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Das dürftige Ergebnis von zwei Jahrzehnten Forschung und 8 000 gesichteten Literaturstellen ist, dass es sich um eine funktionelle Störung handelt, deren Existenzberechtigung allein auf dem Umstand beruht, dass sie mit einer somatoformen Störung nicht identisch sei.

In Auswertung der Literatur hat sich die Leitlinienkommission entschlossen, die bisher für die Diagnosestellung einer Fibromyalgie erforderlichen sogenannten „Tender Points“ für fakultativ zu erklären. Sie reflektiert damit unter anderem das spektakuläre Editorial von Wolfe 2003 (1), das zu dem Schluss kommt, diese seien für die Definition der Erkrankung ungeeignet. Es wird jedoch nicht möglich sein, den Begriff der Fibromyalgie zu retten, indem man die vorher ungenügende Operationalität nun gänzlich aufgibt. Wenn die Definition vorher wachsweich war, so hat sie sich jetzt vollends verflüssigt und es dürfte weniger denn je gelingen, die Kriterien zur Abgrenzung von der somatoformen Störung zu formulieren. Dazu passt, dass die bisher als wirksam erkannten Medikamente sämtlich psychotrop sind. Dieses Postulat bedarf offenbar zunächst keines weiteren Belegs vonseiten seiner Verfechter und die Forderung nach „empirischer Überprüfung“ der Identität beider Störungen stellt im Kern nichts anderes als eine elegante Umkehr der Beweislast dar.

„Unkonventionelle“ Behandlungsmethoden, die in der Einzelprüfung versagen, werden in der „multimodalen Komplexbehandlung“ empfohlen. So jedenfalls der Konsens der Experten, die sich auf Belege stützen, deren Methodik – bei diesem Ergebnis – des Hinterfragens wert wäre. Es gibt noch zahlreiche weitere Unklarheiten in den Leitlinien (2). Das Konzept der Fibromyalgie, ob als Syndrom oder nicht, hat sich als unfruchtbar erwiesen. Es sollte aufgegeben werden. Das wäre nicht das erste Mal in der Medizingeschichte: Auch von der vegetativen Dystonie spricht heute niemand mehr.
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0729a


Dr. med. Matthias Mindach
Humboldtstraße 5, 15230 Frankfurt (Oder)
E-Mail: Mindach@ibel.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Wolfe F: Stop using the American College of Rheumatology Criteria in the clinic. J Rheumatol 2003; 30: 1671–2. MEDLINE
2.
Mindach M: Ist das Dilemma der Fibromyalgie durch die Leitlinie gelöst? Schmerz 2008; 22: 685–8 MEDLINE
3.
Häuser W, Eich W, Herrmann M, Nutzinger D, Schiltenwolf M, Henningsen P: Fibromyalgia syndrome — classification, diagnosis, and treatment [Fibromyalgiesyndrom: Klassifikation, Diagnose und Behandlungsstrategien], Dtsch Arztebl Int 2009; 106(23): 383–91. VOLLTEXT
1. Wolfe F: Stop using the American College of Rheumatology Criteria in the clinic. J Rheumatol 2003; 30: 1671–2. MEDLINE
2. Mindach M: Ist das Dilemma der Fibromyalgie durch die Leitlinie gelöst? Schmerz 2008; 22: 685–8 MEDLINE
3. Häuser W, Eich W, Herrmann M, Nutzinger D, Schiltenwolf M, Henningsen P: Fibromyalgia syndrome — classification, diagnosis, and treatment [Fibromyalgiesyndrom: Klassifikation, Diagnose und Behandlungsstrategien], Dtsch Arztebl Int 2009; 106(23): 383–91. VOLLTEXT

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