ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2009Arzt und Fotograf: Der Kalendermacher

KULTUR

Arzt und Fotograf: Der Kalendermacher

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Der Norden zieht Dr. med. Cord Pape magisch an. Aus Island und Norwegen bringt er einzigartige Bilder mit nach Hause. Denn „er hat ein gutes Auge – als Arzt und für die Fotografie“, sagt seine Frau.

Fotos: Pape
Fotos: Pape
Gerade ist er aus Island zurück. Zwischenfälle habe es diesmal nicht gegeben. Im vorigen Jahr dagegen blieb er einmal im Lavasand und zweimal im Schnee stecken und musste abgeschleppt werden. Als dann auch die Fähre nicht auslief, wurden aus der geplanten einen Woche auf Island drei Wochen. Ein Glück, dass er da schon im Ruhestand war, beruflich, nicht faktisch.

Dr. med. Cord Pape ist gern abseits der Wege unterwegs. Viel in Norwegen, früher auch in Dänemark und Schweden, am liebsten in Island. Denn hier findet er, was er sucht: Die reine, oder wie er sagt „abstrakte“ Landschaft; Weite und Einsamkeit; jenes gewisse Licht des hohen Nordens, das der Fotograf Pape so schätzt. Er meidet Hotels und schläft lieber unter freiem Himmel in seinem Kombi – natürlich einem nordischen Fabrikat –, den er ausgefeilt eingeteilt hat. Auf dem Beifahrersitz steht die Kiste für die Lebensmittel, dahinter der große Kasten mit der Fotoausrüstung. Daneben ist exakt so viel Platz, wie er zum Schlafen benötigt. Wir treffen ihn und seine Frau zu Hause an. Eine stille Wohnstraße in Itzehoe, im deutschen Norden. Im verwunschenen Garten ein lang gestrecktes Haus, natürlich ein skandinavisches Modell.

Als Decksmann in aller Welt unterwegs
Mit 21 Jahren sah Pape zum ersten Mal Island und Grönland. „Die Eisberge spiegelten sich im Wasser. Sie kamen mir vor wie eine Fata Morgana. Da hat mich der Norden gepackt.“ Pape war im Sommer 1961, er hatte gerade seine Wehrpflicht bei der Bundesmarine hinter sich, mit einem Fischtrawler unterwegs, dem Forschungsschiff Anton Dohrn. „Als ich zurückkam, stand die Berliner Mauer.“ Bis 1964 fuhr der Medizinstudent Pape in den Semesterferien als Decksmann auf Stückgutfrachtern auch nach Nordafrika und in den Golf von Mexiko und kam bis New Orleans. Ein Jahr später heiratete er, mitten im Studium, eine Schwäbin namens Dorothee, die wie er in Tübingen studierte. Er Medizin, sie Germanistik. „Aus New Orleans hatte er übrigens einen Leguan mitgebracht“, erinnert sich Frau Pape. „Der stammte aus der zoologischen Abteilung von Woolworth, für zwei Dollar“, ergänzt er, „eine kleine Eidechse, die wurde dann zwei Meter lang.“

So weit die Erinnerung an den warmen Süden. Doch die Papes zog es beide gen Norden, während der Schulzeit auch mit den Kindern. Heute zieht Pape zum Fotografieren allein los. Seiner Frau fehlt einfach die Geduld, auf den fotografierenden Gatten in Islands oder Norwegens Weiten zu warten. Denn Pape plant seine Aufnahmen geduldig und sorgfältig, oft über Stunden, wartend auf das richtige Licht, auf der Suche nach der richtigen Perspektive, stets mit Stativ, stets mittels Handbelichtung. „Ich bin ein Tüftler. Das war ich auch als Arzt. Ich habe zum Beispiel vielen Kollegen das Handwerkszeug für die Herzschrittmacher vermittelt.“

Auf dem Weg nach Gutulia – Cord Pape mit Kamera im Nationalpark an der schwedisch- norwegischen Grenze. Foto: privat
Auf dem Weg nach Gutulia – Cord Pape mit Kamera im Nationalpark an der schwedisch- norwegischen Grenze. Foto: privat
Beruf und Liebhaberei ergänzen sich
Pape betont gegenüber dem Besucher, der ihn als Fotograf und Gestalter einzigartiger Fotokalender kennt, dass er die Liebe zur Fotografie nicht deshalb pflegt, weil der Arztberuf ihm nicht genügt habe. Nein, der sei immer vorgegangen. Beruf und Liebhaberei hätten sich ergänzt. Pape nennt den geschulten Blick des Fotografen und die Blickdiagnose des Arztes. „Er hatte,“ bestätigt seine Frau, „ein gutes Auge – als Arzt und für die Fotografie.“ Unwillkürlich landet das Gespräch bei der ärztlichen Diagnostik durch Sehen, Hören („Eine Mitralklappenstenose klingt im Stethoskop wie eine Melodie“) und Tasten, und natürlich die ausführliche Anamnese, die drei Viertel aller Diagnosen liefere. Pape scheint bei der Diagnostik mit der gleichen Geduld vorgegangen zu sein wie beim Fotografieren. Er bedauert, dass die ärztliche Kunst der Diagnostik mit den Sinnen langsam an Bedeutung verliere zugunsten der Technik, gesteht aber zu, „dass man mit der Technik noch mehr herausbekommt“.

