ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Porträt: Der Senkrechtstarter

POLITIK: Porträt

Porträt: Der Senkrechtstarter

Korzilius, Heike

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„Ich entscheide gern“, hat Philipp Rösler einmal auf die Frage nach seiner größten Stärke geantwortet. Foto: ddp
„Ich entscheide gern“, hat Philipp Rösler einmal auf die Frage nach seiner größten Stärke geantwortet. Foto: ddp
Der bisherige Wirt­schafts­minister und stell­ver­tretende Minister­präsident von Nieder­sachsen, Dr. med. Philipp Rösler, leitet künftig das Bundes­gesund­heits­ministerium. Der 36-jährige FDP-Politiker hat nichts Geringeres als einen System­wechsel im Sinn.

Als Über­raschungs­paket hat sich Philipp Rösler selbst einmal be­zeich­net. Da war er zu Gast in Harald Schmidts „Late Night Show“ und sprach über seine Her­kunft. 1973 in Vietnam geboren, wurde er im Alter von neun Mona­ten von einem deut­schen Ehe­paar adoptiert, ohne dass ihn seine Adoptiv­eltern vorher jemals ge­sehen hatten.

Wie ein Überraschungspaket wirkt der junge Senkrechtstarter aus der FDP auch jetzt auf viele. Er ist die wohl unerwartetste Personalie im neuen Bundeskabinett. Zuletzt galt die Familienministerin Ursula von der Leyen als heiße Kandidatin für die Nachfolge von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD). Doch im Poker um die Posten setzte sich jetzt offenbar der kleinere Koalitionspartner durch.

Rösler gilt als „Ziehsohn“ von FDP-Chef Guido Westerwelle. Der sagt über ihn: „Ich kenne Philipp Rösler. Er hat genau den neuen Schwung, den man in der alten, verkorksten Gesundheitspolitik braucht, um ein besseres Ergebnis zu erreichen.“ Der so Gelobte selbst hat nichts Geringeres als einen Systemwechsel im Sinn. Im nächsten Jahr soll eine Regierungskommission eine neue Finanzierungssystematik für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung erarbeiten. Auf die Grundzüge haben sich die Koalitionäre bereits geeinigt. Der Arbeitgeberanteil an den Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträgen soll eingefroren und der Arbeitnehmeranteil einkommensunabhängig erhoben werden. Der Sozialausgleich erfolgt über Steuern. Das System werde damit gerechter, die Gesundheitsversorgung besser und keineswegs teurer, sagt Rösler dazu.

Sich selbst sieht der 36-Jährige als Vertreter der jungen Generation. „Deren Ziel ist nicht die Sicherheit, nicht die Gleichheit, nicht der Staat als Problemlöser Nummer eins, sondern die Freiheit. Nicht die Freiheit der Alt-68er-Generation, nach dem Motto ,frei sein, high sein‘. Nicht Freiheit von Verantwortung, sondern Freiheit durch Verantwortung“, schreibt er in seinem Themenpapier „Liberale Wegbeschreibung – Einladung an die nächste Generation“. Gleichzeitig beklagt Rösler, dass es in der Gesellschaft fast keinen Bereich mehr gibt, in dem der Einzelne wirklich selbstbestimmt ist und eigenverantwortlich handeln kann.

Für seine liberale Überzeugung ist der passionierte Bauchredner und Segelflieger schon früh eingetreten. Mit 18 Jahren wurde er FDP-Mitglied. 2003 schaffte er mit der Partei nach neun Jahren Abstinenz den Einzug in den niedersächsischen Landtag und wurde Fraktionschef. 2006 wählte ihn die Landespartei zum Vorsitzenden. Im Februar 2009 übernahm er schließlich das Amt des Wirtschaftsministers und des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Seinen kometenhaften Aufstieg in der niedersächsischen FDP beschrieb er einmal mit den Worten: „In so einem kleinen Laden geht das relativ schnell“, was beweist, dass er Humor und Selbstironie besitzt.

Stets korrekt und makellos gekleidet wirkt Rösler dennoch nicht wie der Streber, den sein geradliniger Lebenslauf suggerieren könnte. Das verdankt er seinem Charme und seiner Schlagfertigkeit. Sogar der gefürchtete Harald Schmidt attestierte ihm große Eloquenz, nachdem er, auf sein asiatisches Aussehen angesprochen, konterte: „Auf dem Schulhof haben die Leute gedacht, ich kann Karate. Da war ich der Star.“ Nach dem Abitur studierte Rösler als Sanitätsoffizieranwärter der Bundeswehr in Hannover Medizin. Seine Facharztweiterbildung im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg hat er nicht abgeschlossen.

Auf die Frage „Was ist Ihre größte Stärke?“ hat Rösler einmal geantwortet: „Ich entscheide gerne.“ Diese Eigenschaft dürfte ihm in seinem neuen Amt – im „Haifischbecken“ des Gesundheitswesens – noch von Nutzen sein.
Heike Korzilius
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