ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Neuroenhancement: Auf dem Weg zum optimierten Gehirn

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Neuroenhancement: Auf dem Weg zum optimierten Gehirn

Dtsch Arztebl 2009; 106(44): A-2179 / B-1869 / C-1829

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS In einem jetzt in Berlin vorgestellten Memorandum plädieren die Autoren für einen „offenen und liberalen, aber keineswegs unkritischen Umgang mit pharmazeutischem Neuroenhancement“.

Um dem zunehmenden Leistungsdruck am Arbeitsplatz gerecht zu werden, greifen immer mehr gesunde Menschen zu Aufputschmitteln, Antidementiva, Betablockern oder anderen Medikamenten. Ist das ethisch gerechtfertigt, und befindet man sich mit dem Einsatz solcher Mittel nicht zunehmend auf dem Weg in eine Ellbogengesellschaft? Besteht die Gefahr, süchtig zu werden? Sieben Wissenschaftler* vertreten in einem in Berlin vorgestellten Memorandum die Ansicht, dass es „keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen ein pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt“. Zugleich versuchen sie, mögliche Gegenargumente zu entkräften.

Foto: iStockphoto
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Prinzipielle ethische Einwände gegen Neuroenhancement-Präparate (NEP) seien beispielsweise deren „Widernatürlichkeit“. Das hält die von der Europäischen Akademie, Bad Neuenahr, koordinierte Expertengruppe jedoch für ein schwaches Argument: „Die schiere Künstlichkeit der Mittel kann kaum zum Problem erklärt werden, wenn wir den Einsatz ganz entsprechender Mittel etwa in der Medizin doch fraglos gutheißen.“ Eine der häufigsten Befürchtungen bei einer dauerhaften Einnahme von NEP wird in möglichen Persönlichkeitsveränderungen gesehen. Doch neben negativen gebe es sicherlich auch positive Persönlichkeitsveränderungen, die sogar das erklärte Ziel eines Neuroenhancements sein könnten, heißt es in dem Memorandum.

Ein Vorbehalt gegen NEP betrifft das Risiko, dass die Substanzen mit einer gewissen Suchtgefahr verbunden sein könnten. Die Autoren vertreten die Auffassung, dass, wenn NEP zu einer körperlichen Abhängigkeit führten, dies ein triftiger Grund gegen ihre Nutzung wäre. Den Einwand, dass Neuroenhancement auch zu psychischer Abhängigkeit führen könnte, lassen sie dagegen weniger gelten, denn es ist ihnen zufolge nahezu unmöglich, ein Leben frei von psychischen Abhängigkeiten zu führen.

Die Rolle der Ärzte
Die Befürchtung, dass Neuroenhancement zu immer mehr Leistungsdruck führen könne und jene benachteilige, die solche Mittel ablehnten, halten Dr. phil. Thorsten Galert et al. dagegen für plausibel: „Niemand kann wollen, dass sich der schon gegenwärtig hohe gesellschaftliche Konkurrenzdruck durch die Verbreitung von Neuroenhancement weiter verschärft. Eine durchgängige Ausrichtung des Lebens auf Leistung und Effizienz wäre inhuman und ausgrenzend.“

Ausführlich setzen sich die Autoren des Memorandums mit der Rolle der Ärzte auseinander. Dagegen, dass Neuroenhancement dem ärztlichen Ethos widerspreche, wenden die Autoren ein, dass „Ärzte aus guten Gründen und mit gesellschaftlicher Billigung längst Tätigkeiten außerhalb ihrer primären Zuständigkeit übernommen haben, wie das Verschreiben der ,Pille‘ und anderer Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung.“ Mediziner würden bereits jetzt ihren Patienten mit Verbesserungsmaßnahmen helfen, die teilweise kontrovers beurteilt würden, wie beispielsweise Brustvergrößerungen. „Dass gerade Ärzte solche Aufgaben übernehmen, hat Gründe: Die Nutzer profitieren von den ärztlichen Kenntnissen und Erfahrungen bezüglich möglicher Risiken, Wechselwirkungen und Neuentwicklungen.“ Genau das Gleiche würde auch für NEP gelten.

In dem Memorandum wird von der Einnahme der gegenwärtig als NEP in Rede stehenden Psychopharmaka allerdings abgeraten, weil weder für ihre Wirksamkeit noch für ihre langfristige Sicherheit in der Anwendung durch gesunde Menschen ausreichende Belege vorhanden seien. Die Autoren plädieren deshalb für eine öffentliche Förderung entsprechender Studien. Sie fordern einen „offenen und liberalen, aber keineswegs unkritischen oder sorglosen Umgang mit pharmazeutischem Neuroenhancement“. Bei der Diskussion stieß das Memorandum auf teilweise scharfe Kritik. So meinte Prof. Dr. med. Hanfried Helmchen, Berlin, dass nicht nur über theoretische Möglichkeiten diskutiert werden sollte, sondern auch empirische Erkenntnisse einbezogen werden müssten.
Gisela Klinkhammer

@Das vollständige Memorandum
und ein Kommentar dazu:
www.aerzteblatt.de/092179
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*Dr. phil. Thorsten Galert, Prof. Dr. med. Isabella Heuser, Dimitris Repantis, Davinia Talbot, Christoph Bublitz, Prof. Dr. jur. Reinhard Merkel, Prof. Dr. med. Bettina Schöne-Seifert

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