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Die Autoren danken für die Leserbriefe und die Gelegenheit, mögliche Missverständnisse der Empfehlungen der S3-Leitlinie zum Fibromyalgiesyndrom (FMS) richtig zu stellen.

– Der Symptomkomplex „chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen“ ohne erklärende organische Erkrankung ist eine klinische Realität. Auf die ungelösten Probleme seiner Klassifikation und Definition in der Krankheitenliste der Welt­gesund­heits­organi­sation, auf die Herr Mindach mit Recht hinweist, wurde im Leitlinientext ausdrücklich eingegangen.

– Die Tender Points werden durch die Leitlinie nicht „abgeschafft“ (Frau Jung) noch sind sie für die Definition des FMS grundsätzlich „ungeeignet“ (Herr Mindach). Für die klinische Diagnose des FMS empfiehlt die Leitlinie, entweder die ACR-Klassifikationskriterien, welche die Tender Point-Prüfung vorsehen, oder die von der Leitliniengruppe definierten symptombasierten Kriterien (chronische Schmerzen mehrere Körperregionen und Steifigkeits-/Schwellungsgefühl der Hände oder Füße oder Gesicht und körperliche beziehungsweise geistige Müdigkeit oder Schlafstörungen ohne Tender Point Untersuchung) zu benutzen. Diese Diagnose-Kriterien lassen sich anhand einer vom Patienten auszufüllenden Schmerzskizze und Symptomfragebogen valide erfassen und sind insofern nicht „vage“ (Frau Jung). Die Auswahl der Kriterien wurde durch Expertenkonsens und durch Befragung einer großen Gruppe von FMS-Patienten zu den Kernsymptomen des FMS gestützt (1). Sowohl Studien aus Kanada (2) als auch eine aktuelle deutsche Multizenterstudie (Häuser et al., in Vorbereitung) weisen auf eine hohe Konkordanzrate der Diagnose nach den ACR- und symptombasierten (ohne Tender Point Überprüfung) Kriterien hin.

Die Aussage von Frau Jung, dass das FMS „eindeutig vertebragen bedingt“ ist, ließ sich durch die systematische Literatursuche nicht bestätigen.

„Die besondere Beachtung individueller, teils einzigartiger Besonderheiten“ (Herr Wörz), nämlich Begleiterkrankungen, Patientenpräferenzen sowie Verfügbarkeit und Nebenwirkungen verschiedener Therapieoptionen, bei der Therapie des FMS werden im Leitlinientext mehrfach betont. Systematische Übersichtsarbeiten bestätigen die klinische Erfahrung von Herrn Wörz, dass eine Ganzkörperwärmetherapie im Gegensatz zur Therapie mit Antidepressiva keine Nebenwirkungen hat. Es liegen jedoch nur kontrollierte Studien zu Spa-Therapie und Moorbädern vor. Die Effektstärken von Spa-Therapie und Antidepressiva bezüglich Schmerzreduktion unterscheiden sich jedoch nicht signifikant (3, 4).

Die Leitlinie hat ein eigenes Kapitel „komplementären und alternativen Verfahren“ gewidmet. Herr Mindach bemerkt zu Recht, dass der Einsatz einiger dieser Verfahren wie Akupunktur und Tai-Chi, welche als Monotherapie aufgrund negativer Studienergebnisse nicht empfohlen wurden, im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes (obligat aktivierende Verfahren wie Herz-Kreislauf-Training und psychotherapeutische Verfahren) erwogen werden können. Die Grundlage dieser offenen Empfehlungen ist im Leitlinientext transparent dargestellt.

Insgesamt ist die Leitlinie aus unserer Sicht als Einigung von Gruppen, die bislang ganz divergierende Ansichten zum Fibromyalgiesyndrom vertraten, von hohem Wert für eine einheitlich bessere Versorgung dieser großen Patientengruppe.
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0729b


Dr. med. Winfried Häuser
Interdisziplinäres Zentrum
für Schmerztherapie/Innere Medizin I
(Gastroenterologie, Hepatologie, Stoffwechsel-
und Infektionskrankheiten, Psychosomatik)
Klinikum Saarbrücken gGmbH
Winterberg 1
66119 Saarbrücken
E-Mail: whaeuser@klinikum-saarbruecken.de

Interessenkonflikt
Der Autor erhält Vortragshonorare von den Firmen Eli Lilly, Janssen-Cilag, Mundipharma und Pfizer sowie Honorare für Beratungstätigkeiten für Eli Lilly und Pfizer und Reisekostenerstattung von Eli Lilly.
1.
Häuser W, Zimmer C, Felde E, Köllner V: Was sind die Kernsymptome des Fibromyalgiesyndroms? Umfrageergebnisse der Deutschen Fibromyalgievereinigung. Schmerz 2008; 22: 176–83. MEDLINE
2.
Katz RS, Wolfe F, Michaud K: Fibromyalgia diagnosis: a comparison of clinical, survey, and American College of Rheumatology criteria. Arthritis Rheum 2006; 54: 169–76. MEDLINE
3.
Häuser W, Bernardy K, Üceyler N, Sommer C: Treatment of fibromyalgia syndrome with antidepressants – a meta-analysis. JAMA 2009; 301: 198–209. MEDLINE
4.
Langhorst J, KLose P, Musial F, Häuser W: Efficacy of hydrotherapy in fibromyalgia syndrome – a meta-analysis of randomized controlled clinical trials. Rheumatology 2009; july 16: epub. MEDLINE
5.
Häuser W, Eich W, Herrmann M, Nutzinger D, Schiltenwolf M, Henningsen P: Fibromyalgia syndrome — classification, diagnosis, and treatment [Fibromyalgiesyndrom: Klassifikation, Diagnose und Behandlungsstrategien], Dtsch Arztebl Int 2009; 106(23): 383–91. VOLLTEXT
1. Häuser W, Zimmer C, Felde E, Köllner V: Was sind die Kernsymptome des Fibromyalgiesyndroms? Umfrageergebnisse der Deutschen Fibromyalgievereinigung. Schmerz 2008; 22: 176–83. MEDLINE
2. Katz RS, Wolfe F, Michaud K: Fibromyalgia diagnosis: a comparison of clinical, survey, and American College of Rheumatology criteria. Arthritis Rheum 2006; 54: 169–76. MEDLINE
3. Häuser W, Bernardy K, Üceyler N, Sommer C: Treatment of fibromyalgia syndrome with antidepressants – a meta-analysis. JAMA 2009; 301: 198–209. MEDLINE
4. Langhorst J, KLose P, Musial F, Häuser W: Efficacy of hydrotherapy in fibromyalgia syndrome – a meta-analysis of randomized controlled clinical trials. Rheumatology 2009; july 16: epub. MEDLINE
5. Häuser W, Eich W, Herrmann M, Nutzinger D, Schiltenwolf M, Henningsen P: Fibromyalgia syndrome — classification, diagnosis, and treatment [Fibromyalgiesyndrom: Klassifikation, Diagnose und Behandlungsstrategien], Dtsch Arztebl Int 2009; 106(23): 383–91. VOLLTEXT

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