Seine ärztliche Kunst hat Pape nach dem Studium in Tübingen, Wien und Marburg in Kiel vervollkommnet. Er hätte nach der Medizinalassistentenzeit im Bayerischen auch im Münchener Uniklinikum anfangen können. Doch München bot 1969 nur das halbe Gehalt, verlangte aber den vollen Einsatz, Kiel zahlte dagegen voll, und das gab für den jungen Doktor mit Frau und Kind den Ausschlag, zumal auch die Kieler als Kardiologen einen guten Ruf hatten. So wurde Pape Internist und Kardiologe. Am Krankenhaus in Itzehoe, einem Schwerpunktkrankenhaus mit 630 Betten wirkte er schließlich fast 30 Jahre lang als Oberarzt.

Nun, in diesen 80er-Jahren hat sich Pape ernsthaft der Landschaftsfotografie zugewandt. Ursprünglich habe er zwar gerne Menschen aufgenommen, doch werde bei der Fotografie von Menschen heute vornehmlich das Auffällige, Exotische, Absonderliche erwartet. „Wenn ich aber solche Menschen ohne deren Einverständnis fotografiere, dann verfüge ich über sie. Das wollte ich nicht.“ Deshalb die Landschaften. Pape wandte sich ihnen gewiss aber auch wegen seiner Liebe zur Weite, zur bloßen Natur zu. Seine Bildern kommen somit ohne Menschen aus, wenn auch die bunten oder verwitterten Häuser, die auf den meisten Fotos zu sehen sind, auf Menschennähe hinweisen und eine Sehnsucht nach häuslicher Geborgenheit aufkommen lassen. Einige wenige seiner Landschaften hat Pape vor zwei Jahren bei einem Wettbewerb der Gesellschaft für Fotografie, Berlin, um die „Hundert Bilder des Jahres 2007“ eingereicht. Auf Anhieb – er hatte sich noch nie an einem Wettbewerb beteiligt – gewann er einen Sonderpreis der Jury und den ersten Preis des Publikums, obwohl (oder vielleicht deshalb?) er mit seinen Landschaftsaufnahmen ein Exot unter den fast 500 Teilnehmern war.

Cord Pape fotografiert seit seinem 14. Lebensjahr. Der Vater hatte ihm eine Agfa-Box geschenkt. Das erste Foto entstand im Harz, erinnert sich Pape, ein alter Schuppen mit ein paar Schafen davor. 1954 dann die erste richtig gute Kleinbildkamera, eine Contaflex, für 420 Mark. Dann in den 60er- und 70er-Jahren der Wechsel zum Mittelformat; mit den Kameras von damals, Hasselblads, natürlich skandinavisch, arbeitet Pape immer noch. Digital fotografiert er nicht, sondern er arbeitet ausschließlich mit Diafilmen, weil diese am wenigsten manipulierbar sind. Pape „manipuliert“ seine Bilder zwar auch, aber vor der Aufnahme, indem er Pol-, Grau- und Verlaufsfilter einsetzt. Und gerade hat er sich einen Tilt- und Shift-Konverter zugelegt, mit dem das Objektiv vor der Filmebene bewegt werden kann.

Die Zukunft freilich gehöre der Digitalfotografie, diagnostiziert Pape ganz nüchtern. „Die Kamera liefert nur noch das Rohmaterial. Das Bild entsteht durch Bildbearbeitung. So kommt es zu einer ganz neuen Kunstform.“
Norbert Jachertz


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Kalender
Aus Papes Bilder entstehen großformatige Wandkalender. Zwei erscheinen bei Dumont („Schönheit des Nordens 2010“ und „Die Zeit steht still“, jeweils zwölf Blätter, je 24,95 Euro).

Zwei weitere, denen auch die Fotos auf diesen Seiten entnommen sind, erscheinen im Eigenverlag, der als Edition Gutulia firmiert, benannt nach einem Nationalpark an der norwegisch-schwedischen Grenze: „Norwegen 2010“ und „Island 2010“, jeweils zwölf Blätter, je 25 Euro. Versand über Wachholtz-Druck GmbH, Fax: 0 43 21–90 62 59; E-Mail: info@wachholz-druck.de. Information auch unter www.edition-gutulia.de

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