ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Neue Influenza A/H1N1: Vertrauenskrise

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Neue Influenza A/H1N1: Vertrauenskrise

Dtsch Arztebl 2009; 106(44): A-2165 / B-1857 / C-1817

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
Jeder Mensch ist in vielen Lebenssituationen ein Laie, angewiesen auf Expertenrat und/oder gesellschaftliche Institutionen, denen er sein Vertrauen schenkt. Vertrauen ist ein zentrales, gesellschaftliches Bindemittel. Es basiert auf Klarheit und Verlässlichkeit, Konsistenz im Handeln und darauf, dass Erwartungen zuverlässig erfüllt werden. Misstrauen hingegen ist die Grundlage für Erosion. „Derzeit durchdringt Misstrauen wie ein Kriechöl viele gesellschaftliche Bereiche“, sagte Christoph Hommerich im Mai beim Deutschen Ärztetag in Mainz. Damals konnte der Professor für Soziologie, Marketing und Management (Bergisch Gladbach) nicht ahnen, dass sein Referat wenige Monate später neue Aktualität erfahren würde. Denn die Aktionen der letzten Wochen waren ein Paradebeispiel dafür, wie Eliten das in sie gesetzte Vertrauen verspielt haben.

Selten war die Verunsicherung in der Bevölkerung größer als bei der Frage: Ist die Impfung zur Prävention der Neuen Influenza A/H1N1 wirklich erforderlich, sinnvoll oder eher schädlich? Zwar haben zunächst die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und dann die Ständige Impfkommission (STIKO) Empfehlungen veröffentlicht. Manche vage Formulierungen geben jedoch eher Rätsel auf, als dass sie für spezifische Situationen konkrete Handlungsanweisungen vorhalten. Zur weiteren Verunsicherung trägt bei, dass in der heiklen Situation einer angestrebten Massenimpfung nicht einmal führende Vertreter der Ärzteschaft „mit einer Zunge“ sprechen. Während der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer die Impfung „für absolut nicht notwendig“ hält, wirbt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVJK) unterdessen eindringlich für das Impfen von Kindern ab drei Jahren. Doch damit nicht genug:

Die Berliner Ärzteschaft droht mit Impfboykott, weil die Vergütung nicht ausreiche. AkdÄ-Vorsitzender Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig äußert den Verdacht, dass die Gesundheitsbehörden auf eine ökonomisch geleitete Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen seien. Und nach Ansicht von Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske (Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen) stehen die für die Zulassung des Impfstoffs und für die Beratung der Öffentlichkeit verantwortlichen Institute unter politischem Druck: „Eigentlich sollte die Wissenschaft für die Beratung der Politik sorgen – nicht umgekehrt.“ Zu allem Übel verheddert sich die Politik in der Kommunikation zu unterschiedlichen Vakzinepräparaten für Bundesbedienstete und die Bevölkerung, sodass der (falsche) Eindruck einer Zweiklassenimpfung entsteht. Wen wundert es da, dass die Bereitschaft der Bevölkerung, sich gegen die Neue Influenza impfen zu lassen, nicht sehr ausgeprägt ist?! So hat eine repräsentative Umfrage der AOK Hessen unter ihren 1,5 Millionen Versicherten Ende September/Anfang Oktober ergeben, dass nur 28,6 Prozent impfbereit sind, mehr als 60 Prozent schließen eine Impfung aus. Nach einer Telefonumfrage von Infratest-Dimap Mitte Oktober (n = 1 000) möchten lediglich zwölf Prozent der Befragten die Impfung „auf jeden Fall“ wahrnehmen.

Kurz: Es ist eine Unmenge an Porzellan zerschlagen worden. Die in der Gesellschaft bestehende Vertrauenskrise ist durch das Missmanagement der A/H1N1-Impfung weiter verschärft worden. Sie wird über den Zeitraum einer möglichen Pandemie nachhallen. Ob sich die zahlreichen Protagonisten dieser Situation wohl bewusst sind?

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
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