Ordnung. Fazit: In der Sucht sind wir eben nicht alle gleich.
Annette Schlichting, Wehrstraße 33, 01705 Freital
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