ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Von schräg unten: Lesen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Lesen

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Sag mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Nur Zyniker behaupten, diese Aussage habe zur Erfindung der Buchhülle geführt, die – fein säuberlich im Regal positioniert – hinter hochtrabenden Titeln analphabetische Objekte wie beispielsweise Weinflaschen beherbergt. Meistens besitzt man weitaus mehr Bücher, als man jemals in der Lage ist zu lesen, trotzdem versuchen die meisten, die empfohlene Lebensdosis von 5 000 Büchern auch tatsächlich zu bewältigen. Lesen bringe Schönheit ins Lebens, klüger und reicher werde man, so sagen die Literaten. Auch wenn sich die genannten Versprechen bei mir nicht unbedingt einstellen wollen, habe auch ich einen ausgeprägten Drang zum Lesen. Anders, als es der einleitende Satz skizziert, mache ich allerdings vor fachfremder Literatur nicht halt. Meine bessere Hälfte hat eine Frauenzeitschrift mitgebracht, auch wenn diese definitiv nicht für mich bestimmt ist, muss ich einen Blick hineinwerfen. Schon nach kurzem Studium werde ich belohnt, erfahre ich Sensationelles: Eine ältere Dame, die, angereichert mit Empörung und Verdruss über das Leben in diesem Land, vor Jahrzehnten ihren Wohnsitz ins Ausland verlagerte, kehrt nun reumütig nach Deutschland zurück. Nun, der Vorgang an sich ist nichts Besonderes, schon aber der Grund für ihre Heimkehr: nicht dass der Klimawandel uns oasige Landschaften beschert hätte, in denen sie sich nun wohlfühlen könnte.
Auch nicht die Erfindung des Gesetzes zur Umsetzung von Vorschlägen zum Bürokratieabbau, um das uns andere Nationen sicherlich beneiden, hat die Dame gelockt. Oder dass endlich auch im Ausland produzierte Erfrischungsgetränke den strengen Regularien des Dosenpfands unterliegen. Nein, Anlass zur Rückkehr war – Sie werden es nicht glauben – unser Gesundheitssystem! Das hat mich zutiefst beeindruckt. Ohne Wenn und Aber, ohne Konjunktiv hat die medizinische Versorgung all das wettgemacht, was die werte Dame in die Ferne getrieben hat: schlechtes Wetter auch in den Monaten, die kein R im Namen tragen; noch schlechtere Stimmung, wenn trotzdem die Sonne scheint; Politikverdrossenheit aufgrund perseverierter Platitüden. Wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben mit unserer Arbeit die Dame zurückgewonnen. Anders ausgedrückt: Unsere Bemühungen werden in aller Welt hoch geschätzt, unsere Diagnostik und Therapie, die im internationalen Vergleich ihresgleichen sucht, bringt die Menschen dazu, auf Sonne und Samba zu verzichten, Palmen und Papayas den Rücken zu kehren und zur Entrichtung der Praxisgebühr Schlange zu stehen. Wenn das kein Kompliment ist! Verzeihen Sie mir bitte, dass ich mich für einen Moment in diesem höchst erfreulichen Artikel suhle wie eine replikationswütige Stammzelle in der Nährlösung. Meine bessere Hälfte schaut mir über die Schulter. „Was stellst du denn mit meiner Zeitschrift an?!“ Ich . . . äh . . . ich stelle fest: Die Literaten haben recht, Lesen macht glücklich.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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